Im Rapkessel nachgefragt: Frauen im Battlerap?

Der Rapkessel feiert sein Fünfjähriges. Noch immer ist das Freetstyle-Battle in der Schräglage hauptsächlich männerdominiert. „Wo sind die Frauen?“, haben wir Veranstalter Tim, Rapperin Miss Nice, Bloggerin Vanessa Seifert und Dennis Paulus vom Rapblokk gefragt.

Stuttgart – Der Rapkessel findet zweimal im Jahr statt – und das bereits zum fünften Mal in Folge. Die Spielregeln sind einfach: Acht Teilnehmer treten zum Freestyle-Battle gegeneinander an. Sprich, es wird ohne vorgeschriebene Texte zum vorgelegten Beat improvisiert. Welche Teilnehmer sich an diesem Abend auf der Bühne gegenüberstehen, entscheidet sich vor Ort. Spontan und mit Humor soll der Gegenüber ins Lächerliche gezogen werden. Im gegenseitigen Schlagabtausch wird nach K.O.-System bis zum Finale gebattelt. „Rapkessel Champion“ wird derjenige, der sich gegen all seine Gegner durchsetzen kann und von der Jury sowie dem Publikum am meisten gefeiert wird. Schaut man sich die Teilnehmerlisten der vergangenen Veranstaltungen an, fällt auf: Der Rapkessel ist männerdominiert. Woran liegt das?

Battlerap wird von Männern dominiert

Veranstalter Tim sagt: „Leider haben sich schon lange keine Frauen mehr zum Rapkessel angemeldet.“ Der Schnitt: Bisher sei nur eine Teilnehmerin angetreten – „das ist aber auch schon länger her.“ Generell gäbe es wenige Rapperinnen in der Battle-Szene. „Vielleicht liegt es daran, dass sich Frauen immer noch mehr reinhängen müssen als Männer, um akzeptiert zu werden.“

Vanessa Seifert, Gründerin des Blogs alphamaedchen und freie Autorin bei Rap-N-Blues stimmt zu: „Während sich im Rap-Business immer mehr Frauen tummeln, ist der Bereich des Battleraps noch immer in Männerhand. Dabei bot Out4Fame mit „Feuer über Deutschland 2“ schon 2007 weiblichen Battle-Rapperinnen eine Bühne.“ Auch der Rapkessel sieht sich als eine Plattform für „gleichberechtigten“ Battlerap: „Ich persönlich fände es viel interessanter, wenn eine Frau das ganze männerdominierte Spiel etwas aufmischt“, so Tim.

Battle-Situationen im Real Life

Im Battlerap geht es darum, sich über seinen Gegner lustig zu machen, ihn vor dem Publikum bloßzustellen und zu diskreditieren. „Es ist ein bisschen wie früher auf dem Pausenhof, als sich die Jungs prügelten – nur eben mit Worten. Es werden Fakten über den Gegner recherchiert, das Äußere kommentiert oder Klischees ausgepackt. Derjenige, der das Publikum am meisten unterhält, gewinnt“, vergleicht Vanessa. Spricht man über Grenzen, ist man ziemlich schnell bei der Moral – etwas, das nach den Rapkessel-Veranstaltern „jeder mit sich selbst vereinbaren muss.“

Wichtiger Schlüssel für das, was geht und was nicht ist das Publikum. Werden mit einer Punchline Grenzen überschritten, spiegelt sich das in den Reaktionen vor der Bühne wieder. Doch nicht nur die Crowd vor der Bühne darf Richter spielen – auch im Internet wird geurteilt.

Ist eine Frau Battle-Partnerin, ist es in der Szene schon oft eskaliert – vor allem im Netz. Vanessa erinnert sich: „2017 gab es auf der Tapefabrik von DLTLLY ein gemischtes Battle zwischen Pilz und Nedal Nib – also zwischen einer Frau und einem Mann. Die Kommentare unter dem Video triefen nur so vor sexistischen Kommentaren gegenüber Pilz. „Ob sie die besseren Punchlines hat oder nicht interessiert leider relativ Wenige.“ Und nicht nur in der Battlerap-Szene müssen Frauen darum kämpfen ernstgenommen zu werden. „Um ehrlich zu sein, ist das für die meisten Frauen Alltag. Immer wieder hören wir uns sexistische Sprüche und Herrenwitze an über die dann meist nur die Männer lachen. Egal, ob im Meeting, in der Bar oder in der Bahn nach Hause“, sagt Vanessa.

