Für mehr Awareness im Club: Bitte nicht anfassen!

Angrabschen im Club geht gar nicht – oder etwa doch? Genau das haben wir nach unserem letzten Kommentar Jule Blanck vom Club-Kollektiv Stuttgart gefragt. Ihre Antwort: Definitiv nicht! Aber was kann man gegen ungewolltes Anfassen beim Feiern überhaupt tun?

Stuttgart – Als wir vor einigen Wochen einen Kommentar zum Thema Anfassen im Club veröffentlichten, bekamen wir jede Menge Reaktionen von euch. Positive, negative und auch belustigte. Während die einen das Thema als First-World-Problem abtaten, schrieben andere, man dürfe sich so etwas eben nicht gefallen lassen und jede Person, die übergriffig wird, sofort rauswerfen. Egal ob es eine Hand am Arsch, ein unerwünschter Kuss oder unangenehmes Antanzen ist: Ungewollte Berührungen beim Feiern sind nichts Neues. Die Frage ist nur: Müssen die wirklich sein?

Vierzigmal pro Stunde angetascht

Vor einem Jahr präsentierte Schweppes in einer brasilianischen PR-Aktion das „Dress for Respect“. Drei Frauen trugen das, mit Sensoren ausgestattete, Kleid in diversen Clubs. Das Ergebnis: Im Schnitt wurden sie ganze vierzigmal pro Stunde angefasst. Auch wenn diese PR-Aktion nicht repräsentativ ist, führt sie uns doch ganz gut die allgemeine Problematik vor Augen. Egal ob vierzigmal oder nur fünfmal: Um zu wissen, dass auch im Stuttgarter Nachtleben zu viel gegrabscht wird, braucht es kein Kleidungstück mit innovativer Feinsensorik.

Auch für Clubbetreiber sei ungewolltes Anfassen schon immer ein Problem, bestätigt Jule Blanck. Seit über sieben Jahren ist sie ehrenamtlich in der Stuttgarter Party-Szene tätig. Als stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Vereins Panopticum, der die elektronische Sub-Kultur in Stuttgart fördern will, sitzt Jule seit 2018 im Club-Kollektiv Stuttgart und widmet sich hier vor allem dem Thema „Sicherheit im Nachtleben“. Auch sie hat, nicht nur während dieser Zeit, sondern auch privat, schon einige negative Erfahrungen sammeln müssen.

Der Platzmangel im Club hilft nicht gerade

Das große Problem beim Feiern sei die niedrige Hemmschwelle was Berührungen anbelangt, sagt Jule. Doch nicht nur Alkohol oder andere Drogen sorgen für diese enthemmten Zustände. Auch die räumliche Situation vieler Clubs liefere die optimalen Bedingungen für ungewolltes Anfassen. Gerade im Kessel, drängt sich eine Bar an die nächste. Hier könnten viele Clubs den nötigen Freiraum, allein aufgrund Platzmangels, gar nicht gewährleisten. Hautkontakt ist deswegen ohnehin nicht vermeidbar und übergriffige Berührungen werden viel eher als „normal“ eingestuft.

Jule Blanck
Jule Blanck | Foto: privat

Beim Anfassen gibt es nur persönliche Grauzonen

Genau das sei jedoch das große Dilemma. Die einen haben mit Berührungen dieser Art überhaupt kein Problem, andere wiederum empfinden sie als sehr unangenehm. Doch wo zieht man hier eigentlich die Grenze? Ab wann sollte man dem Türsteher oder Barpersonal Bescheid sagen? Laut Jule gibt es in solchen Situationen nur persönliche Grauzonen. „Die Definitionsmacht liegt immer beim Betroffenen“, sagt die 30-Jährige. Früher mit 18 habe auch sie in solchen Situationen immer schüchtern gelacht. Heute, vor allem aufgrund ihrer Tätigkeit als Veranstalterin, diskutiert sie nicht mehr, sondern greift hart durch.

Jules Tipp: Verantwortung abgeben

Meist ist es jedoch utopisch, alle rauswerfen zu lassen, die sich in der persönlichen Grauzone befinden. Vor allem wenn es um Berührungen geht, die man gerade noch so toleriert, geht fast niemand zum Türsteher. „Wenn man alle rausschmeißt, dann wäre man ja auch den ganzen Abend beschäftigt“, wirft Jule ein. Trotzdem findet sie, man sollte die Clubs immer darauf aufmerksam machen, was bei ihnen passiert. „Man fühlt sich da oft in der Verantwortung und denkt, man entscheide jetzt ob jemand aus dem Club fliegt. Dabei geht es ja vor allem darum, die Verantwortung abzugeben und den Türsteher die Situation klären zu lassen.“ Natürlich könne man auch dem Barpersonal einen Hinweis geben oder erst im Nachhinein beim jeweiligen Club anrufen und das Erlebte schildern.

Nicht nur ein Problem der Theo

Aber was bringt Clubbetreibern diese Information überhaupt? Können sie etwas gegen die sexualisierte „take-what-you-get“-Mentalität tun oder spiegeln ihre Bars und Clubs in erster Linie einfach nur die Gesellschaft wider? Egal ob es nun an den Gästen liegt oder nicht: Das Thema „Safer Nightlife“ sei in Stuttgart etwas stiefmütterlich behandelt worden, findet Jule. Gerade die offene Diskussion brauche es aber, damit die Situation sich verbessert. Clubs gäben immer einen sozialen Rahmen vor, in dem gewisse Regeln herrschten. Umso mehr Laufkundschaft ein Club habe, umso schwieriger sei es zwar, diesen Rahmen zu halten, dennoch dürfe sexuelle Belästigung nicht als ein Problem der „Mainstream-Clubs“ gesehen werden, das nur auf der Theo auftritt.

Nur beidseitiges Einverständnis ist sexy

„Alle Clubbetreiber möchten schließlich, dass sich ihre Gäste wohlfühlen.“ Das Stichwort hier sei „Awareness“, sagt Jule. Diese möchte das Club-Kollektiv stärken und damit positives und achtsameres Feiern fördern. Im Moment gehe es vor allem darum, das Problem sichtbar zu machen und Netzwerke zwischen allen Beteiligten zu knüpfen. Auf der Agenda stehen zum Beispiel Deeskalationsmanagement, Schulungen zum Thema Sicherheit mit den Veranstaltern, der Ausbau des Programms „Ist Luisa hier?“ oder die Teilnahme an nationalen Kongressen zu diesem Thema. Doch all diese Maßnahmen wirken trotzdem oft nur wie ein Pflaster für eine Gesellschaft, in der eine falsche Vorstellung von Einverständnis und persönlicher Grenzen herrscht. Damit sich alle wohlfühlen können, keiner ungewollt angefasst wird und Musik und Spaß im Vordergrund stehen, müssen vor allem die Problemverursacher lernen, ihr Verhalten selbst zu reflektieren.

Bei einer Tour durch diverse Clubs Deutschlands hat Jule mal einen Flyer gefunden. Auf dem steht: „Achtsam – Gebt auf euch und eure Mitmenschen Acht! Persönliche Grenzen sind subjektiv!“ Weiter unten heißt es: „Selbstbestimmt – Nur beidseitiges Einverständnis ist sexy! Nur JA heißt JA!“ Vielleicht wären ein paar Flyer oder Plakate dieser Art in einigen Stuttgarter Clubs auch ganz angebracht. Denn dem ist wirklich nichts mehr hinzuzufügen.

Titelbild: Unsplash/Mattia Ascenzo

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