„Für mich scheint die Sonne nicht“

Ina Oestringer leidet unter Depressionen. Heute weiß sie damit umzugehen – und würde sich wünschen, der Rest der Welt würde das ebenfalls tun. Ein guter Anfang wäre ein Besuch auf der Kulturinsel.

„Der Wecker klingelt um vier Uhr. Mein gestriger Tag hängt mir noch in den Knochen. Ich hatte mir so viel von dem Termin beim Psychiater erhofft, auf den ich immerhin vier Wochen gewartet hatte.“ So beginnt Ina Oestringer (29) ihre Tagebuchaufzeichnung am Dienstag, den 15. August 2017. Eigentlich will sie fortan jeden Tag niederschreiben, was sich in ihrem Leben ereignet. Doch sie muss es schon nach einem einzigen Tag aufgeben. Ihr fehlt einfach die Kraft. Das können viele nicht nachvollziehen, die wenigsten verstehen. Aber so ist das eben. Ina Oestringer ist depressiv. Und gehört damit zu einer beunruhigend wachsenden Zahl von Menschen in Deutschland, die unter dieser Krankheit leiden.

Ein unsichtbarer Feind

Die Zahlen schwanken. Manche gehen von einer halben Million Menschen mit Depressionen aus. Manche von deutlich mehr. Wer kann schon sagen, wie viele Menschen unter Depressionen leiden ohne es zu wissen, ohne es wahrhaben zu wollen. Depression ist eine Krankheit, die man nicht sieht. Ein unsichtbarer Feind, der sich im Körper einnistet und das Leben grau und sinnlos macht. Es fehlt kein Arm, man hat keine Platzwunde oder Augenklappe. Und ist dennoch krank. „Niemand kann in dich reinschauen“, sagt Oestringer dazu, „und niemand, der nicht selbst betroffen war oder ist, kann sich vorstellen, wie man sich fühlt.“

Für einen Großteil unserer Gesellschaft gilt dennoch: Depression sei vor allem Anstellerei, Wichtigtuerei, überhaupt sei das doch alles gar nicht so schlimm. Oder um es in den Worten der unsäglichen Julia Engelmann zu sagen: „Komm, wir machen mal das Fenster auf, das Radio laut – Lass frischen Wind herein und alle alten Zweifel heraus – Wenn du fest daran glaubst, dann wirst du glücklich – Und heute gibt es Grapefruit zum Frühstück.“

Depression kann jeden treffen

Das ist nicht nur sehr dumm. Das ist gefährlich. Oestringer kennt diese Kommentare sehr gut. „Immer wieder meinten Leute zu mir, ich solle doch mal nicht so traurig sein, weil doch die Sonne so schön scheint.“ Sie schüttelt den Kopf. „Das war mir so was von scheißegal, mir war zum Heulen zumute. Für mich schien die Sonne jedenfalls nicht!“ Damit gab man sich nicht zufrieden, wollte Gründe finden. In ihrer vornehmlich schwarzen Kleidung oder ihrem Faible für düstere Musik vermuteten viele Freizeitanalytiker den Grund für ihre Depression. Doch auch wenn das jetzt ganze Weltbilder ins Wanken bringt: „Depression kann auch jemanden treffen, der Schlager hört“, meint Oestringer mit einem stillen Lächeln.

Stets ist sie sehr offen mit ihrer Krankheit umgegangen. Und wusste immer sehr genau, welche Ursachen oder Auslöser sie hatte. „Bis Ende letzten Jahres arbeitete ich als Beamtin beim Gericht“, sagt sie. Erfüllt hat sie dieser Job trotz der gegebenen beruflichen Sicherheit nie. „Auf dem Nachhauseweg habe ich mich schon gefragt, ob es das jetzt gewesen sein soll für die nächsten vierzig Jahre.“ In dieser zermürbenden Beamtentätigkeit sieht Oestringer heute einen Grund für ihre Depression.

Hoher Anspruch an sich selbst

Die Ursachen liegen dennoch deutlich tiefer: Stets hatte sie ein Problem mit ihrem Selbstbewusstsein, wurde schon im Kindesalter ständig mit ihrer älteren Schwester verglichen. „Sie ist so eine, die super aussieht und alles kann“, sagt Oestringer, doch es schwingt keinerlei Groll oder Neid in ihrer Stimme mit. Die beiden verstehen sich gut, doch der ständige Druck, das Gefühl, nicht gut genug zu sein, setzen sich fest in der jungen Ina. Sehr fest. „Ich fühlte mich nie attraktiv genug, schlau genug… einfach nie genug“, sagt sie heute dazu und fügt an: „Ich habe deswegen einen unfassbar hohen Anspruch an mich selbst.“ Einen Anspruch, wohlgemerkt, den sie gar nicht erfüllen kann.

