Frauen in „Männerberufen“: Vier Studentinnen erzählen

Naturwissenschaften sind eine Männerwelt. Studentinnen aus Stuttgart zeigen: Frauen können das genauso gut. Doch es gibt immer noch Lehrer mit Vorurteilen.

Stuttgart – Wir denken immer noch in Schubladen: Puppen für Mädchen, Bauklötze für Jungen. Und auch heute sind technische und naturwissenschaftliche Studiengänge überwiegend „Männersache“. Doch nicht ausschließlich. Chemie, Maschinenbau, Mechatronik, Technische Kybernetik – vier Stuttgarter Studentinnen erzählen von ihren Erfahrungen in Arbeitswelten, die immer noch Männerdomäne sind.

„Du bist eben eher der sprachliche Typ“

Ich habe 20 Nachhilfeschüler: 18 Mädchen und zwei Jungen. Allen Mädchen gebe ich Nachhilfe in Mathe, Chemie oder Physik und den beiden Jungen in Deutsch. Die Schülerinnen erzählen mir oft, ihr Lehrer habe ihnen gesagt, sie kriegen das sowieso nicht hin. Das sagen sie nicht so offensichtlich: „Du bist eben eher der sprachliche Typ“, heißt es dann. Das hat auch was mit der Generation zu tun: Jüngere Lehrer sind nicht mehr so drauf, aber der typische alte weiße Mann – der bringt halt solche Sprüche.

Das verunsichert die Mädchen natürlich total. Sie fragen sich ständig, ob sie das überhaupt schaffen können. Wenn es in der achten Klasse darum geht, sich für den naturwissenschaftlichen Zweig zu entscheiden, genauso: „Da bin ich ja allein mit den ganzen Jungs in der Klasse“ oder „Was sollen die anderen denken?“

Ich war in der Schule selbst nicht sonderlich gut in diesen Fächern. Aber ich fand es schon immer interessant! Mir wurde damals von einem Chemiestudium abgeraten, während ein Junge, der genauso schlechte Noten hatte, darin bestärkt wurde: „Du kriegst das schon hin“, haben die Lehrer zu ihm gesagt. Er ist im zweiten Semester rausgeflogen – ich bin jetzt im sechsten Semester und habe einen Zweierschnitt.

Ich sage den Mädchen immer: Ist doch egal, was die anderen denken! Ich studiere Naturwissenschaften, aber sehe ich deswegen aus wie ein typischer Nerd? Nein. Leidenschaft ist Leidenschaft.

– Alisa Ambru, 23 Jahre alt, studiert an der Uni Stuttgart Chemie, Deutsch und Physik auf Lehramt 

„Wichtig ist der Austausch“

Ich habe Mechatronik dual studiert. Außer mir gab es noch zwei weitere Frauen im Studiengang, später nur noch eine. Am Anfang fand ich es schon ein bisschen schwierig, unter all den Männern reinzufinden. Zum Beispiel, wenn sich alle über Autos unterhalten und man nicht mitreden kann. Aber das hat sich schnell gelegt.

Irgendwann war ich so integriert, dass mich die Jungs gar nicht mehr als Frau in dem Sinne wahrgenommen haben. Einmal sind an unserer Lehrwerkstatt mehrere Frauen vorbeigelaufen, da ließen die dann ihre Kommentare fallen – und ich mittendrin. Das war schon ein bisschen schräg. Ich hatte aber auch Freundinnen, die ebenfalls etwas Technisches studieren und mit denen ich mich austauschen konnte. Das halte ich für wichtig. Man muss den jungen Frauen den Mut geben, dass sie nicht die einzigen sind, die so etwas machen. Einfach das Gefühl vermitteln, dass das ganz normal ist.

Und es hat auch seine Vorteile, mit vielen Männern zu studieren. Die sind entspannter, es gibt keinen Zickenkrieg und keinen unterschwelligen Konkurrenzkampf, wie er bei Frauen ja so oft vorkommt, meiner Erfahrung nach. Ich glaube nicht, dass ich von den Ausbildern anders behandelt wurde. Und jetzt im Master haben sich die Profs sogar richtig gefreut: „Wow, hier sind aber viele Frauen im Kurs“, hat einer gesagt, als wir mal zu viert waren.

