Europa-Liebe im Kessel

Vom 1. Stock übers Tatti bis hin zur Galerie Kernweine machen sich Stuttgarter gerade für die europäische Idee stark – und das nicht ohne Grund: Denn kurz vor der Wahl steht die EU vor der Zukunftsfrage.

Stuttgart – Die EU kann mehr als schräge Gurkenverordnungen. Obwohl viele wohl zuerst an einen Haufen alter, weißer Männer in Anzügen denken, steckt in uns allen mehr Europa als man vielleicht meint. Wer in der Union groß geworden ist, fühlt sich in Spanien heute so zuhause wie in Belgien oder Dänemark. Dass man Landesgrenzen überschreitet, merkt man meist nur an den vorbeirauschenden „Willkommen“-Schildern am Rand der Autobahn. Und im Restaurant auf Zypern legt man ohne nachzudenken den Betrag in Euro auf den Tisch.

Europa – ein wackliges Lebensgefühl

Europa ist ein Lebensgefühl. Ein gemeinsames Wertesystem, verteilt über einen Kontinent – so zumindest das Ideal. Doch genau dieses Lebensgefühl scheint im Moment ins Wanken zu geraten. Brexit, Flüchtlingskrise und Populismus machen die EU gerade so wackelig wie selten zuvor. Und vielen wird klar, was sie ohne Europa alles verlieren könnten. Also heißt es: Auf zur Verteidigung!

Schon zu Beginn des Jahres postete halb Instagram die virtuellen EU-Pässe von Bilderbuch. Die EU-Hoodies des Berliner Labels Souvenir Official haben es inzwischen zum gehypten Blogger-Item geschafft. Und zahllose Influencer rufen ihre Follower jetzt, eine Woche vor dem Stichtag, zur Wahlurne. Auch hierzulande weht die Europa-Liebe vor der Wahl zum EU-Parlament am 26. Mai fröhlich durch die Straßen und Stuttgart bezieht Stellung.

„Europa ist ein riesiges Geschenk“: Team Galerie Kernweine

Anna-Lena Reulein und Oliver Kröning haben Linien auf den Boden geklebt. Eine für den Hass, eine für den Planeten, eine für den Frieden. Lange, dünne Streifen, die sich quer durch die Galerie Kernweine ziehen – als Symbol für Europa: „Ich bin in Deutschland aufgewachsen und viele europäische Werte sind mir im Alltag oft nicht bewusst. Für mich sind sie selbstverständlich“, sagt Anna-Lena und zuckt mit den Schultern. „Aber es ist ein riesiges Geschenk, dass wir zum Beispiel reisen dürfen, wohin wir wollen. Sagen dürfen, was wir wollen. Zeit mit den Menschen verbringen dürfen, wie wir wollen. Das darf man nicht vergessen.“

Zur Wahl macht das Team der Galerie Kernweine deshalb ordentlich Stimmung für die europäische Familie – für Freiheit, Gemeinschaft und gegen Angriffe von rechts außen: „In unserer maximal globalisierten Welt kann man es nur gemeinsam schaffen“, sagt Oliver. „Und Europa ist zwar eine Familie, in der es den einen oder anderen Onkel gibt, für den man sich manchmal ein bisschen schämen muss, aber das fängt man am Ende auch wieder auf.“

Mit dem „Europe Space“ gibt es in der Galerie Kernweine den ganzen Mai über verschiedene Veranstaltungen zum Thema Europa.

„Europa ist Freiheit“: Team Tatti

Nach einem Anruf war alles klar. Als Paul Benjamin Scheibe im Tatti eine spanische Aushilfskraft anstellen wollte, war der bürokratische Aufwand gleich Null: Richtige Nummer gewählt, Sozialversicherungsnummer durchgegeben – that’s it. „Bei sowas merkt man erstmal, was es für ein riesiger Vorteil ist, dass wir in der EU alle in einem Boot sitzen“, sagt der Mitbegründer des Tatti.

Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Marcus Phillip sitzt er vor seinem Café in der Sonne, über ihm ein angeklebter EU-Stern. „Für einen anderen Mitarbeiter, der aus Kamerun kommt, haben wir einen ganzen Ordner mit Schriftverkehr. Das ist alles wahnsinnig mühselig und kompliziert“, fügt Markus hinzu. „Bei Nicht-EU-Ländern läuft das eben alles anders.“

Für beide bedeutet Europa, sich frei auf dem Kontinent bewegen zu können – und deshalb machen sie sich gerade jetzt für die europäische Idee stark. „Eine große Herausforderung im Moment ist es, dieses Konstrukt zusammenzuhalten. Gemeinsam weiter an den europäischen Werten zu arbeiten. Und den Zusammenhalt in Zukunft noch besser zu machen“, sagt Paul Benjamin und rät: „Geht wählen!“

„Nationalismus turnt mich ab“: Team 1. Stock

Sie kennt die Freiheit, er das Klima der Unterdrückung: Während Carrey in Deutschland groß geworden ist, lebte Saeed bis zu seinem 19. Lebensjahr im Iran. Heute teilt das Dreamteam aus dem 1. Stock nicht nur das wahre Leben miteinander, sondern auch die Liebe zu Europa.

„Ich habe eine Welt kennengelernt, in der es die Privilegien, die wir hier haben, nicht gibt“, sagt Saeed und spielt mit einem Feuerzeug, auf dem die gelben Sterne der EU-Flagge prangen. „Man darf das nicht einfach so verschenken. Ich habe das Gefühl, dass es hier gerade eine Generation gibt, die diese Werte nicht richtig zu schätzen weiß.“ Carrey nickt. Auch für sie war die EU lange Zeit nur schwer greifbar. „Die Leute haben zwar gesagt, dass sie wichtig ist, zum Beispiel für die Friedenssicherung. Aber ich habe in Deutschland nie etwas anderes als Frieden erlebt“, sagt sie.

Durch den Brexit und die Flüchtlingskrise habe sie gemerkt, dass all die Werte, mit denen sie aufgewachsen sei, auch verloren gehen können. Deshalb setzen Saeed und Carrey sich nun für ein Wir-Gefühl über die Grenzen hinweg ein: „Mir ist es wichtig, dass die Leute, mit denen ich zu tun habe, meine Werte teilen – nicht, woher sie kommen“, meint Saeed.

Am Vorabend der Wahl findet im 1. Stock eine Party für Europa statt – alle Graphics sollen an diesem Abend etwas mit der EU zu tun haben. Infos findet ihr zeitnah hier.

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