Fernsehen: Ein Querschnitt der Bevölkerung

Heute ist Weltfernsehtag. Für uns hat Autorin Laura ihren Netflix-Account den Mitbenutzern überlassen und eine Woche einfach mal ferngesehen — natürlich mit Pausen. Ihre Erfahrungen hat sie zusammengefasst. Spoiler: Ja, Fernsehen macht dumm und bei GZSZ ist alles wie immer!

Stuttgart – Ich habe eine Woche ferngesehen, also so richtig. Nicht Netflix, nicht Amazon Prime und auch keine YouTube-Videos, sondern ganz retro FERNGESEHEN. Und was soll ich sagen? Es ist beruhigend festzustellen, dass es in der deutschen, sich stetig wandelnden TV-Landschaft noch einige Konstanten gibt, an die wir uns klammern können. Denn auch, wenn Fernsehen dumm macht, es wird immer noch jemanden geben, der dümmer ist als wie du. Sorry, die Werbung habe ich auch geschaut.

Fernsehen: Schlechte Laune schon zum Frühstück

Zu meiner Verteidigung: Ich war krank, lag mit Grippe im Bett und war gezwungenermaßen ein „Influenza“. Alles, was ich tun wollte, war schlafen und wenn ich nicht schlafen konnte, suchte ich Ablenkung. Da sämtliche Streaming-Plattformen tabu waren, startete ich schon morgens um 7 Uhr mit dem Frühstücksfernsehen. No risk, no fun!

Das Fernsehstudio hat sich über die Jahre kaum verändert. Der Look ist modern, also die Art von modern, die eigentlich nicht (mehr) modern ist, aber mit der sich die große Masse committen kann. Hier gibt es alles, was man zum Frühstück braucht: Aufgespritzte Lippen, Z-Promi-News, Drama, vom Praktikanten geskriptete Witze und Horoskope. „Krebse haben heute mit Turbulenzen zu kämpfen. Halten Sie durch!“ Alles klar, scheiß kosmische Fügung. Hold my Erkältungstee!

Vorsicht, Verwechslungsgefahr!

Eine Sendung, so cool wie Florian Silbereisen ist Bares für Rares. Moderiert wird das Programm „für die ganze Familie“ von Tim Mälzer, ach nee, stopp, falscher Sender, Horst Lichter. Genau, Koch, Kochbuchautor oder auch rheinische Frohnatur, wie RTL jetzt bauchbinden würde. Lange musste ich überlegen, an wen mich Horst Lichter erinnert, wenn nicht an Horst Lichter selbst. Ich weiß es jetzt: Er sieht aus wie Janes Vater in der Disney-Verfilmung von Tarzan. Vorsicht, Verwechslungsgefahr!

Verwechslungsgefahr!

Das Konzept der Sendung: Menschen, die sich vorher bewerben mussten, fahren teilweise vom anderen Ende Deutschlands nach Köln, bringen einen alten Gegenstand mit, der von Experten vor Ort geschätzt wird. Lichter bietet den „ausgewählten Kandidaten“ dann immer erst einmal das „Du“ an. Nachdem abgeklopft wurde, welche Preisvorstellungen Gisela, Bernd oder Manni haben, fragt Horst erst einmal, was mit dem noch nicht erworbenen Geld geplant sei. Auf die Antwort: „Für meinen Enkel/meine Enkelin, der/die will studieren“ setze ich 50 Euro im nächsten Wettbüro!

Ein Querschnitt der deutschen Bevölkerung

Mein Tipp: Ab 12 Uhr kann man Vox einfach nebenbei durchlaufen lassen. Erst kommt eine Shopping Queen-Wiederholung von der vorherigen Woche – immerhin musste ich ja aufholen! Danach geht es weiter im Programm mit Müttern, die ihre Erziehungsstile bzw. Kinder miteinander vergleichen. „Ein Querschnitt der deutschen Bevölkerung“ kommentiert das Geschehen von der Couch aus. Typisch deutsch. Am Ende gibt es den großen Showdown zwischen den Müttern. „An ihrem Erziehungsstil haben sie nach der Show nichts geändert“, sagt der Kommentar überraschend in jedem Abspann.

Im Laufe des Tages gehört man übrigens selbst zum „von der Couch bewertenden Querschnitt der deutschen Bevölkerung“ – sei es als Fashion-Experte, Wedding-Planer oder Flirtcoach. Komisch, ich fühle mich langsam schon viel besser.

Jo Gerner hat Beef

Ein echter Klassiker im deutschen Fernsehen: GZSZ! Der absolute USP dieser Sendung ist es wohl, dass man sie fünf Jahre nicht gesehen haben muss, dann wieder einschaltet und nach spätestens zwei Minuten genau weiß, was gerade abgeht. Zusammengefasst:

  • Mindestens zwei Rollen wurden mit neuen Darstellern besetzt, die dem Vorgänger absolut nicht ähnlich sehen.
  • Leon kocht.
  • Irgendein Pärchen hat Schluss gemacht und einer von beiden ist jetzt mit dem besten Freund des anderen zusammen – wahlweise auch mit der Mutter oder dem Vater des Ex-Partners.
  • Jo Gerner hat Beef und plant seine Rache.
  • Eine mysteriöse neue Person taucht ganz plötzlich auf und hat ein total absurdes Geheimnis.
  • Ein Serientod bahnt sich an.
  • Leon kocht wieder.

Meine Theorie ist übrigens, dass diese Sendung mit Jo Gerner steht und fällt. In diesem Sinne: Hauptsache Joachim geht es gut!

Der deutsche Offbeat

Natürlich darf in diesem Artikel eine erstklassige Unterhaltungsshow mit Prime Time nicht fehlen. Eine Show wie The Voice of Germany! (Wer jetzt übrigens den Jingle im Kopf mitgesungen hat – erwischt!) Auch, wenn die knapp drei Stunden aus 80 Prozent Werbung und Cliffhangern bestehen, ist das Schlimmste nicht etwa die Seat-Werbung, die schlechte Songauswahl oder geskriptete Jokes, sondern das Publikum. Schon beim ersten Ton steht das Studio auf den Stühlen, AHU! Im Takt mitklatschen? Nein, hier wird im Offbeat performt. Ich weiß, die Deutschen lieben es zu klatschen. Nur leider können sie es nur bedingt gut, eigentlich gar nicht. Codewort: Queen. Wer einmal im Dorfzelt bei einer „We Will Rock You“-Performance dabei war, weiß wovon ich spreche.

Vermisst…

Vielen werden in dieser Aufzählung wahrscheinlich Formate wie „Bauer sucht Frau“ oder „Schwiegertochter gesucht“ fehlen, aber mal ehrlich: Das ist mir nun wirklich zu dumm – beziehungsweise lief beides gerade nicht.

Kratzt Fernsehen am Intelligenzquotienten? Nun ja, eher nicht. Fernsehen fordert unseren Kopf nämlich gar nicht erst heraus. Viel mehr lässt es ein Gefühl der Überlegenheit zurück, weil man am Ende des Tages eben doch nur ein Teil des Querschnitts der Bevölkerung ist, der abfällige Bemerkungen in Richtung Smart-TV raunt und dabei Chipskrümel ausspuckt.

Eine Anmerkung habe ich dann aber doch noch. Haben die von Sat.1 schon einmal darüber nachgedacht, Julia Leischik nicht nur nach verschwundenen Menschen suchen zu lassen, sondern sie auch auf verschollene Gegenstände anzusetzen? Irgendwie muss meine Fernbedienung abhanden gekommen sein.

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