Handpoked Tattoos in Stuttgart

Bye, bye Fluxus – hallo privates Studio! Die Handpoke-Tattoo-Artists Ann Gilberg und „Where the fuck is Connor“ verabschieden sich zwar aus dem Là pour Là, aber noch lange nicht von Stuttgart.

Stuttgart – Denn für Ann und Connor geht es jetzt erst richtig los. Handpoked Tattoos sind gefragt wie nie, besonders filigran und tun weitaus weniger weh. „Viele schlafen bei der Session auch ein“, wissen die Tattoo-Künstler zu berichten. Alles sei ein bisschen langsamer und kontrollierter. Man könnte es fast schon als „Slow Tattooing“ bezeichnen – alles wird entschleunigt. Kein Wunder liegt die traditionelle Tattoo-Technik voll im Trend. Und das habe vor allem auch mit dem Wunsch nach handmade, retro, back to the roots zu tun, ist Connor überzeugt.

Handpoked Tattoos als Trend

Diesen Trend hätte Ann fast verpennt. „Ich habe sehr spät mitbekommen, dass handpoked Tattoos gefragt sind und ich damit mein Geld verdienen kann“, so die 28-Jährige. Gerade, weil sie keine Maschine besitze, sei sie davon ausgegangen: „Ich kann doch keine Tätowiererin werden, wenn ich nicht mit Maschine steche.“ Weit gefehlt. Die Tattoo-Kunst der gebürtigen Kölnerin ist gefragter denn je und „handpoked Tattoos“ mittlerweile ein gängiger Begriff.

Die Technik

Von was genau ist die Rede? Wörtlich übersetzt bedeutet „handpoked“ so viel wie „mit der Hand gestochen“, ganz ohne den Einsatz einer Maschine. Es ist die traditionelle Methode des Tattoostechens. Die Ursprünge der Handpoking-Technik gehen viele tausende Jahre zurück: Schon vor rund 7000 Jahren nutzten Naturvölker spitze Knochen, Haifischzähne, Dornen oder die Stacheln von Kakteen, um ihre Haut mit Tattoos zu verzieren. Heutzutage verwenden Tätowierer für handpoked Tattoos zum Beispiel einen Metallstab, an den sie die Nadeln binden, so entstehen die Kunstwerke wirklich Punkt für Punkt.​ „Ich pieckse mehrere hundert Mal in die Haut bis ein Bild entsteht“, erklärt Ann. Hört sich schmerzhaft an. Ist es aber gar nicht, wenn es nach der Tattoo-Artistin geht. „Es fühlt sich an als würde man auf die Haut drücken.“ Die Rede sei hier aber ganz klar von einem individuellen Schmerzempfinden, ergänzt Connor. „Es kommt immer auch auf die Körperstelle, die Größe usw. an.“ Und es sei nicht mit dem asiatischen Handpoken vergleichbar, das mit einem Hämmerchen und Klopfen einhergehe.

Mit Nadel und Faden

Angefangen hat es bei beiden Tattoo-Künstlern recht ähnlich. Learning by doing lautete ihre Devise. „Die meisten Handpoker haben sich die Technik selbst beigebracht“, weiß Connor. Einfach mal die Nadel schnappen und testen. Ann hat sogar einen „Test-Fuß“, an dem sie Farben, Striche und Punkte ausprobiert. „Viele Tätowierer hatten irgendwann mal Bock, das Stechen zu testen und dann geht es nach und nach immer weiter“, ist sich die Blondine sicher. Bei ihr fing alles im Jahr 2011 an. Damals kam Ann von Köln nach Stuttgart, bekam den Job als Requisiteurin am Theater und fing auf Partys an, erst sich und dann auch Mitbewohner und Freunde zu tätowieren. Später arbeitete sie in der Veranstaltungstechnik und ist jetzt Tätowiererin. Die 28-Jährige liebt es, zu basteln und zu werkeln. „Mit den Händen zu arbeiten, hat mich schon immer fasziniert“, erinnert sie sich.

