Stadtkind-Check: Wir haben Tiktok getestet, damit ihr nicht müsst!

Mit zwei Milliarden Downloads knackt Tiktok Rekorde. Aber was ist dran am Hype? Unsere Autorin musste die App gleich zwei mal herunterladen und weiß jetzt, was die chinesische Erfindung so besonders macht.

Stuttgart – Na, in welchem Team spielt ihr? Team Tiktok oder bei den Mr. und Mrs. „Hör mir auf mit dem Blödsinn!“? Egal auf welcher Seite ihr steht: Mehr als eine Milliarde Nutzer weltweit, ganze fünf Millionen in Deutschland, wischen mittlerweile ganz munter Videos rauf und runter. Aber was schauen sich die da eigentlich die ganze Zeit an? Stimmt das mit den nervigen Tanzvideos oder peinlichen Lip-Syncs? Ich habe mal versucht, mit Tiktok warm zu werden.

Zwei Milliarden Downloads

Das Jahr 2020 ist für viele ein Schicksalsjahr, auch für die App Tiktok. Schon 2016 entstand die App unter dem Namen „Douyin“ in China, eine Idee der Tech-Firma ByteDance die von Zhang Yiming gegründet wurde. Spätestens als er 2017 die US-amerikanische App musical.ly aufkaufte und zu Tiktok machte, ging es steil bergauf. Heute hat die App schon über zwei Milliarden Downloads. Dass ein chinesisches Unternehmen von so vielen US-Amerikanern Daten sammeln kann, begeistert vor allem einen – nicht: Trump hat vor kurzem die Ausgliederung der App in amerikanische Hände gefordert. Gut so, sagen einige. Heuchlerisch, finden andere. Aus datenschutztechnischer Sicht macht es keinen Unterschied, einen chinesischen Zhang oder amerikanischen Marc Zuckerberg mit Daten zu füttern. Für Trump ist das Tiktok-Verbot also vor allem eines: Machtdemonstration gegenüber China.

Tiktok die Erste: Sofort wieder deinstalliert

Als ich die App das erste Mal installierte, war von Trumps Hetze gegen Tiktok noch nichts zu spüren. Das war noch vor der Corona-Krise. Als Medienfachfrau, dachte ich mir damals, da musst du doch wissen, was abgeht. Gesagt, getan: Ein paar Klicks und die App gesellte sich zu Instagram, Whatsapp und Co. auf meinen Home-Bildschirm. Doch dann die große Enttäuschung: Tiktok war langweilig, ja geradezu einschläfernd. Zu Beginn musste ich Themen angeben, die mich interessieren. Also gut, dachte ich mir und klickte wahllos Essen, Beauty, Comedy und weitere an. Als ich nach dieser Themenwahl durch meine For-You-Page scrollte, schlief mir fast das Gesicht ein, so sehr langweilte ich mich. Außerdem verstand ich irgendwie nicht wirklich, wie das alles funktioniert mit diesen Sounds oder Filtern, mit denen immer eine bestimmte Thematik aufgegriffen wird. Ein paar Tage später hatte ich die App wieder deinstalliert und war zur Mrs. „Hör auf mit dem Blödsinn!“ geworden.

Und dann kam der Lockdown…

Doch wie könnte es anders sein: Auch mich hat die Corona-Zeit zu Dingen bewegt, von denen ich vorher nie gedacht hätte, dass ich sie mal tun würde. In meinem Fall war das zwar nicht der obsessive Nudel- und Klopapier-Kauf, dem die meisten Deutschen verfielen. Nein, es war der erneute Download einer App, mit der ich eigentlich schon abgeschlossen hatte. Aber mein Ehrgeiz hatte mich gepackt. Ich wollte nicht akzeptieren, dass es das schon gewesen sein soll. Dass ich mich mit einer App, deren Marktwert schon lange die 100 Milliarden-Euro-Marke geknackt hatte, nicht mal zehn Minuten beschäftigen kann. Einer App, der reihenweise Jugendliche verfallen. Deren Big Stars wie Charli D´Amelio in einem Jahr über vier Millionen Dollar verdient hatten. Also startete ich einen zweiten Versuch – und der Algorithmus zog mich in seinen Bann.

Die Geheimzutat des Tiktok-Algorithmus

Dieses mal hatte ich der App ein weniger länger Zeit gelassen, um mich doch zu überzeugen. Und genau das ist der Trick des Tiktok-Algorithmus. Der analysiert unser Sehverhalten und muss erst einmal herausfinden, was uns eigentlich gefällt. Dabei basiert er nicht auf einem Netzwerk wie Facebook oder Instagram, bei dem wir uns mit Freunden und Influencern verknüpfen. Bei Tiktok muss man theoretisch niemandem folgen, denn es werden auch so laufend Dinge angezeigt, die zum eigenen Interesse passen. Tiktok wertet aus, was wir liken, kommentieren oder – und das ist das wichtigste – wie lange wir ein Video anschauen. Aus all diesen Daten ergibt sich ein Profil, das Tiktok immer wieder mit ähnlichen Nutzern vergleicht, um genau die Inhalte auszuspielen, die uns gefallen könnten. Durch diesen raffinierten Algorithmus ist die Verweildauer bei Tiktok mit 50 Minuten auch so unglaublich hoch: Wir sehen immer wieder Neues, gemixt mit Dingen, die wir schon kennen und mögen. „Best of both worlds“ also, quasi eine Mischung aus der Insta-Explore- und Insta-For-You-Page.

Zeig mir deine Tiktok-Page und ich sag dir, wer du bist

Und was soll ich sagen: Bei mir hat der Algorithmus beim zweiten Anlauf voll eingeschlagen. Am Anfang waren zwar einige Tage tatsächlich fast nur Tanzvideos und Lip-Sync – beides manchmal auch ganz lustig. Heute spiegelt Tiktok aber genauso meine Persönlichkeit wider wie Instagram. Ganz nach dem Motto: Zeig mir deine Tiktok-For-You-Page und ich sag dir wer du bist, findet man da Pflanzen-Tipps, vegane Rezepte, philosophische Fragen, Positive-Mind-Content, gesellschaftliche und feministische Themen oder Interior-Ideen. Der Unterschied zu anderen sozialen Netzwerken ist: Die Videos sind maximal 60 Sekunden lang. Nicht genug Zeit, um komplexe Inhalte zu vermitteln. Deswegen und weil der Tiktok-Algorithmus, meiner Meinung nach, geradezu erschreckend intelligent ist, sollte man auch hier eher auf altbewährten Social-Media-Minimalismus setzen. Ich bin jedenfalls gespannt, was mit der App in Zukunft noch alles passieren wird und beobachte das Ganze jetzt nicht mehr vom Spielfeldrand, sondern ganz unauffällig als kleines Grashälmchen mittendrin.

Mehr aus dem Web