Gekoppelt an ihre lähmenden Zukunftsaussichten in ihrem Beamtenjob spitzte sich die Lage vergangenen Sommer zu. Um einen Ausgleich zu schaffen, fing sie mit Yoga und Achtsamkeitstraining an – wertvolle Beschäftigungen, wie sie sagt. Aber in ihrem Fall auch ein Trigger für die Depression. „Durch das Achtsamkeitstraining habe ich all die Mauern niedergerissen, die ich aus Gründen des Selbstschutzes und der Verdrängung in mir aufgebaut hatte.“ Sie stand plötzlich jeden Morgen um vier Uhr auf, trieb wie eine Besessene zwei Stunden Sport, nahm in wenigen Wochen zehn Kilo ab. Zusätzlich befeuert von Instagram, wo ihr eine schöne heile Welt der Sportlerinnen und Models vorgegaukelt wurde, versuchte sie zunehmend verzweifelt, ein illusorisches (und vollkommen beklopptes) Ideal zu erreichen. „Und das mit 29“, meint sie und lacht ungläubig auf. „Was muss das denn dann erst mit jungen Mädchen machen?“

Kein Glück beim Psychiater

Dennoch unterscheidet sich Oestringer von vielen anderen in dieser Situation: Sie erkannte, dass etwas nicht mit ihr stimmt. Und suchte sich Hilfe. „Ich war ständig schlecht gelaunt, reizbar, regelrecht traurig, hatte auf gar nichts mehr Lust“, erzählt sie. „Ich habe funktioniert, aber mehr auch nicht.“ Die Hausärztin überwies sie zu einem Psychiater, der sich allerdings als Katastrophe entpuppte. „Ich könne Tabletten bekommen, wenn ich wolle. Ach, und ich solle doch mehr essen und weniger Sport machen“, schreibt sie in ihrem Tagebuch. Mehr nicht. Die Tabletten lehnte sie ab, betont heute aber, dass es durchaus Erkrankte gibt, denen Antidepressiva helfen, um aus besonders tiefen Löchern herauszukommen. Für manche sind diese Tabletten zwingend notwendig. Jeder Krankheitsverlauf ist anders und sollte unbedingt von einem Experten analysiert werden.

Durch Zufall gerät Oestringer an einen guten Therapeuten, ging nach schier unerträglich schweren Wochen ab September wöchentlich bei ihm in Therapie. Die schlug gut an – aber auch, weil sie von Anfang an wusste, woran es bei ihr lag. „Ich hatte ja mein Leben lang mit mir und meinem Selbstbewusstsein zu kämpfen und kannte die kritische Stimme in mir.“ Nach drei Monaten war sie gefestigt genug, ohne Therapie weiterzumachen. „Die zehn Kilo habe ich wieder drauf, soziale Netzwerke läuft auch wieder“, lächelt sie. Dennoch weiß sie, dass sie wahrscheinlich nie ganz gesund werden wird. Sie macht immer noch sehr viel Sport, hat immer noch eine Essstörung, wie sie selbst sagt. „Bei mir gilt oft: Ganz oder gar nicht, im Sport wie auch beim Essen. Doch ich versuche heute, auf mich zu achten, eine Mitte zu finden und auch mal Komplimente zuzulassen.“

Morgen ist ein neuer Tag

Früher dachte sie durchaus auch mal daran, wie es wäre, von einer Brücke zu springen. Heute wünscht sie sich vor allem, dass Menschen diese Erkrankung ernst nehmen. „Und depressiven Menschen vor allem unvoreingenommen begegnen.“ Wer das will, der kann am Samstag, den 10. März, die Kulturinsel in Bad Cannstatt besuchen, wo Markus Bock bei der Lesung „Die Depression hat mich bestimmt“ von seiner Krankheit erzählt – ab 19 Uhr bei freiem Eintritt.

Wir leben in einer Welt, in der psychische Erkrankungen mehr und mehr zu unserem fordernden Alltag gehören. Fangen wir lieber gestern also morgen an, uns damit auseinanderzusetzen. „Jetzt ist halb acht“, schreibt sie in ihr Tagebuch. „Noch eine Folge ‚Lucifer‘. Dann geh es ins Bett. Morgen ist ein neuer Tag.“

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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