Imkern in der Stadt: Stuttgart summt

Am Sonntag lädt die Stadtimkerei Summtgart zum Bienentag auf die Kulturinsel. Höchste Zeit, diese außergewöhnlichen Mitbürger mal genauer vorzustellen!

Stuttgart – „Die Biene liegt auf der Intensivstation. Wenn man sich nicht um sie kümmert, wird sie verschwinden.“ Durchaus drastische Worte, die Imker David Gerstmeier wählt. Aber eben auch die Wahrheit: Es steht nicht allzu gut um das fleißige Insekt. In freier Natur und ohne menschliches Zutun kann ein Bienenvolk heute schon gar nicht mehr überleben.

Ökologisch, ökonomisch und sozial

Das ist, gelinde gesagt, ziemlich uncool: Satte 80 Prozent der heimischen Kultur- und Wildpflanzen (also rund ein Drittel von unserem Obst und Gemüse) sind von der Bestäubung durch die Bienen abhängig. Und von denen sind wiederum viele weitere Tiere abhängig. Und so weiter. Menschen wie David Gerstmeier wollen sich gar nicht erst ausmalen, wie eine Welt ohne Bienen aussähe und ob künftig vielleicht Roboter unsere Pflanzen bestäuben. Deshalb hat er mit Tobias Miltenberger Summtgart gegründet, eine Stuttgarter Imkerei, die ökologisch, ökonomisch und sozial handelt.

Bienen im Kinderzimmer

Nur: Warum überhaupt Bienen? „Die Biene hat etwas wahnsinnig Faszinierendes“, sagt der 27-Jährige, als er einen der Bienenstöcke auf der Kulturinsel öffnet und behutsam eines der Magazine herausholt, an dem tausende Bienen ihrer Arbeit nachgehen. „Ich hatte schon als Kind ein Bienenvolk und habe nach der Schule dann auch eine Imkerausbildung in Hessen gemacht.“ Dort lernte er die konventionelle Imkerei kennen, wie er wenig begeistert zurückblickt: „Mit künstlicher Königin, Besamung, industriell gefertigten Waben.“ Sein Tonfall verrät selbst dem Laien: Das ist ein weit verbreiteter, aber deswegen noch lange kein guter Ansatz.

Im Klartext heißt das: Bei Summtgart dürfen die Bienen ihre Waben noch selbst bauen, haben eine richtige Königin und bekommen nicht den ganzen Honig entnommen, den sie produzieren.

Aber damit stehen sie recht alleine da. Und insbesondere Hobby-Imker würden bevorzugt industriell arbeiten – ganz einfach weil sie es nicht besser wissen. „Das kritisieren wir sehr“, stellt David klar. „Allerdings verurteilen wir nicht die einzelnen Imker, die ja auch nur Gutes tun wollen, sondern die Ausbildungsstrukturen.“ Bei 90 Prozent Hobby-Imkerei in Deutschland kann man da durchaus von einem Problem sprechen.

Da summt was!

Zwei Jahre war David für ein Imkereiprojekt in Togo, die Liebe verschlug ihn mitsamt seiner Bienen nach Stuttgart. Beim Stadtacker an den Wagenhallen lernte er irgendwann seinen künftigen Kollegen Tobias Miltenberger kennen. Statt Konkurrenten zu werden, schlossen sie sich mit ihren Völkern zu Summtgart zusammen. Eine richtig quirlige Vielvölker-WG also, die Honig nach Demeter-Richtlinien produziert und verkauft – auch im Abo. Knappe 100 Völker mit jeweils zwischen 20.000 und 40.000 Bienen haben die beiden. Da summt ganz schön was rum!

Imker aus Leidenschaft

Sie haben Bienen an der Kulturinsel, aber auch in der Wilhelma, im Rosensteinpark, auf den Streuobstwiesen der Schwäbischen Alb oder im Schwarzwald. Manchmal „wandern“ die Völker auch hin und her, um immer für genug Nahrung zu sorgen. Übrigens: Das Volk wird auch Bien genannt. Und zu dem baut der Imker eine richtige Beziehung auf. „Nach sechs Wochen sind alle Bienen quasi einmal ersetzt worden – doch der Bien erkennt mich immer noch. Das ist wie bei Körperzellen. Irgendwann sind alle ausgetauscht, aber wir erkennen uns weiterhin.“ Man merkt: Imkerei ist ihr Job. Aber zugleich ihre Berufung. Statt auf Masse zu setzen, um möglichst viel Honig zu produzieren, geht es den beiden vorrangig um das Wohl der Biene. Und davon kann das fleißige Insekt viel gebrauchen.

ProBiene

Immerhin: Viele Menschen merken langsam, wie wichtig die Biene für uns ist. „Das Bewusstsein ist mittlerweile geschärft“, nickt David, der mit Summtgart regelmäßig Schulkinder empfängt. „Doch die Hobby-Imkerei kann die Bienenhaltung nicht weiterentwickeln, da braucht es andere Ressourcen.“ Deswegen haben die beiden mit ProBiene auch einen Verein gegründet, der sich für nachhaltige Bienenhaltung einsetzt.

Natürlich kann auch jeder einzelne was tun. Und da muss es jetzt nicht gleich der eigene Bienenstock sein. „Jeder kann seinen Garten oder Balkon bienenfreundlich gestalten“, sagt David. Wildblumen und Kräuter sind da ein guter Anfang. Auch der Kauf von lokalem Honig ist wichtig –  obwohl David betont, dass man den Imker dann schon auch mal mit Fragen löchern kann. Wie viel Honig wird entnommen? Sind die Waben künstlich? Ist es eine echte Königin? Damit tut man nicht nur was Gutes. Man fühlt sich auch ziemlich profimäßig.

Noch mehr über Bienen können wir am Sonntag, den 27. Mai, ab 13 Uhr beim Bienentag auf der Kulturinsel erfahren. Da gibt‘s dann Bienenführungen, Honigverkostungen, Infostände, Mitmachaktionen und auch die Antwort auf die Frage, wie oft so ein Imker eigentlich gestochen wird.

www.summtgart.de

Titelfoto: Mikael Kristenson/Unsplash

Bienentag in der Kulturinsel

Anlässlich des Welttags der Bienen veranstaltet die Kulturinsel in Bad Cannstatt, Güterstraße 4, einen Bienentag.

Wann? 12 bis 20 Uhr

Mehr Infos gibt es hier.

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