Imkern: Dann klappt’s auch mit den Nachbarn

Seit drei Monaten kümmern sich Kerstin und Tim im Stuttgarter Westen um zwei Bienen-Jungvölker. Die pelzigen Insekten erweisen sich dabei als echte Kontaktknüpfer.

Stuttgart – Einmal die Woche steigen Kerstin Rack und Tim Hagemann derzeit die Stufen zu ihren zwei Bienenvölkern auf. In einem Hinterhof unweit des Rosenbergplatzes liegt das steil abfallende, verwucherte Gartenstück, in dem ihre Bienen ein Zuhause gefunden haben.

Stadtmenschen in der Natur

Seit Juni stehen die zwei Bienenkisten dort am höchsten Punkt, der Garten wird von den Bewohnern des Mehrfamilienhauses sonst nicht weiter genutzt. Jetzt, Ende des Sommers, seien die Bienen schon nicht mehr so entspannt, weil sie selbst nicht mehr viel Nektar finden. Das Schutzhemd tragen sie zwar, den Schleier für Kopf und Hals legen sie aber trotzdem nicht an.

Im Vorjahr noch, hatten die Architektin und der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Windenergie ein Hochbeet auf dem Züblin-Parkhaus im Bohnenviertel bewirtschaftet, das sei nun in diesem Jahr durch die Bienen abgelöst worden. Tim wurde die Lust an den Bienen von seinem Vater vererbt, der seit 30 Jahren imkert. Seit etwa vier Jahren hat er selbst mit dem Gedanken geliebäugelt, seine eigenen Völker zu pflegen.

Für Bewohner der Innenstadtbezirke besitzen die beiden 28-Jährigen eine starke Naturverbundenheit. In diesem Jahr kam der Gedanke an die Bienen dann zum richtigen Zeitpunkt, die Anmeldung zum Kurs beim Imkerverein Stuttgart war gerade offen.

Honig als „Schmiermittel“ vor Nachbars Türe

Nur der Vermieter musste noch überzeugt werden, dem zwar der Garten nicht gehört, für den er aber Wegerecht besitzt. „Er war überraschend interessiert“, erinnert sich Tim. Schnell stellte sich raus, dass dieser früher auch Imker gewesen sei und er die Idee unterstützt. „Dann haben wir die Kisten einfach aufgestellt“, berichtet Kerstin.

Am Anfang hätten sie den Nachbarn im Haus noch ein Glas Honig als „Schmiermittel“ vor die Tür gestellt, die Reaktionen seien seither auch durchweg positiv. Einige der Nachbarn hätten schon an den Kisten vorbeigeschaut, wenn Kerstin und Tim dort zugange waren. „Seitdem haben wir überhaupt mehr mit den Nachbarn zu tun“, sagt Tim und grinst.

50 bis 70 Euro kostet ein Jungvolk

Im Juni bevölkerten die Bienen einen Kasten halb, den zweiten voll. Ein voller Kasten fasst etwa 40.000 bis 50.000 Bienen. Die Königinnen haben Kerstin und Tim auch schon getauft: Queen B und Khaleesi. Zweiterer entstammt der HBO-Serie Game of Thrones. Ein Jungvolk kostet etwa 50 bis 70 Euro und kann direkt über den Imkerverein gekauft werden. Von dort bekommen die zwei auch ihr Imker-Know-how. Anfang des Jahres habe es eine Informationsveranstaltung des Landesbieneninstituts an der Uni Hohenheim gegeben, der ganze Audimax sei voll gewesen. „Die meisten die dort waren haben auch Kurse angefangen“, erzählt Tim.

Bienen-Support per Whatsapp

Ein Jahr lang einmal im Monat besuchen die beiden den Kurs, „damit man den ganzen Zyklus auch mal mitmacht“, sagt Kerstin. Eine Prüfung muss nicht abgelegt werden, im Endeffekt kann jeder imkern. Da der Umgang mit den Bienen aber viel Erfahrungssache sei, helfe es, „sich mit Leuten zu unterhalten“, meint Tim. Einen Ansprechpartner beim Imkerverein zu haben, den man im Notfall auch per Whatsapp kontaktieren könne, sei deswegen super. Vom Verein können sie sich dann für ihre erste Honigernte auch die Schleuder ausleihen.

Auch mit Tims Vater werde am Telefon jetzt ausschweifend über das Imkern gefachsimpelt. „Mein Vater ist so stolz“, sagt Tim und lacht. Ihr neues Hobby sei auch dafür verantwortlich, dass sie mehr Kontakt hätten. Echte Kontaktknüpfer eben, diese Bienen.

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