„Greenbird“: Taiji Iwase räumt die Königstraße auf

Mal ganz ehrlich: Stuttgarts Straßen könnten sauberer sein. Anstatt sich darüber aufzuregen, zieht sich Taiji Iwase Handschuhe an und räumt auf. Dahinter steckt ein buddhistischer Gedanke, den wir uns alle zu Herzen nehmen könnten.

Stuttgart – Samstagmittag auf der Königstraße: Eine kleine Gruppe Japaner hat sich vor der Touristen-Information am Stuttgarter Hauptbahnhof versammelt. Mittendrin steht Taiji Iwase und verteilt eifrig Zangen, Müllbeutel und Handschuhe. „Keep clean, keep green“ steht auf den grünen Laibchen, das alle tragen. Dann geht’s los: Die kleine Gruppe sammelt wie selbstverständlich kleine Papierchen, Zigarettenstummel und Verpackungen vom Boden – die „Greenbirds“ räumen unsere Königstraße auf.

„Wer uns sieht, wirft nichts mehr auf den Boden!“

„Ich möchte das Bewusstsein der Leute wecken“, sagt Taiji. Der 34-Jährige hat das Projekt in Stuttgart initiiert. „Wer einmal gesehen hat, dass wir den Dreck wegräumen, der wirft seinen Müll nicht mehr auf den Boden“, so seine Wunschvorstellung. Das Projekt „Greenbird“ ist eine Bewegung aus Tokio. Dort waren die Straßen lange Zeit auch verschmutzt. Die Ladenbesitzer an den Straßen gründeten deswegen 2003 eine NGO von Ehrenamtlichen, die Tokios Straßen wieder sauberer machen – mit Erfolg.

Für Taiji Iwase sind auch Stuttgarts Straßen zu dreckig. Seit vier Jahren lebt er in Stuttgart, hat Pädagogik studiert und arbeitet jetzt als Lehrer. „Am Anfang habe ich selbst ein bisschen den Müll aufgesammelt, aber das bringt ja nicht viel.“ Dann ist er durch ein YouTube-Video von einer „Greenbird“-Aktion in Paris auf die Idee gekommen, das Projekt auch nach Stuttgart zu bringen. Seit Februar trifft er sich mit anderen einen Samstag im Monat zur japanischen Kehrwoche.

Auch die Kleinen werden zum Greenbird

Auf dem Weg über die sonnige Königstraße trifft Taiji noch andere Bekannte. Kurzerhand beschließen die, sich der Gruppe anzuschließen. Laibchen an, Zange in die Hand und ran an den Müll! Nach kurzer Zeit ist die Gruppe auf elf Helfer gewachsen. Selbst die Kleinsten machen mit: der sechsjährige Julian Lerch übersieht nicht einen Zigarettenstummel zwischen den Pflastersteinen. „Wir tun etwas für die Umwelt und gleichzeitig lernen die Kinder, dass Müll nicht auf die Straße gehört“, sagt seine Mutter.

Coole Aktion, aber mitmachen?

Über den Schlossplatz bewegt sich die Gruppe weiter zum Rathaus. In ihrer marsmännchen-grünen Uniform erregen sie Aufmerksamkeit. „Finde ich cool, was die da machen“, sagt einer – und wirft sein Kaugummipapier in Taijis Müllbeutel. Die Leute reagieren sehr positiv auf die Aktion, so Taiji. „Dass wir das völlig freiwillig machen, überrascht sehr viele.“ Bis jetzt ging die Begeisterung aber noch nicht so weit, dass jemand beschlossen hat, mitzuhelfen: „Die Gruppe besteht bis jetzt aus Bekannten und Bekannten von Bekannten.“

„Wer sauber macht, räumt seine Seele auf“

Nach kurzer Zeit sind die Müllbeutel schon gut gefüllt. Am häufigsten finde man Zigarettenstummel und festgeklebte Kaugummis, sagt der 34-Jährige. Ob ihn das nicht wütend mache, den Müll anderer Leute wegzuräumen? Nein, sagt der Japaner und lächelt. „Es gibt einen buddhistischen Gedanken: Wer sauber macht, räumt seine eigene Seele auf. Ich mache das auch für andere, aber zum größten Teil für mich selbst.“ Sein Ziel? „Dass wir es irgendwann nicht mehr machen müssen.“

Die „Greenbird“-Gruppe trifft sich jeden dritten oder vierten Samstag im Monat an der Touristen-Information am Stuttgarter Hauptbahnhof. Jeder, der mitmachen will, ist eingeladen.

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