Eine Wiener Lyrikerin entdeckt Stuttgart

Seit Januar wohnt die Wiener Lyrikerin Katharina Ferner als Stipendiatin im Schriftstellerhaus Stuttgart. Bis Ende März schreibt sie hier Gedichte. Und lässt sich für die ganz gezielt von ihren herumtreiberischen Streifzügen inspirieren.

Stuttgart – Das Bild eines Schriftstellers oder einer Schriftstellerin in der Öffentlichkeit ist gemeinhin von Klischees, Stereotypen und allzu romantisierenden Vorstellungen geprägt – um nicht zu sagen: getrübt. Der mondsüchtige, kauzige, introvertierte und reichlich solitäre Schreiberling, allein zuhause in seiner zugigen Stube, zur Gesellschaft wenig mehr als eine Kerze, Holzwürmer und eine billige Flasche Rotwein. Spitzwegs armer Poet ist daran nicht ganz unschuldig. Und erzählt doch nur die halbe Wahrheit.

Im Haus der Worte

Denn obgleich die Schriftsteller, Literaten, Lyriker oder Wortdrechsler nur in den seltensten Fällen mit Zaster überschüttet werden, so sind die meisten dennoch ein gutes Stück vom vorherrschenden Bild der melancholischen Einzelgänger entfernt. Besonders gut sieht man das an einem aktuellen Beispiel aus dem Schriftstellerhaus.

Hier, direkt am Charlottenplatz, eingeklemmt zwischen Weinstube Kiste und einem persischen Restaurant, steht besagtes Haus, ein schmaler und hübsch alter Fachwerkbau. Es ist ein Ort der Literatur, der Vernetzung und der Förderung. Und in ihm, im dritten Stock, wohnt, schreibt, denkt und liest derzeit die charmante Österreicherin Katharina Ferner.

Aus Wien nach Stuttgart

Die frisch 28 Jahre jung gewordene Wienerin ist die erste Lyrikstipendiatin des traditionsreichen Hauses und fühlt sich in der vom Klett-Cotta-Verlag eingerichteten Wohnung schon heimisch. Derzeit konzentriert sie sich auf Gedichte (zur Erinnerung: Das ist wie Poetry Slam, nur ohne den albernen Slam), hat jedoch auch schon einen Roman veröffentlicht und blickt der Veröffentlichung ihres Bandes „nur einmal fliegenpilz zum frühstück“ am 11. März entgegen. Die Erscheinungsfeier ihrer feinsinnigen, pointierten und herrlich klangvollen Gedichte, die wird sie also in Stuttgart begehen.

„Grau, nass, kalt“, so umschreibt sie ihre ersten Eindrücke in der Stadt. Kein Wunder: Sie kam Anfang Januar nach Stuttgart, in einer Zeit also, in der es so schien, als habe die Sonne der Stadt für immer den Rücken gekehrt. „Aber zum Arbeiten ist solch ein Wetter eh gut“, entschärft sie sogleich in ihrem melodiösen österreichischen Akzent.

Wem die Stunde schlägt

Nach ihrem letzten Stipendium in Hausach, einer verschlafenen Schwarzwald-Gemeinde, ist das Schriftstellerhaus mitten in der Stadt natürlich etwas anderes. „Die zentrale Lage ist toll, zudem ist man eigentlich nie allein. Das weiß ich zu schätzen, anfangs war es aber ein wenig ungewohnt.“ Gut, wer in Wien wohnt, der wird von Stuttgart wahrscheinlich nicht gerade urban überfordert. Zumindest die von vielen beklagte Geräuschkulisse rund um das Schriftstellerhaus stört Katharina nicht. „Nur die Kirchenglocken könnten morgens etwas weniger laut läuten“, meint sie mit einem Lächeln.

Ich bin eine Herumtreiberin

Obwohl ihr die Wiener Kaffeehäuser fehlen, schätzt sie die Stadt schon jetzt. Sie knüpft Kontakte, besucht das Literaturhaus, die Stadtbibliothek, erkundet die Umgebung zu Fuß („ich bin eine Herumtreiberin“) und genießt die vielen Aussichtspunkte, von denen es sich hervorragend auf die Stadt herabblicken lässt. Wie das Teehaus im Weißenburgpark, an dem wir uns für dieses Gespräch verabredet haben. Der Marmorsaal, für uns Stuttgarter durchaus ein Prunkstück, kann ihr indes nicht allzu viel Begeisterung entlocken. Aber wer aus Wien kommt, der ist wahrscheinlich durchaus ein anderes Kaliber gewohnt.

Ein Schwamm aus Poesie

Ihr erster in Stuttgart entstandener Text war übrigens einer über ein Autorennen. Passt natürlich zur Autostadt Stuttgart, in der sie insbesondere die Ampelschaltungen und der verwirrende Charlottenplatz manchmal zur Verzweiflung bringen. Dennoch hat sie sich bewusst für diese Stadt entschieden. Weil sie die Gegend ebenso mag wie das Schwäbische. Das hören wir natürlich gern, zumal ihr Interesse tatsächlich genuin ist. Stets hat sie Block und Stift dabei, notiert schwäbische Ausdrücke oder Eigenheiten wie die Stäffele oder die Geschichte der Brezel. Ein Poesieschwamm, der alles aufsaugt, was das Leben im Kessel zu bieten hat.

Sprachgewandt und wortverrückt

Ihre Begeisterung für Worte verfolgt sie schon ihr ganzes Leben. Sie spricht russisch, tschechisch, isländisch, liebt es, neue Worte kennenzulernen. „Dadurch erweitert sich meine Muttersprache automatisch.“ Schon als Kind war sie regelrecht besessen vom Lesen, verschlang im vierwöchigen Griechenland-Urlaub ein Buch pro Tag. „Ich musste mir die Bücher streng einteilen, damit ich nicht mehr als eines pro Tag las“, lacht sie. Lyrik hat sie immer schon gern geschrieben, entschied sich aber bewusst dazu, das zu vertiefen und auch im österreichischen Dialekt zu schreiben. „Ich bin fasziniert von Wortgenauigkeit und auch bei meinen längeren Texten vordergründig an der Sprache interessiert.“

Das begann sehr früh. „Der Rhythmus meiner Eltern war immer ein anderer. Die klassischen Arbeitszeiten gab es bei uns nie. Zudem sind wir sehr viel gereist.“ Das hat sie sich beibehalten. In den letzten Jahren war sie viel unterwegs, reiste durch Island und Russland, verliebte sich in Sarajevo. „Ich reise sehr gern allein“, sagt sie und bestätigt damit dann doch ein wenig das Bild der in sich ruhenden Künstlerin, die gut mit sich allein sein kann.

Noch viel auf der Liste

Bis Ende März ist sie noch in Stuttgart, will in dieser Zeit noch einiges abhaken. In die Wilhelma will sie unbedingt noch, weitere Hügel für den ultimativ schönsten Stadtblick erklimmen, mehr über die RAF erfahren, mit der Zacke fahren, Weinstuben kennenlernen und Konzerte besuchen. Oh, und natürlich noch eine Menge schreiben. Ein Gedicht über die Stadtbibliothek ist unter ihren neuesten Werken. Die hat sie durchaus beeindruckt. Selbst das gelingt einer Wienerin also in dieser Stadt.

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