Gute-Nacht-Geschichten von Midnight Service

Rave-Rentner, unfreiwillig aufgelegte Tracks und spontane Bongo-Spieler: Die Gute-Nacht-Geschichten der Midnight-Service-DJs Fairgold, Kiehl und Jakob Mäder sind fast so bunt wie ihr Club-Sound.

Stuttgart – Langweilig. Ok, nicht ganz, aber zumindest ein bisschen langweilig fanden die drei DJs Fairgold, Kiehl und Jakob Mäder das Stuttgarter Nachtleben wohl schon. Damit das nicht so bleibt, haben sie sich 2016 zum Kollektiv Midnight Service zusammengeschlossen und veranstalten seither Partys unter anderem in der Dresden Bar oder in Off-Locations.

Eine Institution im Nachtleben

Ihr Sound ist im klassischen House verwurzelt, aber die drei spielen gerne über Genregrenzen hinweg, denn das Wichtigste ist für Midnight Service sowieso open-mindedness: „Wir wollen die Leute wachrütteln und sagen: hey, man kann auch eine geile Nacht haben, ohne, dass 133BPM Techno gebolzt wird“, so Kiehl. „Wir haben keinen einheitlichen Style und spielen nicht nur House, sondern eben auch Disco, Reggae oder mal härteren Sound“, ergänzt Jakob Mäder.

Der Einstieg ins Veranstalter-Business ist den drei aber nicht immer leicht gefallen. Gerade in Stuttgart sei es oft schwer einzuschätzen, wie bekannt und vernetzt ein Künstler ist: „Man weiß manchmal einfach nicht, ob die Leute das genauso feiern wie wir. Manche DJs, die wir buchen wollen, sind für das Publikum auch einfach absolute No-Names“, so Kiehl. Wer das falsch einschätzt, könne sich schnell verkalkulieren, wenn dann am Abend doch nur eine Hand voll Gäste auftaucht. Umso besser, dass Midnight Service mittlerweile zu einer Institution im Stuttgarter Nachtleben geworden ist und ihre Partys genug Stoff für spannende Gute-Nacht-Geschichten liefern:

Spielst du auch was zum Tanzen?

Kiehl: „Ich habe bei einem meiner ersten Gigs, bei dem ich nur mit Vinyl aufgelegt habe, über sechs Stunden alleine gespielt. Ich war während der ganzen Zeit nicht einmal auf der Toilette und habe nur zwei Gläser Wasser getrunken, weil ich total überfordert war. Nach fünf Stunden kam dann ein Gast zu mir und meinte: ‚Ich bin jetzt schon ein paar Stunden hier, spielst du auch noch was zum Tanzen?’ Da bin ich dann auch fast verzweifelt und habe mich gefragt ‚was mache ich hier eigentlich?’ Ich habe die ganze Zeit Disco gespielt, mein Bestes gegeben und dann kommt sowas. Für mich ist das genauso unverständlich, wie die Leute, die sich Backstreet Boys und Britney Spears wünschen. Zum Glück wünschen sich die Leute bei unseren Partys sowas nicht und wissen, welchen Sound wir spielen. “

Ich freue mich über Alt-Raver!

Jakob Mäder: „Ich freue mich immer, wenn ich irgendwo auflege, wo nicht zwangsläufig House und Techno gespielt wird und ein paar Alt-Raver auftauchen: Leute, die 40, 50 sind und es feiern, wenn man härteren Sound spielt. Die tanzen dann gerne die ganze Nacht durch, weil sie das an ihre Jugend in den 90ern erinnert, als sie totale Techno-Heads waren. In einem Club ist das wirklich häufig passiert und ich fand es immer geil.“

Ein Gast bringt gerne Bongos mit in den Club.

Kiehl: „Wir hatten auch öfters schon einen Gast da, der Bongos in den Club mitgebracht hat. Der hat sich dann mitten in die Menge gestellt und die ganze Nacht zu unserer Musik getrommelt. Vielleicht war das für einige auch eine Inspiration: Neulich war im White Noise und in der Dresden Bar auch ein Typ mit Shaker da, der die ganze Nacht durchgespielt hat.“

Ich habe einen Stick, also bin ich!

Kiehl: „Als Jakob und Fairgold aufgelegt haben, kam mal ein Typ an, der den beiden in den Mixer gegriffen hat. Er meinte dann zu mir, dass die beiden das verdient hätten, weil die Musik so beschissen sei. Außerdem hätte derjenige selbst einen Stick dabei und das sei auf jeden Fall besser als das, was gerade laufen würde. Wie Leute sich so verhalten können, will mir einfach nicht in den Kopf. Vor allem an einem Donnerstag bei dem die Leute nicht mal Eintritt zahlen müssen. Wer den Sound nicht mag, sollte lieber nach Hause gehen, statt sich so herablassend zu verhalten. So viel Respekt kann man gerade noch erwarten.“

Jakob Mäder: „Mir hat auch schon mal jemand in die Platten gefasst beim Auflegen. Ich verstehe auch nicht, warum manche Leute anfangen einem da reinzupfuschen. Ich gehe ja auch nicht zum Kassierer und frage, ob ich heute mal den Barcode scannen kann.“

Mit Vinyl legt man bewusster auf.

Fairgold: „Grundsätzlich lege ich immer noch am liebsten mit Vinyl auf. Die Haptik liegt mir einfach mehr und ich kann Schallplatten besser kontrollieren, weil ich damit auflegen gelernt habe. Man muss sich dabei zwar mehr anstrengen, aber dafür legt man auch viel bewusster auf und setzt sich intensiver mit der Musik auseinander. Mir ist es schon oft passiert, dass ich eine Platte vorgehört habe und irgendwann gemerkt habe, dass sie nicht so richtig passt. Weil ich aber keine Zeit mehr hatte, habe ich sie dann einfach umgedreht und die B-Seite gespielt. Dabei habe ich schon öfter Tracks auf der B-Seite entdeckt, die viel besser funktioniert haben, ich aber überhaupt nicht mehr im Ohr hatte. Solche glücklichen Zufälle gibt es bei MP3s leider nicht.“

Midnight Service zum Anhören – hier entlang.

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