Hurra, meine Stammkneipe hat wieder geöffnet!

Lockerung wird entweder zum Wort oder Unwort des Jahres. Sehen wir noch. Für den Moment gilt: Durchatmen in dieser surrealen Zeit und auch mal wieder in die Stammkneipe gehen. Ein Plädoyer für den Support der Kiez-Gastro.

Stuttgart – Oh, ich habe vieles gesehen in den letzten drei Monaten. Ich habe Menschen gesehen, die geweint haben, als die Fitnessstudios wieder geöffnet haben. Ich habe Menschen gesehen, die ihr Glück kaum fassen konnten, wieder nach den richtigen Dichtungsringen im Baumarkt kramen zu dürfen. Überhaupt habe ich ganz generell Menschen gesehen – weil ich endlich wieder zum Friseur konnte und wieder geradeaus schauen kann. Jedem von uns ist in diesen Tagen etwas anderes wichtig. Für jeden von uns ist eine andere Nachricht die lang erhoffte Botschaft.

Stammkneipe in Gefahr!

Für mich ist es die wiedereröffnete Gastronomie. Die Restaurants versuchen sich bereits seit einigen schwierigen Wochen mit aufopferungsvoller Arbeit und jeder Menge Nervenflattern an einem Neustart. Ein reichlich zermürbendes Unterfangen natürlich, wenn man mit maximal der Hälfte der Gäste dennoch genügend Geld zum Überleben einnehmen muss. Ein großer Industriebetrieb würde die Produktion jedenfalls nicht wieder hochfahren, wenn von vornherein klar ist, dass selbst 50 Prozent Auslastung ein Wunschtraum sind.

Seit Montag dürfen jetzt auch die Bars und Kneipen im Land wieder öffnen. Das ist natürlich eine unsagbar großartige Nachricht für jemanden wie mich, der sein Büro auch mal am Tresen hat und die unersetzliche Geselligkeit einer Stammkneipe in der Nachbarschaft schätzt. Endlich mal wieder ein frisch gezapftes Bier, endlich mal wieder ein paar Weisheiten, Anekdoten oder Anregungen von den Wirtinnen und Wirten im Kiez.

Anstand und Abstand

Es ist ja aber eben so: Das Virus, das schleicht immer noch durch die Gegend und versucht uns, unser Leben zu versauen. Geht das also überhaupt zusammen, der Abend in der Kneipe und meine Rolle als vernünftiger, reifer Mensch, der sich an Abstand und Kontaktbeschränkungen hält? Ich sage: ja. Wenn ich auf gewisse Dinge achtgebe. Wir lockern zwar immer weiter, wir bekommen Baustein für Baustein unseres alten Lebens zurück. Mit Maske und Abstand natürlich, das neue Normal ist gekommen, um zu bleiben. Wir dürfen uns trotz aller Entspannung aber nicht vormachen, dass es das gewesen ist.

Höhö, Spässle g’macht.

Tutorial: Wie ich meine Stammkneipe retten kann

Weil es aber nie so wichtig war wie jetzt, die Gastronomie in der eigenen Nachbarschaft zu unterstützen, ja, zu bewahren, dürfen wir jetzt nicht aufhören, in die Restaurants und Kneipen zu gehen. Das darf jeder gern anders sehen, in diesen Zeiten gibt es bekanntlich keine allgemeingültige Wahrheit. Nicht alle wollen, nicht alle sollen, nicht alle können. Das ist völlig okay. Jeder muss seinen Weg durch diese sonderbare Zeit finden. Ich sehe es aber so: Wenn ich jetzt nicht für diese Läden da bin, dann sind sie nächstes Jahr vielleicht auch nicht mehr für mich da. Und wenn es mir vor etwas graust, dann vor einem Stuttgarter Westen, den ich vor lauter leerstehenden Restaurants und Kneipen nicht wiedererkenne.

Trinkgeld bitte nicht vergessen

Also habe ich mir eine Taktik überlegt. Ja, ich gehe Essen. Ja, ich gehe Biertrinken. Aber eben nicht in fünf Läden gleichzeitig, sondern erst mal nur in einen oder zwei. Dort esse und/oder trinke ich dann. Dort bringe ich meine Freude über die Wiedereröffnung zum Ausdruck, hinterlasse ein ordentliches Trinkgeld und ziehe glücklich von dannen. Gastronominnen und Gastronomen haben natürlich jeden Tag höfliche, korrekte, friedliche und großzügige Gäste verdient. Jetzt aber mehr denn je. Und solange meine Auftragslage nicht noch mehr einbricht, werde ich gern unterstützen, wo ich nur kann. Wenn das jeder, der ein bisschen Kleingeld übrig hat, mit seinem Stammladen macht, ist wahrscheinlich schon eine gewaltige Menge erreicht.

Und mal ehrlich: Helfen war noch nie so angenehm wie jetzt. Wir können endlich wieder das tun, was wir lieben – und tun damit sogar etwas Gutes. Nur auf die Schulter klopfen sollten wir uns dabei selbst. Abstand und so.

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