Film Paläste der Sehnsucht: „Es fehlt das Beisammensein!“

In dem Kurzfilm „Paläste der Sehnsucht“ zeigt Denis Pavlovic viel mehr als verlassene Clubs während einer Pandemie. Es geht vor allem darum, den Menschen, die im Nachtleben zu Hause sind, eine Stimme zu geben. „Weil sie es jetzt mehr denn je benötigen!“

Stuttgart – „Ein Virus zwang die Weltbevölkerung in einen Stillstand, wodurch das Nachtleben und die Clubszene zum Erliegen kamen. Es begann eine Zeit der sozialen Distanz und ein menschliches Grundbedürfnis wurde ausgelöscht. Geblieben sind Erinnerungen und Geschichten an eine scheinbar verloren gegangene Welt“, so steht es rot auf schwarz zu Beginn des sechsminütigen Films „Paläste der Sehnsucht“ geschrieben. Zu sehen sind Aufnahmen von verlassenen Clubs und leeren Tanzflächen, auch die ein oder andere Stuttgarter Location ist dabei. Ihre verschollenen Nachtschwärmer hört man im Off sprechen. „Mir ist es besonders wichtig, den Menschen eine Stimme zu geben, die ihre sonst im Club suchen und im Alltag untergehen“, so der Regisseur.

Paläste der Sehnsucht: Es fehlt das Beisammensein

Denis, der seit 2015 an der Filmakademie in Ludwigsburg studiert, arbeitete selbst jahrelang in Stuttgarter Clubs – unter anderem im Rocker und Kowalski. „Als Filmemacher beschäftigte mich seit jeher, wie man es greifbar machen kann, was die Menschen im Nachtleben wirklich fühlen. Ich war schon immer auf der Suche nach einem anderen Bild.“

In seinen Filmen behandelt er Themen wie globale Umbrüche, gesellschaftliche Veränderungen und den individuellen, menschlichen Kampf für ein besseres Leben. Während in seinem 2012 erschienen Film über den rapiden Abbau der Musik- und Kunstlandschaft die Frage „Wo tanzen wir morgen?“ gestellt wird, schwelgt „Paläste der Sehnsucht“ acht Jahre später in Erinnerungen. Die Erinnerungen der Stimmen aus dem Off: Was bedeutet das Nachtleben für sie? Welche Beziehungen haben sie zu Clubs und was hat sich durch Corona verändert? „Es ist wie eine Bestandsaufnahme – auch für die Zukunft.“ Prädikat „wertvoll“.

„Was fehlt, ist das Beisammensein, das gemeinsame Erleben. Ich finde, es ist uns gelungen, die Gefühle dieser Menschen, die sonst dort im Club stehen, herauszukratzen. Als hätten sie gerade jetzt, weil das alles weg ist, die freie Seele gehabt, es in Worte zu fassen. Diese Gegenwirkung: Es gibt keine Party, aber wir reden über die Party – genau das habe ich damals auch gespürt, als ich tagsüber in den noch leeren Clubs war. Es ist wirklich surreal, so ohne Menschen und Musik.“

Den Menschen dahinter eine Stimme geben

Aktuell steht Denis kurz vor seinem Diplom. Zwar hat es ihn mittlerweile nach Hamburg verschlagen, doch die Stuttgart-Connection bleibt stabil – „born and raised“ eben. Kein Wunder also, dass sich auch einige bekannte Spots aus dem Kessel im Film wiederfinden. „Insgesamt ging das alles echt schnell, wir haben im Juni acht Tage lang daran gearbeitet – vier Tage gedreht und weitere vier Tage Interviews mit Personen geführt, die in verschiedenen Kontexten im Nachtleben unterwegs sind. Das war natürlich auch für mein Team interessant, die im Gegensatz zu mir nur wenige der Befragten kannten.“

Denis erinnert sich: „Auch die Clubs waren schnell durchtelefoniert und wirklich alle sofort dabei und unglaublich dankbar. Für mich sehr emotional und herzerwärmend.“ Er ergänzt:

„Es ist eine schwierige Lage. Verrückt ist halt, dass, wenn man es gesellschaftlich betrachtet, diese öffentlichen Räume und vor allem die Menschen dahinter aktuell einfach vergessen werden. Clubs sind wie ein Boxsack. Die Leute kommen, toben sich aus und gehen dann wieder.“

Genau deshalb haben sich Denis und sein Team auch gegen ein Dankes-Video entschieden – zumindest vorerst bleiben sie still und übergeben das Wort an die Menschen und ihre musikalischen Schutzräume. „Weil sie es jetzt mehr denn je benötigen!“

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