„Ich bin HIV-positiv“: Warum es wichtig ist, offen über HIV zu reden

Ahmed Mnissi ist HIV-infiziert. Mit uns teilt er seine Erfahrungen und stellt fest: „Die Menschen sind einfach viel zu wenig aufgeklärt!“ Genau deshalb möchte er das Tabu brechen und zeigen, wie wichtig es ist, offen über Geschlechtskrankheiten zu sprechen.

Stuttgart – „Ich will jetzt nicht mehr schweigen und mutig sein!“ Ahmed Mnissi ist HIV-positiv. An den Tag seiner Diagnose kann er sich noch genau erinnern: „Es war der 23. April 2016. Ich war gerade zu Besuch in Berlin, als ich einen Anruf von einer unbekannten Nummer bekam. Ich bin erst nicht ans Telefon gegangen – warum auch? Doch dann blinkte eine Nachricht bei WhatsApp auf. Es war meine Ärztin, die mich bat, zurückzurufen. Eigentlich wusste ich es sofort.“ Nach dem Telefonat war klar: Bei der Blutspende wurde in Ahmeds Blut ein Titer, also ein Antikörper gegen HIV festgestellt. „Eigentlich wollte sie es erst nicht verraten, doch ich habe darum gebeten, um vorbereitet zu sein – wenn das überhaupt geht.“ Dieser Moment veränderte alles. Ahmed ist sich sicher: „Ohne die Diagnose wäre ich heute ein anderer Mensch.“

Eine Diagnose, die alles veränderte

Am nächsten Tag reiste er direkt zurück, um bei seiner Ärztin einen weiteren Bluttest zu machen. „Eine Woche später war klar, dass ich HIV-positiv bin.“

Ahmed erinnert sich: „In diesem Moment ist natürlich eine Welt für mich zusammengebrochen. Es war aber nicht die Angst, daran zu sterben. Mein erster Hauptgedanke war: Ich werde niemals eine Partnerschaft finden, ich werde für immer alleine bleiben!“

„Wo hast du dich angesteckt?“

„Das fragen wirklich die meisten – ich mich damals natürlich auch. Aber ich will nicht mehr die Kraft hineinstecken, herauszufinden, von wem ich das habe, sondern eher mit dem Fakt klarkommen, dass es jetzt so ist.“

Bis heute weiß Ahmed nicht, wo und bei wem er sich angesteckt hat. „Ich war erst ein halbes Jahr vorher bei einem Bluttest und da wurde nichts festgestellt. Es gab in dieser Zeit nur drei Menschen, bei denen ich mich hätte anstecken können. Zwei davon habe ich auch offen darauf angesprochen, wie ihr Gesundheitsstatus ist, beide haben verneint. Ich denke, entweder hat man mich angesteckt, weil man es selbst nicht wusste oder eben bewusst, aber davon gehe ich nicht aus. Wer macht sowas?“

Mit der Frage nach dem Wie und Wo wurde der 31-Jährige auch mit einigen Vorwürfen konfrontiert: „Viele sagen, wenn du nicht aufpasst und mit mehreren Sexualpartnern ungeschützt Sex hast, bist du selbst Schuld daran. Das ist mir zu anklagend. Klar, wir sind alle für uns selbst verantwortlich. Doch verdrängen wir das Thema Geschlechtskrankheiten oft. Homesexuelle sowie Heterosexuelle. Deswegen will ich damit auch an die Öffentlichkeit.“

In der Anfangszeit wurde Ahmed in der Uniklinik Tübingen behandelt und weitere Tests durchgeführt, unter anderem auch die Viruslast gemessen, also die Prozentanzahl der Viren, die sich im Blut befinden. „Die war damals sehr hoch. Deswegen ist es ziemlich sicher, dass meine Ansteckung frisch war.“

Wie sagt man das seiner Familie?

„Ich habe anfangs viel Zeit für mich gebraucht, musste lernen mit dem Fakt klarzukommen, mich informieren und aufklären, mir ein gewisses Selbstbewusstsein aufbauen, um darüber reden zu können.“

Nach der Diagnose im April wartete der Selbstständige bis August, um seiner Familie davon zu erzählen. „Sie haben aber super reagiert und waren wirklich eine große Hilfe für mich.“

Dank der frühen Erkennung seiner Infektion und der medikamentösen Behandlung ist Ahmed nun seit September 2016 unter der Nachweisgrenze, das heißt, wenn man einen Bluttest macht, wird der Virus nicht mehr gefunden. „So ist man zu 99,999 Prozent nicht mehr ansteckend.“ Dank der Behandlung hat Ahmed eine klassische normale Lebenserwartung.

