Gefühle müssen nicht gefällig sein

Mit den Gefühlen ist es so eine Sache. Öffentlich finden sie teilweise wenig oder gar nicht statt und wenn, dann wird mit Klischees um sich geworfen. Männer, die offen über ihr Innerstes sprechen, sind Softies. Und Frauen? Ach, die müssen halt auch immer alles dramatisieren. „Feelsplaining“ – nicht nur ein Problem im Alltag, sondern auch für junge Künstler und Künstlerinnen.

Stuttgart – Vor einigen Monaten habe ich auf Instagram den Beitrag einer jungen Musikerin gelesen. In dem schrieb sie, dass sie immer wieder Kommentare einstecken muss, in denen steht, dass ihre Songs „zu traurig“ seien. Sie soll doch weniger „depressive“ oder „zu emotionale“ Musik machen, sondern lieber mal etwas „Fröhliches“ schreiben. Etwas, „bei dem man ohne nachzudenken mitsingen kann“. Genau, lasst uns sämtliche negativen Gefühle einfach ausblenden, so verschwinden die ja bekanntlich am besten – nicht. Kritik ist das eine, der persönliche Musikgeschmack das andere. Und Menschen zu erzählen, was sie zu fühlen haben, ist einfach nur scheiße.

Gefühle unterliegen Klischees

Ähnliches Szenario, anderer Künstler: James Blake. Der 30-jährige Brite ist unter anderem bekannt geworden durch sein gleichnamiges Debütalbum im Jahr 2011, welches das Dubstep-Genre und die Popkultur der 2010er Jahre prägte wie kein anderes. Doch noch mehr als für seinen experimentellen Sound, ist Blake für seine „traurigen“ Songs bekannt. Der wasserfeste „Sad Boy“-Stempel, den ihm die Öffentlichkeit aufdrückte, klebt also seit knapp neun Jahren auf seiner Stirn. „Ist das dieser furchtbar weinerliche, blasse Brite?“, fragt mich ein Arbeitskollege. Richtig, das isser! Immer nur am heulen, kann der damit bitte mal aufhören?

Wer in seinen Texten also authentisch über Gefühle spricht – über Schmerz, Liebe, Zweifel – wird als schwach abgestempelt. Das ist in der Musik nicht anders als im real life. Was nicht gefällig ist, wird nicht gerne gehört. Und so finden wir uns in Klischees wieder: Männer weinen nicht und Frauen einfach zu viel. Dabei ist es gerade in Zeiten wie heute wichtig, offen für Verletzlichkeit zu sein. Denn das ist, was uns letztendlich wirklich menschlich macht.

Tabuisierung von Depressionen

In einem Statement auf Twitter positionierte sich James Blake im vergangenen Jahr deutlich gegen die Gefühls-Stereotypisierungen in den Medien: Er empfindet die Bezeichnung „Sad Boy“ für Männer, die offen über ihre Gefühle sprechen als „ungesund und problematisch“, Headlines wie diese würden unter anderem die Tabuisierung von Depressionen in der Öffentlichkeit fördern, da sich so viele entmutigt fühlen, sich verletzlich und schwach zu zeigen – was fatale Folgen hat.

Die Gefühle anderer akzeptieren

Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass kein Mensch „nur traurig“ oder „nur happy“ ist. Vielleicht können wir uns auch darauf einigen, dies endlich zu akzeptieren. Eine Künstlerin, die ziemlich gut vormacht wie das funktioniert, ist Billie Eilish. Mit ihren 17 Jahren und mehreren Millionen Instagram-Followern zeigt sie, dass Pop nicht immer gefällig sein muss. In ihren Songs verarbeitet sie Depressionen, Albträume und andere düstere Themen. Alles andere als leichte Kost – dafür aber ehrlich. „We‘re all sad as hell. All these artists, we‘re sad as shit, dude“, sagt sie in einem Interview mit Vanity Fair über die Musikszene. Und das ist okay. Weil es okay ist, wenn man mal nicht okay ist.

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