Auch bei Connor war alles eher Zufall. „Ich wollte keine klassische Ausbildung im Tattoo-Studio machen.“ Und das Handpoken könne man sich, wenn man die Zeit dafür aufbringe, selbst beibringen. „Damit angefangen habe ich aber nicht, um andere zu tätowieren. Es war nie mein Ziel, das Tätowieren zum Beruf zu machen. Ich wollte das für mich machen und die Sachen, die mich beschäftigten auf mir haben.“ Damals war Connor 20 Jahre alt. „Und irgendwann wurde meine Technik immer besser, dann haben Freunde angefragt und jetzt sitzen wir hier“, so der 23-Jährige lachend. Connor hat sein Hobby letztlich zum Beruf gemacht. Zusammen mit Ann freut er sich, handpoked Tattoo im Kessel unter die Leute zu bringen.

Generell mache es die beiden happy, dass Tätowierungen immer „normaler“ würden. „Die Menschen haben einfach Bock drauf.“ Selbst ältere Leute, etwa aus Anns Töpferkurs, lassen sich mittlerweile tätowieren, weil sie merken, dass es jetzt okay ist. Die älteste Kundin der coolen Blonden ist knapp 60 Jahre alt.

Wunsch nach Entschleunigung

Und das alles hat auch ganz viel mit Entschleunigung zu tun. Man will weg von schnell, schnell, Masse und Abfertigung. Die Slow-Bewegung ist präsenter denn je, ob beim Essen oder der Klamotte. „Und dadurch, dass man bei einer Session von handpoked Tattoos so lange aufeinander hockt, wird es auch ein bisschen persönlicher, gemütlicher, intimer. Weil da kein Geräusch ist, das stört“, findet Ann. „Ich erzähle dann auch gern mal von mir, man ist ganz bei sich.“ Das tut den Leute gut, weiß auch Connor. Jeder sei gestresst von der Arbeit, dem Privatleben oder generell seinem Alltag. „Genau deshalb wollen sich die Menschen Zeit nehmen, um runter zu kommen, um zu entschleunigen – auch bei einem Tattoo, das sie sich stechen lassen.“

Lieblingsmotive von Ann und Connor werden im Flash-Book gesammelt.

Und wie sieht es mit Lieblingsmotiven aus? Ann mag Pflanzen und Astronauten. „Aber immer nur Blumen und süße Sachen möchte ich auch nicht machen.“ Sie sei noch am Ausprobieren, habe auch schon Küchenmesser gestochen. „Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, mir zu überlegen, was genau mein Stil ist und habe mir dann gesagt, dass es sich nach und nach schon einpendeln wird.“ Für alle die sich vorab ähnlich viele Gedanken machen, hat die Tattoo-Künstlerin folgenden Ratschlag: „Wenn das Tattoo einmal unter der Haut ist, dann ist es wie ein Leberfleck, der einfach dazu gehört. Man macht sich oft zu viele Gedanken und wenn’s Tattoo dann mal da ist, macht man die sich auf einmal nicht mehr.“

Ann sticht gern kleine, feine Motive. „Ich habe gerade aber auch einen Kunden, dessen ganzen Körper ich tätowiere. Das wird sich etwa noch ein Jahr hinziehen, er kommt einmal wöchentlich vorbei. Wenn man Geduld hat, sind den handpoked Tattoos auch in Sachen Größe keine Grenze gesetzt.“ Dass jedes Tattoo eine besondere Geschichte mitbringt, würde eher verschwinden, findet Ann. „Es gibt immer mehr Leute, die sich einfach etwas tätowieren, was ihnen gefällt, zum Beispiel ihr Lieblingsgericht. Eine Kundin mochte Bananen, also habe ich ihr eine Banane tätowiert. Ich finde es auch schön, wenn es was Instinktives ist.“ Und was mag Connor? „Alles was im Flash-Book ist“, sagt er lachend. Aber selbstverständlich versucht der 23-Jährige auch Kundenwünsche umzusetzen. Nur Tiere könne er ganz schlecht zeichnen. Das Fell sei da seine Hürde.

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