Improtheater Kanonen-
futter: Jede Show eine Premiere

Wann immer sie die Bühne betreten, haben sie keinen blassen Schimmer, was passieren wird. Die Jungs und Mädels vom Improvisationstheater „Kanonenfutter“ aus Stuttgart spielen mal Kolumbus, mal Bundeskanzler, mal Kleiderständer – nur von Dildos und Klobürsten haben sie genug.

Stuttgart – Eine Viertelstunde vor Beginn der ersten Show ist das Merlin komplett überfüllt. Sitzplätze gibt es schon lange keine mehr, die Leute drängen sich mit einem Bier in der Hand zwischen Bar und Stühlen, die Stimmung ist gelöst. Vor der Tür stehen rund dreißig Leute Schlange. Eine Perücke, ein Quietscheentchen, Seifenblasen, Federboa und Feuerwehrhelm liegen im schummrigen Licht auf der kleinen Bühne. Es ist „Kanonenfutter-Nacht“: Fünf Stunden, fünf Shows, 150 gut gelaunte Menschen.

Keiner hat den Text gelernt

Johannes Kahlhöfer eröffnet die Show. Der Moderator heizt dem Publikum ein. Heute hat er leichtes Spiel, im Merlin sind fast nur Stammgäste versammelt, sie feiern, sie machen mit, sie sind gut drauf. „Kanonenfutter“ tritt auf: Alle fünf Schauspieler tragen schwarz. Keiner von ihnen hat einen Text gelernt, keiner von ihnen kennt die Geschichte, die sie gleich spielen werden. Es gibt keine Absprachen, das ist Ehrenkodex. Alles entsteht im Moment.

„Das Schöne am Improtheater ist, dass man nicht aufgeregt sein muss. Man weiß sowieso nicht, was kommt und kann deswegen auch nichts vergessen“, sagt Sara Rehm. Neben Sara gehören noch 15 andere Leute zum Team von Kanonenfutter. Gegründet im Jahr 2009, hat sich die bunte Truppe von einer AG an der Hochschule der Medien zu einer Theatergruppe mit Auftritten in ganz Stuttgart gemausert.

Das Publikum ist immer Teil der Show

Die verschiedenen Shows funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Das Publikum schlägt etwas vor. Einen Buchstaben, einen Namen, einen Ort, einen Gegenstand, eine Jahreszahl – es ist immer etwas anderes.

Basierend darauf beginnen die Schauspieler mit ihren Szenen. „Wir können aus so ziemlich allen Sachen eine Geschichte bauen“, sagt Sara. „Nervig ist nur der Pipi-Kacka-Humor: Dildo, Klobürste, Tampon und Einhorn wird so oft vorgeschlagen. Das ist zwar kurz witzig, aber der Killer jeder Emotionalität.“ Man dürfe die Zuschauer dafür aber nicht verantwortlich machen: „Es ist unser Job, da was daraus zu machen.“ Irgendeine Vorgabe sei immer noch besser als gar keine.

Die perfekte Show gibt es nicht

Außerdem gilt: Improtheater ist nicht perfekt. „Blackouts kommen immer wieder vor, aber dafür haben wir die Unterstützung der anderen. Es ist ihre Aufgabe, dich dann aufzufangen“, meint Sara. Angst muss man keine haben: „Das Publikum findet das auch menschlich. Man lacht dann gemeinsam und alles ist gut.“

Improtheater kann jeder lernen, meinen die Schauspieler. „Oft hört man von den Leuten, dass ihnen sowas nie einfallen würde“, sagt Kaja Schütz. „Aber uns fällt ja auch keine ganze Story ein. Wir haben eine Idee, was die Geschichte jetzt weiterentwickeln würde und bringen die ein.“

Theater als Ausgleich zum Alltag

Erst durch das Zusammenspiel aller entstehe dann die Szene. „Schwierig ist es, wenn man auf seiner Version der Geschichte beharrt. Ich lasse mich und meine Geschichte durch die anderen verändern.“ Außer einer Portion Selbstvertrauen braucht es da nicht viel: „Wir sind nicht kreativer oder witziger als andere“, meint die 22-jährige Studentin.

Oberstes Ziel der Gruppe ist es, bei jedem Auftritt eine sinnvolle Geschichte zu erzählen. „Wir versuchen nicht in erster Linie, Gags zu machen. Das funktioniert sowieso nicht auf Knopfdruck. Der Witz und die Lacher entstehen genauso ungeplant wie die Geschichte selbst“, sagt Sara.

Die Gruppe ist ehrgeizig

In den wöchentlichen Proben üben die Schauspieler deswegen das Storytelling: Was macht eine Geschichte aus? Welche Elemente braucht sie? Dabei ist vor allem das Zusammenspiel mit den anderen wichtig, meint die 27-Jährige: „Wir müssen uns gegenseitig vertrauen und uns aufeinander verlassen können, das ist super wichtig.“

Die Gruppe ist ehrgeizig: Neben den Trainings besuchen sie regelmäßig Workshops, um ihr Niveau zu verbessern. Bezahlt werden die aus den Einnahmen der Shows. „Das Geld geht vollständig in unsere Impro-Kasse. Keiner von uns verdient daran, das ist ein reines Hobby“.

Jede Szene eine neue Reise

Ein Hobby, das viel Zeit frisst. Die meisten Mitglieder von „Kanonenfutter“ stehen am Ende ihres Studiums oder sind gerade in den Beruf eingestiegen – da bleibt nicht mehr viel Freizeit. „Es ist für uns aber einfach ein geiler Ausgleich zum Alltag“, meint Sara. Man erlebe Geschichten, die im eigenen Leben einfach unmöglich sind. „Jede Szene ist wie eine Reise, die neu beginnt: Da gehen auch Sachen schief, aber am Ende kommt man immer irgendwo an.“

Im Merlin sind „Kanonenfutter“ und sein Publikum am Ende der ersten Show von Stuttgart-West nach Arabien in das Jahr 1492 gereist, haben Kolumbus kennengelernt und Völkerversöhnung gefeiert. Dazwischen wurde gesungen, getanzt, geklatscht und vor allem viel gelacht – alles ohne Drehbuch. „Eine Show ist dann perfekt, wenn alle Spaß hatten“, sagt die „Kanonenfutter“-Crew – schwer zu glauben, dass jemand an diesem Abend keinen Spaß hatte.

Kanonenfutter-Show im Stuttgarter Westen

Die nächste Show von Kanonenfutter ist am Dienstag, 17. April

Ort: Merlin Kulturzentrum, Augustenstraße 72.

Beginn: 20 Uhr, Einlass 19 Uhr

Eintritt: Jeder Besucher zahlt so viel Eintritt wie er möchte

Mehr Infos gibt es hier.

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