Fasten und Co.: Hört auf, aufzuhören!

Im Januar steht das Fasten traditionsgemäß sehr hoch im Kurs. Gefastet wird Alkohol, Süßigkeiten, Zigaretten, Fett, Instagram und so ziemlich alles andere, was Spaß macht. Unser Autor findet das heuchlerisch und vollkommen bescheuert.

Stuttgart – Man muss nicht mal aus dem Fenster oder auf den Kalender schauen, um zu wissen, welche Jahreszeit wir haben. Jede zweite Werbung setzt sich mit Abnehmen oder Sport auseinander, die Supermärkte sind voller Fitnessgeräte und hässlicher Jogging-Klamotten, überall hecheln die Menschen die Stäffele rauf und runter, die schon am zweiten Januar ihre guten Vorsätze bereut haben, aber die teuren Joggingschuhe nicht gleich wieder wegschmeißen wollen.

Die Neujahrs-Katharsis

Fasten ist im Januar so en vogue wie die Völlerei im Dezember. Nach Plätzchen, Schoko-Nikoläusen und der einen oder anderen Weihnachtsgans in Kombination mit einem Hektoliter Wein erwacht die Nation wie aus einem Koma und denkt kollektiv, jetzt wieder rigoros alles anders machen zu müssen. Erst der Silvester-Suff, dann die Neujahrs-Katharsis: „So kann es doch nicht weitergehen!“, hallt es von Kaltental bis Korntal, neuerdings ergänzt um den Schrei nach digital detox.

Eine Nation aus Sündern

Und wahrscheinlich kann das auch nicht schaden. Aber meiner Meinung nach ist Fasten, egal welcher Art, eine an Heuchelei und Schwachsinn nicht zu überbietende Angelegenheit, die Seele und Körper eher quält als reinigt. Erst erlaubt man dem Körper, sich in Völlerei und Trunk zu verlustieren, bis er sauer aufstoßend rebelliert, danach setzt man ihn auf kalten Entzug und macht drei Wochen halbherzig Sport, bis man eh wieder in seine alten Marotten verfällt.

Davon hat niemand was – außer der Lebensmittelindustrie mit ihren verarschenden Light-Produkten und überzuckerten Smoothies oder den Fitness-Studios, die die Sünder einkassieren wie damals die katholische Kirche. „Vergib mir, o Personal Trainer, denn ich habe gesündigt.“ – „Kein Problem, mein Kind, 50 Push-Ups und eine halbe Stunde aufs Laufrad, dazu drei Protein-Shakes. Amen!“ Aus einem schlechten Gewissen ließ sich schon immer viel Profit schlagen.

Balance ist keine Yoga-Übung

Ganz oder gar nicht, das scheint auch bei der Benutzung sozialer Netzwerke das neue Mantra geworden zu sein. „Was, du bist noch auf Facebook?“ ist das neue „Was, du isst noch Fleisch?“ geworden. Plötzlich muss man sich rechtfertigen, nur weil man meint, alle zwei Minuten nach Updates von Freunden, Tierseiten oder diesem coolen neuen Restaurant schauen zu müssen. Wer unschuldig ist, werfe den ersten Stein!

Ist ja aber überall so. Nicht nur ab und an auf Fleisch verzichten, sondern gleich ultravegan sein. Nicht nur weniger Alkohol trinken, sondern gleich straight edge für immer. Wie wäre es stattdessen denn, wenn man einfach nach einer Balance schaut. Nach einem individuellen, für jeden selbst bestimmbaren Mittelweg zwischen Exzess und Verzicht? Ein wenig mehr Sport, dafür weniger Alkohol, ein wenig mehr selbst Gekochtes, dafür weniger Pizza und Burger in der Mittagspause. Dazu einfach mal das Handy weglegen und aus dem Fenster schauen. Die Welt wird sich auch so weiterdrehen. Und selbst wenn nicht, bekommt man es so wenigstens mit.

Klingt leicht? Ist es ja auch, verdammt noch mal! Das Problem ist nur, dass sich damit keine Bücher, Kuren oder schlechte Gewissen verkaufen lassen. Und ohne die geht im Januar bekanntlich gar nix.

(Titelfoto: Unsplash/Frankie Cordoba)

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