Gabenzäune sollen Obdachlosen durch die Corona-Krise helfen

In ganz Deutschland werden derzeit Gabenzäune errichtet, um Obdachlosen Lebensmittel und Hygieneartikel zu spenden. In Stuttgart geht das jetzt an der Paulinenbrücke, im Stuttgarter Osten und am Marienplatz.

Stuttgart – Die Corona-Krise trifft Obdachlose besonders hart. Die Einnahmequellen wie Betteln und Pfandflaschen sammeln fallen weg, günstige Einkaufsmöglichkeiten über die Tafeln ebenso. Die hygienischen Bedingungen sind prekär. Deshalb sind in vielen deutschen Städten in den vergangenen Tagen Gaben- beziehungsweise Spendenzäune errichtet worden. Das Prinzip: Anwohner und Passanten packen Lebensmittel, Hygieneartikel und auch Hundefutter in Plastiktüten und hängen diese an den Zaun. Menschen ohne festen Wohnsitz dürfen sich bedienen.

Gabenzäune in Stuttgart errichtet

Seit Kurzem gibt es solche Zäune, die kontaktloses Spenden ermöglichen sollen, auch in Stuttgart. Am Marienplatz hat am Mittwoch Tammo Schäfer die ersten Zettel und Tüten aufgehängt. Auf einem Zettel steht: „Lieber Mensch ohne Zuhause. Bitte nimm dir, was du dringend brauchst.“ Auf einem anderen: „Wenn du etwas brauchst, dann nimm es dir. Wenn du etwas zu geben hast, hänge es hin.“ Um zu verhindern, dass zu viele Hände nach den Tüten greifen, sind Zettel darauf angebracht, auf denen genau aufgelistet ist, was darin zu finden ist.

Schäfer habe sich mit der Situation von Obdachlosen während der Corona-Krise beschäftigt. „Wie soll man daheim bleiben, wenn man kein Zuhause hat? Wie soll man sich die Hände waschen, wenn man keinen Wasserhahn hat? Das hat mich nachdenklich gemacht“, sagt er. Die Spenden würden weniger, die Situation immer prekärer. Nachdem er von den Gabenzäunen in anderen Städten gelesen hat, hat er gegoogelt – in Stuttgart aber nichts gefunden. Also hat er seinen Rucksack mit ersten Artikeln wie Zahnpasta und Zahnbürsten gepackt und die Aktion selbst gestartet. Der Marienplatz war als Ort schnell gefunden. „Es ist ein belebter Platz, an dem viele junge Menschen, aber auch Bedürftige aufeinander treffen“, sagt er. Schon beim Aufhängen der Zettel und Tüten seien viele stehen geblieben. Jetzt werden die kleinen Spendenpakete immer mehr.

Gleiches gibt es nun auch unter der Paulinenbrücke. Ein Zettel rät, was in die Tüten zu legen ist: Lebensmittel, die ohne Küche zubereitet werden können, Hygieneartikel, saubere und warme Kleidung. Wichtig ist, dass die Hygienebedingungen auch am Zaun eingehalten werden, dass die Kleidung frisch gewaschen ist und so weiter. Initiatoren waren hier Nic Krischker und seine Freundin Anastasia Lunev. Die beiden hatten ebenfalls das Bedürfnis etwas zu tun und einen Beitrag zu leisten. „Wir wohnen in der Nähe der Paulinenbrücke und wussten, dass wir da vielleicht viele Leute erreichen können, die Hilfe benötigen“, sagt Krischker.

Im Stuttgarter Osten können die Spenden an einen Zaun an der Neckar-/Metzgerstraße gegenüber vom Penny-Markt gehängt werden.

Ein kleines ‚Aber‘ gibt es vom Caritasverband Stuttgart: „Sehr viel sinnvoller sind tatsächlich Geldspenden, auch wenn wir verstehen, dass das nicht so befriedigend ist“, sagt Pressereferentin Sabine Reichle. Geldspenden seien etwa wichtig, um die Angebote der Tagesstätte an der Olgastraße 46 zu finanzieren.

Wer noch mehr tun möchte, kann auch Einkaufsgutscheine kaufen und dort abgeben oder per Post senden. „Damit können sich Menschen, die wenig haben, die Dinge kaufen, die sie tatsächlich brauchen“, sagt Reichle weiter.

Sie sieht aber auch das Positive in der Aktion. „Es ist natürlich eine schöne Aktion, weil sie zeigt, dass die Menschen an die Schwachen denken.“

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Titelfoto: Lichtgut/Leif Piechowski

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