Hip-Hop und Porsche: Ist das noch Subkultur?

Authentische Wurzelkunde oder Porsche-Werbespot? Die Doku „Back to Tape“ über die Anfänge des deutschen Hip-Hops hat in der Schräglage Premiere gefeiert. Wasi hing trotzdem lieber vor dem Laden rum.

Stuttgart – Es fällt schwer, eine Musikrichtung wie Hip-Hop als Subkultur zu begreifen, wenn sie mehr Alben an der Spitze der deutschen Charts platziert als der heimische Schlager. Und wenn diese sogenannte Subkultur dann auch noch mit Porsche einen Dokumentarfilm über die eigenen Wurzeln produziert, dann hat das natürlich auch ein, sagen wir es schwäbisch, Gschmäckle.

Hip-Hop-Roadtrip

Doch genau das ist „Back to Tape“: Ein Hip-Hop-Roadtrip zu den deutschen Ursprüngen des Genres. Realisiert vom Fachblatt Backspin und dem Zuffenhausener Autobauer für den größeren Geldbeutel, begab sich Backspin-Chefredakteur Niko Hüls auf eine Reise quer durch Deutschland, um in sechs Städten nach der Keimzelle deutschsprachiger Rapmusik zu forschen. Das zieht bei der Premiere des Films jede Menge Hip-Hop-Prominenz in den Stuttgarter Szeneschuppen Schräglage.

Die ersten Worte gehören dann auch Porsche-Pressesprecher Julian Hoffmann. Der versucht gleich mal, Analogien zwischen Hip-Hop und Porsche herzustellen. Pioniergeist und der Mut, neue Wege zu gehen, das würde die beiden Lager verbinden. Stimmt natürlich, wenn man das so will, doch dieser Bezug ließe sich auch zwischen dem Erfinder der Waschmaschine und Reinhold Messner herstellen.

Sehen wir es mal so: In einem Genre, in dem es allzu oft um dicke Schlitten geht, darf man auch mal einen Journalisten in einem todschicken Panamera 2.300 Kilometer durch Deutschland cruisen lassen. Und das durchaus mit Unterhaltungswert: In seinen Treffen mit den deutschen Hip-Hop-Wegbereitern zeichnet er anhand einiger weniger Ausnahmekünstler aussagekräftig die Entwicklung dieses Genres in Deutschland nach.

Hip-Hop ist viel mehr als Musik

Natürlich mit Musikern wie Wasi von den Lokalhelden Massive Töne, dem Hamburger Rapper und Restaurantbesitzer Samy Deluxe, dem Frankfurter Moses Pelham oder dem Heidelberger Toni-L (Advanced Chemistry), der ebenfalls im Publikum sitzt. Er zeigt mit dem Wahl-Stuttgarter und Graffiti-Artist Scotty76 oder mit dem Breakdancer Beat Boy Delles aber auch gut auf, dass Hip-Hop viel mehr ist als Musik. Es ist eine Kultur, die mit ihrem Stil seit Jahrzehnten großen Einfluss auf die Mode, auf die Kunst, auf den Mainstream ausübt. Und längst auch dort angekommen ist. Das spiegelt sich auch in der Anwesenheit von Namika, die spätestens seit „Lieblingsmensch“ ein sehr großer Popstar ist und an diesem Abend lieber in der Schräglage sitzt, als Schampus auf dem Echo zu trinken.

Das wirklich Sehenswerte an „Back to Tape“: Der Film zeigt in 90 Minuten all das auf, was Hip-Hop so wertvoll macht. Von Jugendarbeit bis zum völkerverbindenden Gemeinschaftssinn. Das ist eine heilsame Antithese zu all diesen umnachteten Battle-Rap-Fanatikern, die mit ihrer schwulenfeindlichen, antisemitischen und frauenverachtenden „Musik“ Musikpreise wie den Echo abstauben. Dass der ansonsten standesgemäß authentische und unaufgesetzte Film gleich zwei mal von einem schlecht getarnten Porsche-Werbeclip unterbrochen werden muss, ist aber dann doch zu viel des Guten.

(Fotos: Lichtgut/Julian Rettig)

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