R. Kelly und die Unschulds-
vermutung

Die Online-Petition #RKellyStummschalten will mit aktuell mehr als 50.000 Unterschriften zwei Deutschland-Konzerte von R. Kelly verhindern. Während bereits zwei Veranstaltungsorte absprangen, wird im Netz vor allem über die Unschuldsvermutung diskutiert. Unsere Autorin findet, dass R. Kelly nicht erst für schuldig erklärt werden muss, damit man sich gegen sexuellen Missbrauch aussprechen darf.

Stuttgart – Spätestens seit der Ausstrahlung der Doku-Reihe „Surviving R. Kelly“ im amerikanischen Fernsehen wird in der Öffentlichkeit wieder über den Musiker diskutiert. In der sechsstündigen dokumentarischen Mini-Serie kommen mehrere Betroffene zu Wort, die schwere Vorwürfe gegen R. Kelly erheben: Jahrzehntelang soll er damals vorwiegend minderjährige Frauen körperlicher, emotionaler sowie sexueller Gewalt ausgesetzt haben. Von Körperverletzung, Missbrauch und Freiheitsberaubung ist die Rede. Vorwürfe, die schockieren, aber keineswegs neu sind. Denn wer sich zurückerinnert weiß, dass sich R. Kelly schon etliche Male gerichtlich verantworten musste.

R. Kelly: Missbrauchsvorwürfe seit Jahrzehnten

Nach Veröffentlichung der Doku ist der mediale Aufschrei groß – zumindest in den USA. Stars wie John Legend oder Lady Gaga distanzierten sich bereits von dem Sänger, sein Label Sony ließ den bestehenden Plattendeal platzen und auf der Streaming-Plattform Spotify kann man den Künstler nun sogar muten. Auch in Deutschland sammelte die change.org Online-Petition #RKellyStummschalten schon weit über 50.000 Unterschriften. Damit ging man nach dem Vorbild der Mutter-Aktion #MuteRKelly aus dem Jahre 2017 voran, die von Oronike Odeleye und Kenyette Tisha Barnes initiiert wurde.

Auffällig ist: Hinter der Bewegung stehen schwarze Frauen, Feministinnen und People of Color. Auch die Doku-Reihe „Surviving R. Kelly“ wurde von einer Hip-Hop-Journalistin, Dream Hampton, umgesetzt. Dabei ist es doch gerade jetzt wichtig, dass eine derartige Diskussion keine rein weiblich geführte bleibt.

Eine vermeintlich nicht-weiße Diskussion?

Während in den USA auch einige Male Artists klar Stellung bezogen und sich gegen sexuellen Missbrauch aussprachen, gibt es in Deutschland bisher nur vereinzelte männliche Stimmen aus dem Musikbusiness, die sich klar positionieren. Man(n) könnte lauter sein. Denn in der Szene wird noch immer oft geschwiegen, sich gegenseitig der Rücken gestärkt und damit bestehende Machtpositionen aufrechterhalten.

Eine Frage, die sich viele stellen: Warum R. Kelly international kaum noch für Konzerte gebucht wird und in Deutschland aber gleich zwei Gigs spielen soll und sich zunächst so wenige daran störten? Vielleicht aus Unwissenheit? Vielleicht aber auch wegen der „vor-der-eigenen Haustüre-kehren“-Mentalität. Oder einfach aus Desinteresse, da die Diskussion um R. Kelly ja eine vermeintlich nicht-weiße ist und „mit Deutschland ja eigentlich gar nichts zu tun hat“.

R. Kelly-Konzerte in Deutschland

Die geplanten Gigs am 12. und 14. April sollen nun in Neu-Ulm und Hamburg stattfinden. Während die MHP-Arena in Ludwigsburg als ursprüngliche Location das Konzert bereits absagte, zog auch die nach eigenen Angaben „hochverlegte“ Ausweichlocation, der Glaspalast in Sindelfingen, nach. Die Missbrauchsvorwürfe seien nicht mit den Interessen der Stadt zu vereinbaren. Nun soll R. Kelly am 12. April statt in Baden-Württemberg in der Ratiopharm Arena in Neu-Ulm auftreten. In einer Mitteilung vom Veranstaltungsort heißt es: „Jeder (insbesondere: jede Frau) hat das gute Recht, die im Raum stehenden Vorwürfe für sich persönlich zu bewerten.“ „Auch die rechtsstaatliche Unschuldsvermutung halten wir für ein hohes Gut.“ Außerdem seien für den Fall, dass vor dem Konzert neue, juristisch relevante Fakten bekannt werden, «vertragliche Vorkehrungen getroffen» worden.

Während in den USA nun ein neues, belastendes Video auftauchte, welches den Sänger R. Kelly bei eindeutigen sexuellen Handlungen mit einer Minderjährigen zeigen soll, verlost der deutsche Veranstalter auf Facebook zum Valentinstag Karten für die Konzerte und grüßt alle Fans mit einem „Shoutout“ und Videoclip vom Künstler selbst.

Laut einem früheren Facebook-Posting gäbe es für diesen nur eine Möglichkeit: Das Konzert stattfinden zu lassen. Immerhin bestehe ein Vertrag mit dem Künstler, welcher im Falle einer Absage Schadensersatzkosten im sechsstelligen Bereich nach sich zieht. Clever, dieser R. Kelly. Als hätte er es ahnen können. Clever, und leider auch ziemlich scheiße.

Sich gegen sexuellen Missbrauch auszusprechen is not a crime

Es geht hier nicht darum, R. Kelly als Künstler zu degradieren oder ihm seine musikalisch erzielten Erfolge abzusprechen. Ihn jedoch in Schutz zu nehmen und Betroffenen ihre Glaubwürdigkeit abzusprechen, verschiebt die Rollen von Opfer und Täter massiv. Denn wer sich im Internet gegen R. Kellys Konzerte ausspricht, wird immer wieder von Usern mit der Unschuldsvermutung konfrontiert. Sollte man R. Kelly denn nicht erst abschreiben, wenn er auch vor Gericht schuldig gesprochen wird? Ich finde: nein.

Ganz davon abgesehen, dass R. Kelly alle verklagen möchte, die sich an der Doku „Surviving R. Kelly“ beteiligten, bewies er spätestens mit seinem respektlosen Song „I Admit“, in dem er 19 Minuten lang geschmacklose Beichten von sich gibt, dass er all diese Anschuldigungen (und Frauen) absolut nicht ernst nimmt.

Wie es die Autorin Sophie Passmann bereits auf Instagram zusammenfasste, ist die Unschuldsvermutung Teil unseres Rechtssystems. Doch als Privatpersonen vertreten wir eigene Werte und können damit entscheiden, inwieweit uns veröffentlichtes Videomaterial oder laufende Ermittlungen dazu bewegen, diesen Mann zu boykottieren.

Und sich aus Solidarität zu allen Betroffenen öffentlich gegen sexuellen Missbrauch auszusprechen ist kein Verbrechen, sondern gerade heutzutage verdammt wichtig.

Mehr aus dem Web