Freundinnen gründen Kultur-Projekt für Geflüchtete

Beim Ankommen helfen abseits von Wissen und Leistung: Das schaffen Ronja Keifer und Marie Eisendick mit ihrem Freien Kulturprojekt. Die Werke sind am Donnerstag zu sehen.

Stuttgart – Drehen wir die Zeit ein bisschen zurück: 2016 lernen sich Ronja und Marie kennen. Sie arbeiten beide ehrenamtlich in einem Flüchtlingslager in Nordfrankreich. Neben der sozialen verstehen sich die zwei auch auf allen anderen Ebenen. So kommt es, dass sie jetzt seit anderthalb Jahren zusammen in Stuttgart wohnen. Und nicht nur Freundinnen sondern auch Projektgründer sind.

Kultureller Zugang bei Integration und Flüchtlingsarbeit bleibt oft auf der Strecke.

Mit ihrem Freien Kulturprojekt wollen die beiden Integrationsarbeit aus einer anderen Perspektive leisten. Integration über Sprach- und Integrationskurse sowie Allgemeinbildung ist wichtig. Kunst und Kultur jedoch bieten zusätzlich Raum das Menschliche in den Mittelpunkt zu stellen.

Zusammengekommen ist die Gruppe hauptsächlich über den Ausbildungscampus, aber auch über persönliche Kontakte. 12 Teilnehmer zählen zu der festen Kerngruppe. Es gab auch Leute, die nur einmal dabei waren oder hin und wieder zu den Treffen kamen. „Es war uns wichtig, dass es nichts Verbindliches ist, sondern einfach ein offenes Angebot. Die Leute kommen, wenn sie Zeit und Lust haben und sich zu nichts gezwungen fühlen. Viele haben schon Probleme, eine Ausbildung zu finden, in der Unterkunft oder mit einem Wohnortwechsel. Uns war es wichtig, dass dieses Projekt nicht noch ein weiterer Zwang ist.“ Das vermittelt auch der Name: denn das frei in Freies Kulturprojekt darf und soll auch so ausgelegt werden.

Auch gab es keine Voraussetzungen oder Anforderungen an die Teilnehmer – unabhängig von Alter, Aufenthaltsstatus oder künstlerischer Vorbildung war jeder herzlich willkommen. Ebenso ist dieses Projekt nicht nur für geflüchtete Menschen gedacht gewesen, sondern wirklich für alle. Und das sei es letzlich auch, so die beiden Projektgründerinnen, was die besondere Gruppendynamik ausmache: Dass so viele Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen, Kenntnissen und Talenten zusammen kommen.

„Man malt zusammen ein Bild und kommt automatisch ins Gespräch – egal ob man die gleiche Sprache spricht oder nicht.“

Das Wichtigste an dem Projekt war es in erster Linie, Spaß zu haben, als Gruppe zusammen zu kommen und sich kennen zu lernen. Integrationsarbeit wurde ganz nebenbei geleistet.

Ronja und Maria haben mit ihrer Gruppe auch Musik gehört, waren in der Staatsgalerie oder haben sich im Kontrast dazu Graffitis angeschaut. Sie vermitteln einen anderen Eindruck über Deutschland als das, was auf Lernblättern steht: sie zeigen junges Leben und Subkultur. „Wir waren beispielsweise auch in den Wagenhallen und haben da eine Führung gemacht“, sagt Ronja. „Klar, das ist ja auch kein Ort, an den man zufällig mal hinkommt.“ Und ganz automatisch lernten die Teilnehmer so auch die Stadt von einer ganz anderen Seite kennen.

„Es hat sich für uns alle schon herauskristallisiert, dass es nach der Ausstellung noch ein Danach geben soll. Über die Zeit sind auch Freundschaften entstanden, die natürlich über das Projekt hinaus bestehen“, so Ronja weiter.

Zoreh ist 28 Jahre alt, kommt aus dem Iran und ist nun schon seit vier Jahren in Deutschland. Sie ist eine von 12 Projektteilnehmern, deren Werke am Donnerstagabend zu sehen sind.

Was bedeutet dir Kunst?

Kunst ist für mich ein großer Teil des Lebens. Und ich glaube, dass jeder Mensch in sich Kunst hat, aber das muss man auch raus lassen. Kunst hat mir immer geholfen, meine Probleme zu vergessen.

Welche Erfahrungen hast du bei diesem Projekt gemacht?

Ich habe sehr tolle Menschen kennen gelernt, die Zusammenarbeit war wirklich schön. Viele Leute aus dem Kunstprojekt haben die verschiedensten Hintergründe und Ressourcen. Das Projekt ist vor allem deshalb so schön, weil es ein Multikulti-Projekt ist.

Eine persönliche schöne Erfahrung für mich war, dass ein Junge, der am Anfang gar nicht geredet und auch nicht gemalt hat, mit der Zeit dann angefangen hat, zu reden. Jetzt malt er wirklich tolle Bilder, was eine schöne Wirkung auf ihn ausübt. Und genau das ist das Richtige bei Kunst.

Was ist die Geschichte hinter deinen Werken?

Ich habe zwei Lieblingsstücke. Bei einem habe ich eine Gipshand gemacht und Zeitungen darauf geklebt, die Meldungen zeigen, die für mich, mein Land und unsere Welt viel Bedeutung haben. Sie zeigen eine Geschichte und eine Zeit, in der viel Veränderung passiert. Es ist meine Leidenschaft, dass ich viele Geschichten präsentieren kann, die in meinem Land passieren. Damit andere besser verstehen, was dort passiert. Ich will mit der Kunst solche Themen wie Menschenrechte, Frauenrechte, Krieg und Revolution ansprechen.

Das zweite Bild ist eine Frau, die nackt ist und ihr Kopf eine Erde. Ich habe den Ausdruck eines persischen Liedes genommen, in dem es um Sexismus geht und wie Männer mit Frauen umgehen. Ich glaube, die Erde ist eine Liebesgeschichte, in der jeder lebt, wie er möchte. Und am Ende weiß man gar nicht, welches Geschlecht die Erde hat.

„Es geht auf jeden Fall weiter, in welcher Form auch immer.“

Am Donnerstagabend werden die Früchte der künstlerischen Arbeit geerntet – die Ausstellung zeigt die entstandenen Werke. Der Titel „Jedes Gesicht hat eine Geschichte“ ist einleuchtend, entstand aber zufällig, als die Ähnlichkeit der beiden Worte für Verwirrung sorgte. „Im Nachhinein wurde uns bewusst, wie wichtig es in unserer heutigen Zeit ist, die persönliche Geschichte eines jeden Menschen anzuhören und anzuerkennen. Geschieht dies nicht, entsteht leider viel zu oft Raum für Vorurteile, Stigmatisierung und Diskriminierung. Hinter jedem ‚Gesicht‘ steckt eine Geschichte, die in der Bürokratie, den Medien und Statistiken oftmals verloren geht. Im Rahmen dieser Ausstellung sollen einige davon gezeigt und gewürdigt werden“, so Ronja.

Donnerstag, 20. September, 18 Uhr, Ausbildungscampus, Jägerstr. 14, 70174 Stuttgart

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