Fluxus: Schon fast vergessen

Never Forget Fluxus? Eine Mall, ob alternativ oder nicht, sollte es höchstens ins Kurzzeitgedächtnis der Stuttgarter schaffen, findet unser Kolumnist Peter Buchholtz.

Stuttgart – Zwei Mädchen im Teenageralter stehen vor der Holzwand, die den Durchgang zur Calwer Passage nun versperrt, und damit den Eingang in die den Stuttgartern heilig gewordenen Fluxus-Hallen. Mit herunterhängenden Schultern und enttäuschtem Blick aufs Smartphone stellen sie fest: hier gibt es keine „Alternative Shopping Mall“ mehr. Kaffee und Croissant müssen wohl woanders bestellt werden, damit sich der Insta-Tag doch noch gelohnt hat.

Die Fluxus-Schweigeminute geht zu Ende

Während in Stuttgart-Mitte langsam die Schweigeminute für das Fluxus-Aus zu Ende geht, wird der Fortbestand einiger Läden bejubelt wie ein freier Parkplatz in Stuttgart-West. Der Kollege Ingmar Volkmann brachte es im Juni auf den Punkt, als er über die neue Heimat der Bar Tatti schrieb: „Was alle vorzeigbaren Menschen in Stuttgart unter 40 in den vergangenen Wochen beschäftigt hat, war nicht die Frage, wo bezahlbarer Wohnraum herkommen soll, wieso dieser eine Onkel aus Bayern die Bundeskanzlerin so sehr nervt oder wer die WM gewinnen wird (Deutschland nach Toren von Özil und Gündogan), sondern wohin die Bar Tatti ziehen wird.“

Dass der Autokorso ausblieb, liegt nur daran, dass das Fluxus-Publikum Bahn und Stella fährt. Und dass es im schicken Tatti-Merchandise bisher noch keine Autofahne gibt. Und vermutlich auch nie geben wird.

Der gemeinsame Nenner von Fluxus, Gerber und Milaneo

Dabei ist nichts an den Bar- und Einkaufskonzepten im „Alternativen Einkaufszentrum“ falsch, über das 2015 im Kontext von Gerber- und Milaneo-Eröffnung sogar die taz berichtete. Das Fluxus war ein Gewinn für die Stadt, keine Frage. Nur sollten die Stuttgarter fluxustechnisch vielleicht doch lieber mal die Kirche im Dorf lassen und runterkommen. Die Einkaufs- und Gastro-Konzepte waren und sind zwar offenbar alternativ, doch im Grunde ging es im Fluxus genauso wie im Gerber und im Milaneo darum, dass das Publikum den Geldbeutel rausholt. Kein Geld = keine Freizeitgestaltung im „Alternativen Einkaufszentrum“.

Konsum und Kultur kann man schon mal verwechseln

Wie Stuttgart und damit auch die ansässige Presse den Konsumtempel in klein abgefeiert hat (ja, auch wir) und immer noch abfeiert, zeigt, wie schlimm es doch um Stuttgart steht. Konsum und Kultur, das kann man eben schon mal verwechseln in der Landeshauptstadt. Schade, dass Projekte, die ähnliche Aufmerksamkeits-Hypes verdient hätten, Contain’t etwa, oder die Kulturinsel, von der Stuttgart-Mitte-Posse dagegen ganz schön schnell vergessen wurden. Komisch, dass da Leute nach Leipzig und Berlin abwandern.

Was aussieht wie die stylische Inneneinrichtung eines Pop-Up-Stores ist in Wahrheit nur ein gewöhnlicher Bauzaun.

Erinnerungen an eine Mall hingegen, egal ob alternativ oder konventionell, sollten es doch im Grunde genommen höchstens ins Kurzzeitgedächtnis schaffen. War da jetzt ein Pop-Up-Tattoo Studio oder ein Craft Beer Laden drin? Ach, ist doch eigentlich auch egal. Already forgotten!

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