Entschuldige, dass ich dich auf der Straße nicht erkenne

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal erklärt sie, was eine dissoziative Amnesie ist und warum das über gewöhnliche Vergesslichkeit hinausgeht.

Bremerhaven/Stuttgart – Es gibt viele Tipps und Tricks, um das eigene Gedächtnis zu stärken und sich besser erinnern zu können: an Namen, Zahlen, Orte oder Gesichter. Lange Zeit dachte ich, ich sei einfach vergesslicher als die meisten Menschen. Bei mir nimmt das allerdings ziemlich unangenehme Ausmaße an.

Erinnerungslücken

Traumatische Ereignisse sowie anhaltende Traumata können zu dissoziativen Zuständen führen. Eine dissoziative Amnesie äußert sich in Form von Gedächtnisstörungen und Erinnerungslücken. Das hat den Zweck, die betroffene Person davor zu bewahren, sich erneut mit traumatischen Erlebnissen auseinandersetzen zu müssen – also eine Art Schutzfunktion.

Betroffene weisen Erinnerungslücken zu bestimmten Abschnitten ihres Lebens auf. Diese Form der Amnesie geht weit über eine gewöhnliche Vergesslichkeit hinaus. Es können nur Minuten des Geschehenen vergessen werden oder sogar ganze Ereignisse.

Alltagsamnesie

Einige Betroffene leiden auch unter sogenannter Alltagsamnesie. Durch geringe Belastung kann es dazu kommen, dass alltägliche, nicht-traumatische Erlebnisse vergessen werden. Es handelt sich hierbei um ein chronifiziertes Traumafolgesymptom. Dies führt zu Problemen in Beziehungen oder in der Interaktion mit dem Umfeld.

Manchmal lerne ich Menschen kennen, sie werden mir vorgestellt und ich erkenne sie am nächsten Tag auf der Straße nicht wieder. Schon oft bin ich dadurch in peinliche Situationen geraten und die meisten Menschen halten mich für arrogant oder überheblich.

„Bist du nicht…?“

Es kommt auch vor, dass mir Freunde von einem Ereignis berichten, bei welchem ich wohl dabei war, aber an das ich mich partout nicht erinnern kann. Es ist wie ein Film über mein Leben, von dem mir andere berichten. Ich kann es nicht einschätzen und es gibt für mich auch keine logische Struktur, wann sich mein Gehirn Dinge merkt und wann nicht.

Ich kann das oft geschickt überspielen und lerne mich immer besser kennen. Allerdings ist es schwer zu erklären, warum ich völlig banale Erlebnisse nicht mehr einordnen kann.

Ein freundliches Hallo erwidere ich gerne, aber seid mir nicht böse, wenn ich mich nochmal vorstelle.

(Titelbild: Unsplash/Allef Vinicius)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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