HIV im Alltag

„Ich muss sagen, dass die Diagnose damals zu einem Zeitpunkt in meinem Leben kam, an dem sich vieles veränderte. Meine langjährige Beziehung zerbrach, ich zog vom schwäbischen Dorf nach Stuttgart, begann in einem Friseursalon zu arbeiten. Und das alles unter Einfluss der Viruslast. Ich war körperlich teilweise sehr schwach. Das war eine harte Zeit.“

Seinem Arbeitgeber sagte er damals nichts über seine Erkrankung. „Ich bin rechtlich nicht dazu verpflichtet, wenn ich nicht ansteckend bin. Und vor allem hatte ich auch Angst, direkt meinen Job zu verlieren.“ Heute ist das anders: „Es ist vielleicht nicht das Erste, das ich von mir preisgebe, aber ich gehe offen damit um.“

Damit hat Ahmed allerdings nicht immer positive Erfahrungen gemacht, was hauptsächlich an dem Unwissen seiner Mitmenschen lag. „Natürlich ist das Thema aufgekommen. Zum Beispiel in meinen damaligen WGs: Meine Mitbewohner stellten viele Fragen wie: Kann ich mich anstecken, wenn wir die gleiche Toilette benutzen? Klar, für viele klingt das abwertend, aber ich finde den Austausch wichtig. Manche ließen sich nach unseren Gesprächen sogar testen, weil sie zum Beispiel auch ungeschützten Sex in dieser Zeit hatten. Das zeigt mir wieder, wie wichtig der Dialog ist.“

„Wir alle sind verantwortlich, uns aufzuklären, weiterzubilden und auseinanderzusetzen. Das passiert nur, indem HIV und andere Geschlechtskrankheiten präsenter werden im Alltag. Nur weil man sich nicht Gedanken darüber macht, heißt es nicht, dass man sich nicht ansteckt.“

„Eines der besten Beispiele bin ich selber: Als ich eine Zeit lang in Tübingen gewohnt habe, hatte ich einen Flirt mit einem Mann, den ich echt toll fand und der sehr offen zu mir war und erzählte, dass er HIV-positiv sei. Ich habe mich nie wieder bei ihm gemeldet. Warum? Weil ich einfach nicht aufgeklärt war.“

Dating mit HIV

„In der Anfangszeit hatte ich auch einen Partner und es war ganz klar, dass wir aufpassen müssen. Wir hatten aber lange keinen Sex, weil ich selbst so unsicher war. Und das hätte ich niemals jemandem antun wollen. Es ist ja aber das Medikament PrEP auf den Markt gekommen, also eine Pille, die HIV an der Vermehrung in den Körperzellen hindert. Seit dem 1. September 2019 übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten für die PrEP-Medikamente und Begleituntersuchungen bei Menschen mit erhöhtem HIV-Risiko.“

Und wie läuft das heute auf Tinder und Co.? „Was ich ganz schlimm finde, vor allem auf Datingplattformen, sind Fragen wie: Bist du gesund? Das ist abwertend und hemmt viele, sich zu outen. Ich fühle mich trotz HIV ja topfit! Was ich wirklich attraktiv finde, sind offene Fragen nach meinem Status. Das zeigt Interesse und dass man aufgeklärt ist. Auf Dates oder wenn es zum Sex kommt, bin ich ja nicht verpflichtet, etwas zu sagen, wenn ich unter der Nachweisgrenze liege. Aber wenn ich jemanden wirklich kennen will oder sobald es ernst wird, sage ich es immer. Es gehört einfach zu mir dazu!“

„Die Erkrankung ändert nichts daran, wer ich als Mensch bin!“

Ahmed hat lange gebraucht, um zu verstehen, warum die Erkrankung auch wichtig war in seinem Leben. Heute weiß er: „Ich habe ein ganz anderes Bewusstsein entwickelt für meinen Körper und die Umwelt, habe damals aufgehört zu trinken, zu rauchen, angefangen mich anders zu ernähren und dabei 30 Kilo abgenommen. Ich weiß jetzt, was es bedeutet, gesund zu sein und wie wichtig das ist. Meine Sicht auf die Dinge hat sich verändert. Ich bin sexuell aufgeschlossener und aufgeklärter.“

Vor allem seine Zeit am Theater in Hamburg hat Ahmed dazu ermutigt, sich mehr zu trauen und offen über Themen wie HIV und Co. zu sprechen. „Ich hatte lange Zweifel damit an die Öffentlichkeit zu gehen.“ Nicht etwa, weil er selbst nicht damit klarkommt, sondern aus Angst vor den Reaktionen und Folgen, vor allem für seinen Job als Selbstständiger Hair- and Make-up-Artist.

„Ich habe mit vielen Menschen vorher gesprochen – Freunden, meinen Chefs. Alle haben mich darin bestärkt. Außerdem mache ich seit meiner HIV-Diagnose nur noch Dinge, die mir mein Bauchgefühl sagt. Und das fühlt sich gerade einfach richtig an.“

Wichtig sei ihm ein positiver Diskurs, ohne Zeigefinger und vor allem die Message: „Die Erkrankung ändert nichts daran, wer ich als Mensch bin!“

Weitere Infos und Links

AIDS-Hilfe Stuttgart e.V.
Johannesstraße 19, 70176 Stuttgart
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