Woran könnte es also liegen, dass es noch immer so wenige Frauen in Freestyle-Battle-Situationen gibt? „Wir werden ungefragt in diese Reallife-Battlesituation gebracht und entweder lächeln wir es weg oder sind schlagfertig genug für einen Konter. Vielleicht gibt es deswegen wenige Frauen, die sich dann noch zusätzlich in diese Rap-Battle-Situation begeben wollen, da es für sie sinnvollere Battle gibt, die sie austragen müssen.“

Foto: Vanessa Seifert

Battlerap und der Hunger zu kontern

Ginge es nach Rapperin Miss Nice sollte es mehr weibliche MC’s geben, die Freestyle battlen: „Ich denke Männer werden immer präsenter sein, weil das Thema im Schnitt auch mehr Männer interessiert.“ Für Sanny, wie Miss Nice im „real life“ genannt wird, ist Battlerap auch eine Frage der Persönlichkeit und wo man sich selbst als Künstler sieht: „Fürs bühnentaugliche Battlen und Freestylen muss man auch gemacht sein. Man braucht den Hunger, kontern zu wollen.“

Foto: Miss Nice

„Ich bin zum Beispiel nur am Schreiben, nehme Tracks auf und habe ab und an mal einen Auftritt. Das nimmt neben dem Job schon fast meine gesamte Freizeit in Anspruch. Man muss sich entscheiden. Ich battle gerne mal mit Kumpels, aber auf die Bühne gehe ich nur mit persönlicher Message.“

Sanny weiß: „Frauen wurden im Rap nicht immer akzeptiert – selbst heutzutage ist das oft noch so.“ Wichtig sei es, über den Dingen stehen zu können: „Nimmt man sich dumme Sprüche zu Herzen, blockiert das.“ Sanny wünscht sich, dass Frauen, die am Battle Spaß haben, präsenter auf den Bühnen sind und alles andere ausblenden. „Battle ist eine Kunstform, die manchmal weh tut, aber auch verdammt witzig sein kann. Es gibt ja auch keine Vorgaben, wie man gegeneinander zu battlen hat – der eine kann nur mit Beleidigungen seine Meinung darlegen, ein anderer wiederum intellektuell ohne ein Schimpfwort kontern. Man muss es gut verpacken und ich bin mir sicher, dass es vielen Frauen gibt, die das können, ihnen aber die Plattformen fehlt, um sich weiterzuentwickeln.“ Sie ergänzt: „Generell würde ich mir viel mehr an Rap und Hip-Hop interessierte Frauen wünschen, vor allem in der Umgebung von Stuttgart…hier herrscht ein chronischer Mangel!“

Veraltete Frauenbilder ändern

Foto: Herr Schiller

Dennis Paulus vom Rapblokk geht sogar noch einen Schritt weiter: „Wenn wir 2018 im Modus-Mio-Mainstream-Rap (aktuell 3 gefeaturte Frauen: Juju, Nura und Loredana aka die üblichen Verdächtigen) und in sämtlichen Festival-Line-Ups der Rapublik noch immer einen absolut niedrigen Prozentsatz an Frauen sehen, ist das absolut peinlich. Wir brauchen eine Art Frauenquote für Rap, ähnlich wie in der Wirtschaft.“

„Wo sind die Frauen?“ ist also eine Frage, die nicht nur im Battlerap gestellt werden sollte, sondern für ganz Hip-Hop-Deutschland gilt. Dennis ist der Meinung, dass vor allem Texte sowie die dazugehörigen Visuals von Modus-Mio-Rappern wie Gzuz Einfluss auf das Denken ihrer Zielgruppe haben: „Leider herrscht hier halt oft die urzeitliche Vorstellung, dass die Frau an den Herd gehört, zu Hause auf den Mann wartet und zu dessen Vergnügen herhalten muss.

Fakt ist, selbst im Jahr 2018 werden sexistische Klischees über Frauen aufrechterhalten – und das gesamtgesellschaftlich. Daran muss sich (noch immer) etwas ändern: „Wenn der Rap-Mainstream eine andere Meinung oder Stellung zur Frau hätte, vermute ich, dass sich mehr Mädels trauen würden zu rappen. Selbiges gilt für die Battle-Szene“, so Dennis. „Nichtsdestotrotz wünsche ich mir, dass sich unabhängig von dem oben geschriebenen mehr Mädels und Frauen ans Mic trauen. Dass es sicherlich nicht einfach wird und eine gehörige Portion Selbstbewusstsein dazugehört, zeigen die SXTN-Mädels, die sich fernab der Kritiken nicht unterkriegen lassen und eine loyale und vor allem gesunde Fanbase haben.“

5 Jahre Rapkessel

Wie immer, wurden vorab sieben TeilnehmerInnen ausgewählt – der/die Achte wird erst zu Beginn der Veranstaltung ermittelt. Den Veranstaltern ist es wichtig, eine  Plattform zu bieten – für alle. „Wir würden uns freuen, wenn in Zukunft auch Frauen teilnehmen“, so Tim. Wer spontan ist, kann auch noch heute bis 19 Uhr in die Schräglage kommen und sich anmelden.

5 Jahre Rapkessel mit DEXTER
Freitag, 5. Oktober
Schräglage, Stuttgart
Einlass: 19.00 Uhr
Beginn: 20.00 uhr

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