– Ines Pfeffer, 23 Jahre, studiert an der Uni Heilbronn Mechatronik und Robotik im Master, davor Mechatronikstudium an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart

„Wir sind ein Team“

Ich fand es als Kind schon toll, etwa zu haben, von dem man sagen konnte: „Das hab‘ ich geschafft.“ Selbst zu entwickeln, auszuprobieren, händisch zusammenbauen und am Ende das Ganze in der Hand zu halten – das hat mich fasziniert. Und so ist es heute auch noch beim Green Team. Ich bin dort für die Lenkung unseres Autos verantwortlich und arbeite momentan den ganzen Tag daran: Morgens geht es los und dann, je nachdem, bis spät in den Abend, manchmal bis nach Mitternacht. Aber es macht ja großen Spaß!

Im Bachelor habe ich Technologiemanagement studiert und bin jetzt im Master Maschinenbau. Eigentlich steht nur noch die Masterarbeit aus, aber das schafft man nicht neben der Arbeit beim Green Team. Von den etwa 50 Leuten im Team sind sechs oder sieben Frauen. Dort sind wir ein Team und helfen uns gegenseitig. Völlig egal ob Mann oder Frau.

Die Dinge, die wir machen, kann jeder gleich gut – das ist alles eine Sache von Erfahrung und Interesse. Nicht jede Frau kann Technik, aber es gibt genauso Männer, die technisch und handwerklich nicht unbedingt geschickt sind.

Ich bin allerdings schon der Meinung, dass es eine Rolle spielt, ob man sich als kleiner Junge – und ich sage jetzt bewusst „Junge“ – schon mit solchen Sachen auseinandergesetzt hat. Meine Großeltern sind eher technisch orientiert, deshalb habe ich bei meinem Opa schon als Kind mit Holz gewerkelt. Es kommt darauf an, in Kontakt mit den Sachen zu kommen. Vielleicht sollten die Lehrer ihre Schüler auch mehr praktisch arbeiten lassen, um Interesse zu wecken. Wir haben in der Unterstufe zum Beispiel mal eine Alarmanlage gebaut, das hat riesen Spaß gemacht.

– Elena Patzer, 24 Jahre alt, studiert an der Uni Stuttgart im Master Maschinenbau

„Brauchst du oft Hilfe von den Jungs?“

Das erste Mal, das ich mit Vorurteilen konfrontiert wurde, war komischerweise von einer Frau. Ich studiere Technische Kybernetik und mein Studiengang war auf einer Exkursion zu einem Atomkraftwerk. Ich war zufällig die einzige Frau. Die Dame, die die Führung gemacht hat, fragte mich dann: „Ist das Studium nicht zu schwer für dich? Brauchst du oft Hilfe von den Jungs?“ Da war ich schon baff.

Im Studiengang liegt unser Frauenanteil bei etwa 15 Prozent. Klar, die Mädels untereinander kennen sich, aber wir sind trotzdem eine durchmischte Gruppe. Die Jungs haben da echt wenig Vorurteile. Es gibt mal einen Witz, der ist dann aber auch als solcher erkennbar und dann witzelt man mit. Sonst habe ich noch nie erlebt, dass mich jemand anders behandelt hat, weil ich eine Frau bin. Und wenn ich jemandem erzähle, was ich studiere, ist die häufigste Frage nur: „Was ist das?“

Ich bin auch kein so großer Fan von einer Frauenquote, weil das Ganze ja schon viel früher losgeht. In der Schule gab es bei mir auch ein paar Mädchen, die aus Prinzip keinen Bock auf Mathe hatten. Als junge Frau überlegst du dir halt fünf Mal öfter, ob du wirklich Mathe studieren sollst. Jungs sind da irgendwie unbeschwerter. Ich hätte mir bei der Entscheidung damals mehr Erfahrungsberichte von Studentinnen gewünscht, die sagen, hey, schau her, ich hab‘ das auch geschafft!

– Lisa Eberhardt, 23 Jahre, studiert Technische Kybernetik an der Uni Stuttgart und macht gerade ein Auslandssemester in Dublin 

Titelfoto: Unsplash/Kyle Gregory Devaras