Guilty Pleasure: Ich liebe den ZDF-Fernsehgarten

Unser Autor ist traurig. Sehr traurig. Denn mit dem Sommer endet in Deutschland auch noch etwas ganz anderes – der Fernsehgarten im ZDF. Heute erklärt er, warum er den Sonntagsklassiker im deutschen Fernsehen so liebt.

Stuttgart – Es ist Sonntag. Leicht bis stark verkatert wache ich auf. Gestern Abend ist wieder ein bisschen eskaliert. Die Aufbackbrötchen sind im Ofen, der Duft von frisch gebrühtem Kaffee erfüllt die Wohnung. What a beautiful morning. Noch ziemlich verpennt setzte ich mich auf die Couch, draußen ist es regnerisch und kalt, drinnen herrscht eine „cozy time“, wie man auf Instagram jetzt sagen würde. Da kann man am Sonntagmorgen auch ohne schlechtes Gewissen ein bisschen fernsehen. Ja, es ist Herbst. Warte… HERBST? Das heißt nicht nur Tschüss Sommer, sondern auch Tschüss ZDF-Fernsehgarten.

Der beste Ort der Welt…

Sofort erfüllt mich eine Leere, die jetzt nicht einmal eine Tasse Kaffee füllen kann. Es ist Herbst, der Fernsehgarten – dieses unfassbar unterhaltsame deutsche Kulturgut am Sonntagmorgen – hat keine Saison mehr. Over and out. Hektisch zappe ich ins ZDF, hoffe mich zu irren. Aber nein. Statt dem Fernsehgarten läuft jetzt irgendein Müll. „DAFÜR zahle ich Gebühren“, will ich schreien, spare mir das aber für den Tatort auf. Ich will mich direkt wieder ins Bett legen, der Tag isch gelaufen.

Ein Sonntag ohne Fernsehgarten ist wie ein Wochenende ohne Kehrwoche. Oder Spätzle ohne Soß. Oder Stuttgart ohne Feinstaub. Es ist einfach nicht das Gleiche. Denn ja, ich liebe den ZDF-Fernsehgarten. Nach dem Feiern am Sonntagmorgen vorm Fernsehen sitzen und sich von dieser leichten und seichten Show unterhalten zu lassen – beschte! Schon seit 1986 gibt es den Fernsehgarten, immer live vom Lerchenberg in Mainz. Ein echter Klassiker. Ich war zwar noch nie dort, aber der Ort ist auf meiner „Places to see before you die“-Liste schon ziemlich weit oben. Im Fernsehgarten scheint (fast) immer die Sonne, die Stimmung könnte besser nicht sein, die Zuschauer vor Ort klatschen im Takt als gäbe es kein Morgen mehr. Es muss einfach der beste Ort auf der Welt sein.

Kiwi for President

Seit 19 Jahren wird der Fernsehgarten – mit einer kleinen Schleichwerbungsskandal-Pause – von Andrea Kiewel aka „Kiwi“ moderiert. Unfassbar gut gelaunt springt sie jeden Sonntagmorgen durch den Fernsehgarten in Mainz und über die Bildschirme von Millionen Zuschauern zuhause. Immer etwas hektisch, immer etwas außer Atem, aber immer unterhaltsam.

„Hallo, Hallo, Halloooooo….“ begrüßt sie das Publikum  – zum 80er-Fernsehgarten, zum 90er-Fernsehgarten, zum Malle-Fernsehgarten… jede Woche eine neue Welt. Sie kündigt große Weltstars an, auf die sie sich „ganz, ganz, gaaaaaanz arg“ freue. Oft steht dann irgendwer auf der Bühne, den kein Mensch (mehr) kennt. Aber egal, des isch n Weltstar. Wenn Kiwi das sagt, dann muss das stimmen! Die Stimmung vor Ort ist on fire, das Publikum – und oft auch der Künstler on stage – singt und tanzt mehr oder weniger synchron zum Playback mit.

Und wer sich fragt, was Oli P., Ace of Base, Captain Jack, Mr. President oder sämtliche Gewinner von DSDS heute so machen, der muss einfach nur beim Fernsehgarten einschalten. Denn Kiwi gräbt sie alle wieder irgendwo aus. Und ich singe danach den ganzen Sonntag „Coco Jumbo“ vor mich hin.

Und was war das für ein Skandal, der erst vor kurzem die deutsche Fernsehlandschaft erschütterte? Luke Mockridge machte sich auf der Bühne des ZDF-Fernsehgartens im wahrsten Sinne zum Affen und beleidigte das Publikum, während Kiwi den Auftritt (Spoiler: dieser war Teil seiner eigenen Late-Night-Show) abbrach und anschließend eine Wutrede hielt. „Shame on you“, sagte sie mit zittriger Stimme. Ich hätte mich fast an meinem Kaffee verschluckt, so wütend war auch ich. Irgendwo hört der Spaß auf! Ich bin Team Kiwi, Kiwi for President! Shame on you, Luke!

Toll, Toll, Mega…

Ein weiteres Highlight dieser Show sind natürlich die vielen Spiele, die einen Sonntagmorgens auf der Couch bestens unterhalten. Im Fernsehgarten wird nämlich nicht nur gespielt, nein, hier werden Weltrekorde aufgestellt. Und ja, Papierflieger in Melonen werfen kann durchaus rekordmäßig sein. „Wooooow, toll…“ kommentiert Kiwi das Geschehen. „Wir haben IHHHHHN, WELTREKOOOOORD“, schreit sie und ich beschließe mal kurz den Ton auszuschalten. Eine weise Entscheidung, denn nach der rekordmäßigen Melonen-Papierflieger-Aktion steht erstmal ein mir unbekannter Malle-Sänger auf der Fernsehgarten-Bühne.

Kiwi springt derweil ans andere Ende des Produktionsgeländes, denn dort wird gekocht. „Service-Thema“ nennt sie das. Armin der TV-Koch hat natürlich schon alles vorbereitet. Alles super easy, das Rezept kann man inzwischen nicht mehr per Fax ordern – Sorry, Oma – aber online ist natürlich alles da. Kiwi dreht schon beim Geruch der Speisen fast durch. Sie greift nach einem Löffel, probiert das Essen und verliert komplett die Fassung. „TOLL, TOLL, MEEEEEEGA….“, schwärmt sie ins Mikrofon. „Toll, Toll, Mega“, sage auch ich daheim auf meiner Couch. Oh Fernsehgarten, ich liebe dich.

Foto: Unsplash/Glenn Carstens Peters

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