Gute-Nacht-Geschichten-Special: 10 Jahre Elektrosmog

Zehn Jahre Elektrosmog, das sind Abfeiern, Afterhour und Absturz, aber vor allem auch viele gute Geschichten. Ein paar davon hat Rainer Guist für uns aus dem Plattenkoffer gezaubert.

Stuttgart – Es muss schon abgefahren sein, nach zehn Jahren im Bilderarchiv zu stöbern, Pics von alten Partys zu entdecken und sich zu erinnern. Genau so ist es Elektrosmog-Macher Rainer Guist just ergangen. Dass sein Baby jetzt zehn wird, schon irre. Obwohl eigentlich ging ja auch „a bissle“ was vorher, aber irgendwo bzw. irgendwann muss man halt mal anfangen zu zählen. Und nicht nur das, der 40-Jährige beginnt direkt zu sinnieren, was für einen coolen Biergarten der Z-Club hatte, wie krass es auf der legendären Zug-Party zur Sache ging und wieso die Lila-Villa-Gäste auf der anderen Straßenseite auf den Einlass hofften. Verrückt. Ziemlich crazy ist übrigens auch, was Rainer sonst noch so alles macht. Wir fassen kurz zusammen, schließlich soll es hier um Elektrosmog gehen: Rainer war zunächst DJ, dann Veranstalter, später Betreiber und Planer seines eigenen Projekts (Stichwort: Kulturschiff) und wurde wegen des harten Genehmigungsprozesses zum Vorstand des Club Kollektivs. Puh. Jetzt aber zurück zu Elektrosmog – einst eine Radio-Sendung im freien Radio, gegründet von Rainers ehemaligem Mitbewohner. Aber das nur am Rande. Ab zu den Geschichten.

2009: Friendship-Goals

Weil wir damals unzufrieden mit dem Club-Angebot in Stuttgart waren, haben wir angefangen, selbst Partys zu machen – unter anderem bei mir im Keller. Und auch später im Z-Club spielte sich alles nur im Freundeskreis ab, wir waren unter uns. Mehrere kleinere Freundeskreise bündelten sich zu einem großen Freundeskreis – auf den Partys, während den Partys. Wir hatten kaum Eintritt verlangt, man konnte einfach vorbeischauen und mit Freunden Fun haben. Ganz ohne Security. Unsere Leute waren da und sind eingeschritten, wenn ein Gast mal meinte, etwas eskalieren zu müssen. Das waren die Anfänge.

2010: Bienenstich

Eines Abends im Z-Club. Ich hatte die Anlage aufgebaut, die Lautsprecher angestöpselt und die Nadeln getestet – dafür die Musik laufen lassen und aufgedreht. Auf einmal war ein Bienenschwarm um mich herum, die sich in der Zwischendecke des Clubs getummelt hatten – eine Biene hatte mich dann genau in den Zeigefinger gestochen, den ich natürlich beim Auflegen brauchte, um die Platten anzuschieben. Und so hatte ich den ganzen Abend lang einen geschwollenen Finger.

2011: Bar-25-Afterhour goes Biergarten

Beim Z-Club gab es einen Biergarten, der wurde aber nie genutzt – sagen wir es mal so: aufgrund eines Vorfalls. Nach langen Diskussionen habe ich es irgendwie hingekriegt, dass wir für die Bar-25-Afterhour, den Biergarten mitbenutzen durften. Stattgefunden hatte diese dann tagsüber von 6 bis 12 Uhr. Und die Leute waren richtig happy und fanden es so geil, dass sie am liebsten jedes Wochenende dort gefeiert hätten. Aber wir nur so: Ne, das war einmalig. Und hier ist das Video dazu:

2012: Blanke Nerven im Kim-Tim-Jim

Nach Z-Club und mit Freunden feiern wurden wir auf einmal in DEN Club der Stadt katapultiert – mega fettes Soundsystem, größere Personalstruktur, ganz andere Kosten und Verantwortung bzw. Verpflichtung, die man eingegangen ist. Vorher habe ich nie groß Geld mit meinen Partys verdient, bei Kim-Tim-Jim spielte sich alles im Tausender-Bereich ab, ein riesen Laden. Das war eine komplett andere Liga. Und es kam, wie es kommen musste: Weil eine unserer Partys dort schlecht gelaufen war, hatte sich ein Schuldenberg von über 1700 Euro angehäuft. Und dann kamen Monkey Safari und wir standen richtig unter Druck. Hinzu kam, dass ich die Jungs für den zweiten Weihnachtsfeiertag gebucht hatte, was damals eigentlich nicht üblich war. Alle so: Kein Mensch geht am zweiten Weihnachtsfeiertag feiern. Die Nerven lagen blank. Und dann kamen 600 Leute. Ab da ging dann ein anderes Business los. Ich wusste: Das kann richtig weh tun, aber auch komplett durch die Decke gehen. Und der Freundeskreis von damals hat sich aufgelöst in ein großes Irgendwas.

