Fotoprojekt: Teheran goes Stuttgart

Ungekünstelt, rough und ehrlich: In seinem Fotoprojekt zeigt der iranische Fotograf Hamid Sadeghi den Kessel ganz ohne Make-up und Filter. Für ihn selbst ist der Weg von Teheran nach Stuttgart alles andere als ein Spaziergang.

Stuttgart – „Darf ich dich kurz fotografieren?“ Mal ehrlich: Die meisten von uns würden vermutlich erstmal zurückschrecken und sich an die Stirn fassen, wenn ein Fremder sie so anquatscht. Aber ist dieses Abblocken eigentlich ein natürlicher Schutzreflex oder nur gesellschaftlich anerzogenes Misstrauen? „In Stuttgart tragen die Menschen oft Schutzschilder vor sich her“, sagt Hamid Sadeghi. Der 29-jährige Fotograf hat das Leben junger Menschen im Kessel portraitiert. Eigentlich lebt er in Teheran und weiß nur zu genau, wie sich Misstrauen anfühlt.

In Teheran lebt man mit dem Misstrauen

Wenn Hamid in den Straßen seiner Heimatstadt Menschen anspricht, die er gerne fotografieren würde, werfen sie ihm missbilligende Blicke zu. Wollen Papiere sehen. Bestätigungen. Irgendeine Form von Sicherheit. „Ich kann das verstehen“, sagt er. „In diesem politischen Klima ist es schwer, jemandem zu trauen.“

Hamid gehört zu einer jungen, urbanen Schicht, die das iranische System kritisch hinterfragt. Er ist der Teheran aufgewachsen. Die Straßenecken dort sind voll von seinen Erinnerungen: der erste Kinobesuch. Das erste selbst gekaufte Buch. Das erste Treffen mit einem Fotografen, der ihm das analoge Fotografieren näher brachte. Hamid ist ein Großstadtkind, das sich ein Leben im Iran abseits des kulturellen und politischen Zentrums nicht vorstellen könnte. „Alles, was in diesem Land passiert, beginnt in Teheran“, sagt er. 

„Im Iran kann ich mir nichts aufbauen“

Trotzdem will Hamid gehen. Grund dafür sind die instabilen Verhältnisse in seinem Heimatland. „Ich weiß einfach nicht, wie es hier in ein paar Jahren aussehen wird. Und so kann ich mir nichts aufbauen“, sagt er. Seit Hamid 20 Jahre alt ist, sehnt er sich nach einem Leben ohne Fragezeichen.

2015 kam er über ein Stipendium des Instituts für Auslandsbeziehungen das erste Mal nach Deutschland. In der Nähe von Stuttgart arbeitete er drei Monate lang als Fotojournalist für die Zeitenspiegel Reportageschule. Eine seiner Aufgaben: ein Portrait des Stuttgarter Kessels zu gestalten.

Stuttgart kann man nur über Menschen verstehen!

Beim ersten Versuch fotografierte Hamid das Offensichtliche: Gebäude, Parks, Straßenzüge. Menschen anzusprechen, traute er sich hingegen nicht. „Ich habe ihre Sprache nicht verstanden und wusste nicht, wie ich auf sie zugehen sollte.“

Nachdem das Projekt beendet war, suchte der Fotograf im Iran nach einem Weg zurück in sein neues Zuhause. Er meldete sich zum Bundesfreiwilligendienst. Der brachte ihn 18 Monate lang als Hilfskraft in einem Kindergarten unter. Sobald seine Schicht vorbei war, zog er mit seiner analogen Kamera durch die Straßen. Sein Ziel: Diesmal wollte Hamid die Stadt wirklich verstehen. Doch das ging nur über die Menschen.

„Es hat eine Weile gedauert, bis ich den Dreh raus hatte“, erinnert er sich heute. „Wenn man sie anspricht, wollen die Leute hier meistens wissen, wer du bist und was mit ihren Bildern passiert.“ In München oder Berlin sei das anders. „Aber wenn man hier auf sie zugeht und ihnen das Projekt erklärt, sind die meisten echt offen.“

Die Bilder, die er in seiner Zeit in Stuttgart gemacht hat, beschreibt er selbst als „punk“. Sie sind rough, ungestellt, voll von den Emotionen einer Situation. Hamid zeigt ein Stuttgart abseits der Werbeslogans und bekannten Ecken. Er zeigt die 3-Uhr-Morgens-Momente. Das leicht geknickte Nachmittags-Lächeln. Die überdrehten kurz-vor-Mitternacht-Grimassen der Menschen, die diese Stadt ausmachen.

Viele der Bilder sind auf der Straße entstanden. Manche im intimen Umfeld privater Partys oder beim Ausgehen. Alle erzählen ihre ganz eigene Geschichte der Stadt.

Arbeitsvisum? Unwahrscheinlich.

Über seine Stuttgarter Freunde hier hat Hamid inzwischen ein Jobangebot bei der Agentur Silbersalz Film, um analoge Filme zu entwickeln. Doch die Behörden machen ihm einen Strich durch die Rechnung.

Dank des momentan gültigen Zuwanderungsrechts muss Hamid vorerst auf eine Arbeitserlaubnis verzichten. Das Problem: Nur wer einen sogenannten Mangelberuf hat, also einen Job, in dem es in Deutschland Nachwuchsprobleme gibt, darf zum Arbeiten ins Land. Fotografen stehen nicht auf dieser Liste. Also sitzt Hamid in Wartestellung in Teheran. Ein neues Gesetz, das Anfang 2020 in Kraft treten soll, könnte ihm helfen. Wir drücken die Daumen.

(Fotos: Hamid Sadeghi, Portraitfoto von Hamid: Michael Schulz)

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