Hoodcheck: Obertürkheim

Stuttgart hat mehr zu bieten als Mitte, Süd, Nord, West und Ost. Im Hoodcheck zeigen wir euch die schönsten Ecken abseits der üblichen Pfade. Diesmal: Obertürkheim

Stuttgart – „Was geht eigentlich in Obertürkheim?“, fragt ihr euch bestimmt gerade. Ich sage euch: so einiges. Der Stadtteil liegt ganz idyllisch inmitten von Weinbergen, nicht weit von Hafen und Grabkappelle. Hier bin ich aufgewachsen, in die alte Hood komme ich immer wieder gern zurück – und das nicht nur, weil meine Mama da noch wohnt. Die süße Kinothek, ein altes Filmtheater aus den 50ern, ist immer eine kleine Reise aus dem Kessel wert, genauso wie der Burgerladen Nachtschicht und vor allem auch die Weinberge – Stichwort: Rößleweg. Dass ich das mal sagen beziehungsweise schreiben würde, hätten meine Eltern wohl nie zu träumen gewagt. Denn als Teenager empfand ich die sonntäglichen Ausflüge ins Grüne als absolute Qual. Tja, so ändern sich die Zeiten. Da zieht sogar ein local Hero wie DJ Emilio aus dem schönen Stuttgarter Westen ins beschauliche Stadtviertele, das bei den Weinfesten in der City ganz vorne mitspielt. Es folgt unser Hoodcheck mit Tipps für Obertürkheim.

Filme gucken in der Kinothek

In der Kinothek habe ich meinen ersten Kinofilm gesehen – „101 Dalmatiner“. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen. Mama und ich waren etwas zu spät dran. (Daran hat sich übrigens bis heute nichts geändert!) Da außer uns niemand den Film sehen wollte, hatten wir das Kino ganz für uns allein. Eine der schönsten Kindheitserinnerungen. Später kamen Filme wie „Free Willy“ und „Jurassic Park“ dazu – wer erinnert sich? Auch heute noch schaue ich mir dort gern Filme an.

Was wird gezeigt? „Man sei um den künstlerischen Film bemüht“, heißt es auf der Homepage der Kinothek. „Auch beim Publikum weniger erfolgreiche filmische Kostbarkeiten (!) kommen bei uns ins Programm. Wir pflegen ein Mischprogramm zwischen guter, interessanter Unterhaltung mit klarer Tendenz hin zum „Arthaus-Film“ (künstlerisch wertvoller Film, anspruchsvoller Film).“ Unser Programmkonzept heißt bewußte Filmauswahl für ein Zielpublikum von 6 bis 100 Jahren, das von einem Filmbesuch etwas mehr erwartet als nur schnelles, oberflächliches Konsumieren der „Ware“ Film. Wir sehen uns weniger als Kino, als Filmtheater, vielmehr als Theater für Film.“

Tipp: Flashdance, der Disco-Filmklassiker aus den 80ern, kommt zurück auf die große Leinwand – und zwar in die Kinothek! (Deutsche Fassung, 97 Minuten, ab 12 Jahren. Wiederaufführung, in digitaler Qualität restauriert.)
Mittwoch, 17. Oktober,  20.30 Uhr
Dienstag, 23. Oktober,  20.30 Uhr
Freitag, 26. Oktober,  20.30 Uhr
Sonntag, 4. November, 17.30 Uhr

Burger essen in der Nachtschicht

Ich kann mich noch gut erinnern, als die „Nachtschicht“ in Obertürkheim eröffnete. Ich konnte das irgendwie nicht glauben. Was? Ein hipper Burger-Laden so weit außerhalb? Das geht doch nicht! Und ob. Man nehme die vier Brüder Moritz, Daniel, Clemens und Lukas Flieg, einen leerstehenden Gastrobetrieb im Nirgendwo und eine Schnapsidee. Et voilà: die Nachtschicht war geboren. Und das ist jetzt schon fünf Jahre her. Die Brüder aus dem Schwarzwald mischen aber nicht nur Obertürkheim, sondern auch Stuttgarts Straßenfeste ordentlich auf – und zwar mit Burgern vom Feinsten.

Hier geht’s zur Speisekarte >>>

Nachtschicht Stuttgart
Augsburger Strasse 562
70329 Stuttgart

Kontakt:

0711 / 3004188
info@nachtschicht-stuttgart.de

Öffnungszeiten:

  • Di-Do: 11.30 – 14 Uhr, 17.30 – 21.30 Uhr (Küche bis 21 Uhr )
  • Fr: 11.30 – 14 Uhr, 17.30 – 22.30 Uhr (Küche bis 22 Uhr)
  • Sa: 17.30 – 22.30 Uhr (Küche bis 22 Uhr)
  • So: 14 – 21.30 Uhr (Küche bis 21 Uhr)
  • Feiertags: 17.30 – 21.30 (Küche bis 21 Uhr)

Streetart von Jeroo

Mittlerweile müsste es wirklich jeder mitbekommen haben. Ja, ich bin ein großer Streetart-Fan. In Stuttgart-Mitte bekommt man the so called Straßenkunst dann doch an mehreren Ecken (kein Vergleich mit Berlin oder Hamburg) beziehungsweise S-Bahn-Waggons zu sehen. In Obertürkheim? No way! Umso überraschter war ich, als mir dieses schöne Kunstwerk unter die Augen gekommen war. Unweit von Bahnhof und Ortskern ein echter Hingucker! Zu verdanken dem one and only Streetartist Chris Ganter aka Jeroo, der unter anderem auch die Brückenpfeiler in Heslach bemalte.