2013: DIE Zug-Party

Wenn es eine legendäre Elektrosmog-Party gibt, dann ist das ganz klar die Zug-Party. Ich konnte Züge im alten Post-Depot am Rosensteinpark mieten und dort als einer von wenigen eine Veranstaltung machen. Da war alles wieder mit viel Geld und Druck verbunden, einer Location am Arsch der Welt. Die Frage war: Kommen Leute da hin? Und es kamen richtig viele Menschen. Aus dem Climax, aus dem Waranga, gefühlt kam die komplette Stadt vorbei, es war DIE Party. Gefeiert wurde übrigens bis Sonntag um 16 Uhr. Das war der Wahnsinn. Von da an haben alle Partys, auch bei Contain’t, um 23 Uhr angefangen und gingen bis 16 Uhr am nächsten Tag – immer Party und Afterhour zusammen.

2014: Immer wenn es regnet bei Contain’t

Auf dem geilen Areal gab’s mal eine Party, die um 23 Uhr angefangen hatten, bis 16 Uhr ging, genauso lange hatte es auch geregnet. Die Leute haben durchgetanzt, im Regen. Alle hatten gute Laune, keiner ist gegangen. Aber die eigentlich geile Story ist, dass es einen Sturm gab, nach der Party. Das Areal war inzwischen ziemlich ruhig, nur vom Wind wurde alles umgeweht. Plötzlich sind noch aus allen Ecken Menschen gekrochen, Pärchen, Cliquen, Skater, wie ein Menschenzoo, du hast gemerkt das Areal lebt noch. Irre.

2015: La Résistance

Als im Mos Eisley das Oberstübchen umgebaut wurde, ließen auch wir es uns nicht nehmen zwischendurch Baustellenpartys zu schmeißen. Die hatten einen tollen roughen Charme. Deshalb hatte ich’s La Réstistance genannt. Weil die Réstistance sich zur Besetzerzeit auch immer in den Hinterzimmern der Gastronomie getroffen und da gefeiert hatten. Dort habe ich bestimmt sechs Partys veranstaltet.

2016: Lila Villa

Lila Villa waren drei Wohnungen in einem Gebäude bei der Tankstelle, wenn du aus Stuttgart rausfährst. Ein ehemaliger Mieter hatte mich gefragt, ob ich dort eine Party veranstalten würde. Und ich bekam vom auch vom Eigentümer die Erlaubnis, ein Wochenende lang „die Hütte abzureißen“. Los ging’s Freitag um 22 Uhr bis Sonntag um 17 Uhr. Aber mit Pausen. Die Leute hatten an der Tankstelle gewartet, um auf die Party zu kommen, weil sich das Ganze nicht im Wohngebiet abspielen durfte. Wir hatten das richtig professionell aufgezogen, das war, wenn man so will, eine Club-Infrastruktur in den Wohnungen.

2017: Neue Heimat Romantica

Die Romantica wurde zur neuen Heimat und ist wohl so ein bisschen die Stamm-Location der Elektrosmog-Partys – ein schöner, kleiner, cozy Laden. Was ich sehr mag an der Romantica, ist, dass das DJ-Pult auf Höhe der Gäste ist, im direkten Kontakt zu den Leuten. Der Vibe kommt rüber, ganz schnell ist so das Eis gebrochen zwischen DJ und Feiernden.

Diesen Samstag, 2. Februar, wird ab 23.55 Uhr in der Romantica gefeiert. Mehr Infos hier >>>

2018: Regelmäßig im Ice Café Adria

Alles rough, zwischen Asche und Staub, mit Baustellencharme, das war so eine schöne Silvester-Party im Ice Café Adria. Ab sofort werden wir die Bar in der Eberhardstraße jeden dritten Samstag im Monat bespielen.

Und nochmal 10 Jahre Elektrosmog wird im Ice Café Adria am 23. Februar, ab 23 Uhr, gefeiert. Mehr Infos hier >>>

Der Mann hinter Elektrosmog: Rainer Guist

Rainer ist in Degerloch aufgewachsen, war am Wirtschaftsgymi-Ost und hat später an der Uni Stuttgart Soziologie und Wirtschaftspädagogik studiert. „Ich wollte eigentlich immer in die Wirtschaft gehen, habe ich dann auch gemacht und für IT-Firmen gearbeitet.“ 1999 hat der Veranstalter und DJ angefangen aufzulegen – als Arcon-Ultra-DJ-Team. Aufgelegt wurde hier und da, dann hatte sich die Radiosendung ergeben, von den Radio-Partys ging es über in die Party im eigenen Wohnhaus bis zur Feierei 2009 im Z-Club. Der Rest ist Geschichte. Aber Rainer freut sich schon auf die nächsten zehn Jahre. Auf die Spielzimmer-Partys im Mos Eisley, das Wirken im Club Kollektiv und einen schnellen Erfolg bei seinem Kulturschiff-Projekt. Dort soll dann die geballte Erfahrung der letzten zehn Jahre einfließen, damit man es in Zukunft besser macht. Wir drücken die Daumen.

Mehr aus dem Web