Geschwister der Stadt: Die Sushi-Sippe

Wer auf seinen Streifzügen durch die Stadt noch nicht in Berührung mit den Büttner-Geschwistern Karin und Stoff kam, ist gar nicht wirklich in Stuttgart angekommen. Eine Annäherung an eine ganz besondere Familienbande im Auftrag des Sushi.

Stuttgart – Im I love Sushi am Rosenbergplatz ist immer ordentlich was los. Fahrer kommen und gehen, Kunden bestellen und warten, das Telefon klingelt, online gehen Bestellungen ein, Sushi wird verputzt. In der Küche werkelt das japanische Team still und konzentriert, aus dem Laptop schallt der verquere Soul-Pop von Khruangbin. Mittendrin: Karin und Stoff Büttner, Geschwister, Betreiber, Berufswahnsinnige. Ihnen gehört der Laden, in Kürze feiern sie den zehnten Geburtstag von Stuttgarts erstem Sushi-Lieferservice. Mit einer Party natürlich.

Sushi, Stuttgart, Sojasoße

Ist natürlich nicht das einzige, das die beiden so aushecken. Ob allein oder gemeinsam: Nicht nur dem Frischfisch haben Büttners in den letzten Jahren ihren Stempel aufgedrückt. Stets verschmitzt lächelnd statt griesgrämig bruddelnd. Stoff mit seinem Applaus Gin, Kiosko oder dem Retox-Schnapsladen, gemeinsam mit ordentlich Maki-Madness oder dem Warteraum auf der anderen Straßenseite, in dem auch schon Orsons-Wortdrechsler Bartek sein denkwürdiges Erdbeer-Happening abhielt. Tja: Alles außer gewöhnlich, diese nervige alte Floskel passt auf das Wirken und die Beziehung der beiden wie Sojasoße zu Sushi. Und das nicht erst seit zehn Jahren.

Ich verkaufe uns gern als Zwillinge

Fangen wir mal bei den Fakten an: Karin ist die ältere der beiden, vier Jahre Vorsprung hat sie. Sie 40, er 36. Ob das jetzt auch bedeutet, dass sie die weisere und vernünftigere ist, soll nicht Gegenstand dieser Schrift sein. „Ich verkaufe uns gern als Zwillinge“, sagt sie dann und diese Frage erübrigt sich wohl gleich wieder.

Familienbild mit mittlerer Schwester: Karin und Stoff (unten)

Lippenbekenntnisse

Obwohl, Stoff empfiehlt sich auch nicht unbedingt als Exempel an Mittdreißigerreife: „Wir waren uns früher gar nicht sicher, ob wir nur eine Psychose des jeweils anderen sind“, stellt er trocken fest. „Oder ob unser damaliger Betriebsleiter nur unsere Folie à deux ist.“ Aha, also eine „psychotische Störung, bei der Wahnvorstellungen oder Fixierungen einer Person von einer anderen, ihr nahestehenden übernommen werden.“ Danke, Wikipedia, danke, Stoff! Spätestens jetzt muss jeder merken, dass die beiden eng verwandt sind. Aber eigentlich sieht man das schon an den Lippen. „Die sind bei uns so ähnlich, Stoff hat sie mal mit Photoshop ausgeschnitten und uns die des anderen eingesetzt. Hat funktioniert!“

Born with the same lips!

Die große Schwester in Berlin

Die vier Jahre Altersunterschied sorgten relativ effektiv für eher wenige Berührungspunkte in Kinder- und Teenagertagen. Aber dann: 1999 zog Karin von Steinheim an der Murr nach Berlin – und Stoff so halb mit. „Da habe ich erst realisiert, was für eine coole große Schwester ich habe.“ Er machte in Lübeck seine Ausbildung und nutzte jede Gelegenheit, um in Berlin das zu tun, das er neben Sushi, Trickbetrügerei, Gin und tausend anderen Dingen noch ziemlich gut kann: feiern. „Ich habe ihn überallhin mitgeschleppt“, sagt Karin und Stoff strahlt: „Super war das!“

Stoff wurde schon früh von Freaks angezogen (nicht auf die Klamotten bezogen!).

Schwule Punks, geile Mucke, billige Getränke

Klar, das ist rund 15 Jahre her. Da hatten wir es noch mit einem anderen Berlin zu tun. Karin suchte die Freiheit und den Raum zum Atmen, den sie damals in Stuttgart noch nicht fand und in Berlin wie selbstverständlich serviert bekam. „Ich war ständig im Ackerkeller“, erinnert sie sich. „Schwule Punks, geile Mucke, billige Getränke. Dort fühlte ich mich zuhause.“ Stoff kam, sah, feierte mit, die beiden wuchsen unzertrennlich zusammen und bestellten sich häufig Sushi bei diversen Lieferdiensten. „Die Auswahl war riesig, damals war Berlin auf einer zeitlichen Achse sieben oder acht Jahre vor Stuttgart.“

Sushi = Mangelware

Das Erweckungserlebnis ließ da nicht lange auf sich warten: Ey, in Stuttgart gibt es so was noch gar nicht! Und dann passierte etwas, das so richtig typisch Büttner ist: Sie machten es einfach. Jammern, weil irgendwas nicht existent oder doof ist, war ihnen immer schon zu wenig. „Wir waren aber natürlich vollkommen unvorbereitet und es war eine riesige Schnapsidee“, sagt Karin, „aber wir sagten uns: Wenn wir einen guten Koch finden, dann machen wir es.“ Wie die Geschichte ausgegangen ist, wissen wir alle. Dass sie dieses Abenteuer durchgezogen haben, liegt auch daran, das sie sich ein Gehirn teilen, wie sie wiederholt versichern. Hinzu kam ein wenig Glück bei der Akquirierung des Ladens, der jetzt schon seit einem Jahrzehnt Stuttgarts ersten Sushi-Lieferdienst beherbergt, das hausgebraute Frischfischimperium mit viel Liebe und noch viel mehr Urban Rolls für die Hood.

Zum Glück kann sie nicht kündigen!

Dass die geschwisterliche Beziehung auch in eine stabile berufliche Partnerschaft mündet, war für die beiden von Anfang an klar. „Wir können uns immer aufeinander verlassen. Besser kann es doch gar nicht sein“, sagt Stoff. „Aber manchmal komm ich mir vor wie ein schlechter Bruder weil ich jetzt selbst zwei Kinder habe und gar nicht mehr so viel Zeit habe, mich um meine Schwester zu kümmern.“ Er lacht. „Zum Glück kann sie nicht kündigen!“

Karin über Stoff

Stoff ist der liebenswürdigste Mensch, den ich kenne. Er hat auch am meisten Glück. Stoff könnte mich niemals anlügen, er ist eine ehrliche Haut, auf den ich mich immer verlassen kann. Da ist er mein großes Vorbild – weil es viel besser und viel einfacher ist, ehrlich zu sein. Wir lernen generell sehr viel voneinander, das genieße ich sehr.

Stoff über Karin

Karin war und ist immer für mich da. Sie ist stringent und macht immer ihr eigenes Ding. Diese Geradlinigkeit und Stärke bewundere ich sehr, auch wenn sie ihr manchmal im Weg steht. Sie hat mich gelehrt, auch mal nein zu sagen. Dafür bin ich ihr echt dankbar. Zudem liebe ich sie dafür, dass sie mir beigebracht hat, nichts abzulehnen ohne einen besseren Vorschlag parat zu haben.

Titelbild: I love Sushi

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