Bronzefigur: Der Ausländer

Die Statue von Guido Messer* steht direkt in Bahnhofsnähe an einer Bushaltestelle in Obertürkheim. Sie zeigt einen Mann mit hochgeschlagenem Kragen und gesenktem Blick und steht symbolisch für die erste Generation der Gastarbeiter, die seit Mitte der 1950er Jahre nach Deutschland kamen: ihr gesamtes Hab und Gut in nur einem Koffer bei sich tragend.

Der Künstler hatte die Figur wohl im Rahmen eines Wettbewerbs angefertigt. Mich erinnert sie immer auch ein bisschen an meine eigene Familiengeschichte. Meine Eltern kamen vor über 40 Jahren aus Kroatien und Mazedonien nach Stuttgart, passten sich an, bauten sich hier viel auf, ermöglichten mir noch mehr. Ich habe mich nie als Ausländer gesehen, fand es immer super, dass Stuttgart so multikulti war. Hoffen wir mal, dass es so bleibt.

Eine witzige Anekdote gibt es dann aber doch noch zu der Skulptur. Bei einem Schulausflug nach Bonn entdeckte ich sie im Haus der Geschichte. Ich konnte meinen Augen kaum glauben und rief meinen Mitschülern zu: Hey, die gleiche steht in Obertürkheim. Und dann stand da tatsächlich auf dem Kärtchen: Einzige Nachbildung befindet sich in Stuttgart Obertürkheim.

*Guido Messer wurde 1941 in Buenos Aires geboren und machte in Pforzheim eine Lehre zum Goldschmied. Später studierte er Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und absolvierte eine Lehre als Kunstgießer.

Guido Messer: Der Ausländer
Göppinger Straße 25
70329 Stuttgart

Ab in die Weinberge

Hier lässt es sich aushalten, findet nicht nur DJ Emilio, der in den Weinbergen liebend gern spazieren geht (siehe unten). Nein, auch ich finde immer mehr Gefallen an den Stuttgarter Reben – und das nicht nur wegen des Resultats, einem edlen Vino blanco. Ich kann mich tatsächlich auch mal für einen sonntäglichen Walk durch die Weinberge erwärmen. Erst kürzlich bin ich eine Teilstrecke des Rößlewegs abgelaufen – von Fellbach bis Obertürkheim. Hier lest ihr mehr >>>

Emil from the Hood

Über Emil Calusic, besser bekannt als DJ Emilio, wurde schon viel geschreiben. Der Stuttgarter mit kroatischen Wurzeln und Teil der Kolchose-Posse sei ein Brudi wie er im Buche steht, ein Hobby-Poet wie man ihn selten erlebt, ein Mixed-Music-DJ, der nicht nur für Hip-Hop lebt. Der Musikliebhaber ist eben umtriebig und spätestens seit seinen Social-Media-Posts wissen wir, auch ziemlich wortgewandt. In Stuttgart-West aufgewachsen, zog es ihn vor gar nicht allzu langer Zeit nach Obertürkheim, wo er unter anderem gern mal mit Hunde-Sohn Cuba die Weinberge unsicher macht.

DJ Emilio ist mit seinem Hund Cuba gerne in den Obertürkheimer Weinbergen unterwegs.

Und wie gut gefällt es Emil in Obertürkheim? Sehr gut! „Wir haben jetzt Balkone (im Westen hatte ich keinen), einen Garten, viel Licht in der Wohnung und die Weinberge direkt bei uns.“

Ja, die Weinberge haben es dem DJ angetan. „Jedes mal, wenn ich in der City zu tun habe und später wieder nach Hause fahre und die Weinberge sehe, dann kehrt bei mir eine innere Ruhe ein.“

Emil empfiehlt 

Als Weintrinker könne er den Leuten die Weinproben und -führungen hier in der Hood empfehlen. „Außerdem sind diverse Besenwirtschaften und die Kinothek immer einen Besuch wert.“

Facts zu Obertürkheim

Obertürkheim am Neckar ist, zusammen mit dem Stadtteil Uhlbach, der östlichste Stadtbezirk von Stuttgart – umgeben von Mettingen, Hedelfingen und Untertürkheim.

Einwohnerzahl (zusammen mit Uhlbach): 8.437

Das Bezirksrathaus befindet sich in der Augsburger Str. 659. Der Bezirksvorsteher ist Peter Beier.

Anbindung: B10, S1, Busse 61, 62, 65, 101

Sehenswürdigkeiten: 

  • Evangelische Petruskirche – romanische Kapelle und leicht barocke Ausstattung.
  • Wohnhaus Obertürkheim, Uhlbacher Str. 31 (Weinbau und Besenwirtschaft Ruoff), Fachwerkbau erbaut circa 1550
  • Ehemaliges Gasthaus Ochsen in Obertürkheim (Ecke Rüderner/Augsburger Straße), wahrscheinlich im 16. Jahrhundert erbaut, schließlich in den 1990er Jahren renoviert und unter Auflagen des Denkmalschutzes umgebaut zum Wohnhaus mit Arztpraxis.

Obertürkheim

Mehr aus dem Web