Eine Tätowiererin mit unsichtbaren Tattoos

Ceesira ist Tätowiererin mit Tattoos – hat jedoch keinen Tropfen Tinte unter der Haut. Wie geht das? Wir von Stadtkind haben sie in ihrem Tattoostudio in Stuttgart Rohr besucht.

Stuttgart – Wenn man die Tür zu Ceesiras Tattoostudio öffnet, springen einem die acht großen Buchstaben-Luftballons förmlich entgegen. Sie bilden das Wort „Stichtag“, den Namen ihres zweiten Studios in Rohr, und strahlen in allen Farben des Regenbogens. Schaut man sich genau um, dann findet man hier in allen Ecken kleine Skizzen. An einer Tafel hinter der Garderobe haben sich, so wie es aussieht, schon einige Menschen verkünstelt, schräg gegenüber füllen hunderte von Tattoo-Entwürfen zwei große Pinnwände.

Zu viele Ideen im Kopf

Das Einzige, das in ihrem Studio nicht bemalt ist, ist Ceesira selbst. Ungewöhnlich für eine Tätowiererin, oder? Für sie persönlich mache das einfach Sinn, sagt die 23-Jährige. Bevor sie angefangen habe zu tätowieren, spielte sie mit dem Gedanken, sich einen Herbstbaum auf den Rücken stechen zu lassen. „Weil ich den Herbst so liebe!“ Doch heute habe sie immer wieder Albträume in denen sich ein großer, krakeliger Baum über ihren Rücken rankt. „Da wache ich dann immer auf und bin echt erleichtert, dass ich mich damals dagegen entschieden habe“, sagt die Künstlerin, die mit richtigem Namen Viviana Troiano heißt.

Sie sei eben auch einfach durch und durch Perfektionistin und sitze viel zu nah an der Quelle. „Ich würde bestimmt tausendmal nachstechen wollen“, gesteht sie sich ein. „In meinem Kopf sind so viele Ideen, dass ich mich nie für eine davon entscheiden könnte“, sagt Ceesira. Klar, es gäbe auch Momente, in denen zeichne sie ein Motiv und bekomme total Lust, es selbst auf der Haut zu tragen. „Aber dann setze ich es bei einem Kunden um und es wird sowieso ein Teil von mir.“

Hunderte von Tattoos im Herzen

Stolz zeigt sie ihre Pinnwand, auf der alle Motive hängen, die sie bisher schon gestochen hat. „Sobald ich ein Tattoo umgesetzt habe, kommt es hier hin“, erzählt Ceesira. Auf diese Art kann sie alle Kunstwerke, die sie je entworfen hat, im Herz behalten. Und auch die Erinnerung an ihre Kunden, die ihr, wie sie sagt, immer wieder Lebensweisheiten mit auf den Weg geben, hält sie so aufrecht. Ihre Entwürfe zeichnet Ceesira ganz klassisch auf Papier und erarbeitet dann gemeinsam mit dem zukünftigen Tattoo-Träger das Motiv für die Ewigkeit. „Meine Leinwand kann schließlich lachen und weinen – die entscheidet natürlich über die Ästhetik“.

Viviana sticht ihrer Kollegin ein Tattoo
Im Studio von Viviana Ceesira Troiano fühlt man sich wie bei Alice im Wunderland. | Foto: Jana Stäbener

Das Rätsel der unsichtbaren Tinte

Zur Zeit sind bei ihren Kunden typische Tier-Motive, wie zum Beispiel Löwen, florale Tattoos und Watercolor angesagt, erzählt Ceesira. Aber auch Mandala- oder Maori-Muster lägen ganz klar im Trend. Darüber freut sich die Künstlerin sehr, denn Mandalas sind ihr persönlicher Liebling. „In denen kann man so schön Symbole verstecken und jedes hat seinen ganz eigenen Charme“, findet die Tattoo-Artista. Sie selbst habe auch eines, verrät sie. Wie jetzt? Hat sie nun Tattoos, oder nicht? Sie zeigt ihren Unterarm – auf dem nicht im Geringsten etwas zu sehen ist.“ Auch wenn ich keine Tinte unter der Haut trage – tätowiert bin ich aber trotzdem“, meint Ceesira rätselhaft.

Als sie mit ihrer Ausbildung angefangen habe, tätowierte sie einmal eine Freundin, die bei einer langen Sitzung irgendwann nicht mehr konnte. „Da ist mir dann halt ein »Stell dich doch nicht so an!« rausgerutscht“, erzählt Ceesira. Das habe ihr damaliger Ausbilder natürlich sofort gehört und gesagt: „Du spinnst wohl! Am Montag bist du fällig!“ Daraufhin bekam sie ihr erstes Tattoo – und das ganz einfach ohne Tinte. „Das war dann an Stellen, die ganz besonders weh tun: Also Rippe, Bein, Achsel, Finger“, sagt die junge Tätowiererin. Hier schmücken sie nun für immer ein unsichtbares Herz, ein Stern und das Wort LOL.

Eines von Vivianas unsichtbaren Tattoos
Heute ist von dem ohne Tinte gestochenen Mandala auf Ceesiras Unterarm nichts mehr zu sehen. | Foto: Jana Stäbener

Alice-im-Wunderland-Syndrom

Im Zimmer, in dem Ceesira mit ihrer Tätowiermaschine Haut in Kunst verwandelt, fühlt man sich, als wäre man in Narnia gelandet. Der Grund: Die 23-Jährige hat die Wände ihres Studios mit unzähligen Pinselstrichen in eine Art Zauberwald verwandelt. „Ja, ich hab ein Alice-im-Wunderland-Syndrom“, lacht sie. Das bemerkt man spätestens dann, wenn man einen Blick in den Keller ihres Studios wirft. Dort begleiten einen nämlich Hase, Kater und Alice aus Lewis Carrolls Kinderbuch in lila Wandfarbe die Treppe hinunter.

Ausbildung mit Hindernissen

Schon immer sei ein eigenes Tattoostudio ihr Traum gewesen, erzählt Ceesira, während sie ihrer Kollegin Claudia einen anmutigen Eisvogel auf den Oberarm tätowiert. Seit sie denken kann, habe sie schließlich einen Stift in der Hand gehalten und auch schon in der Schule die Körper ihrer Mitschüler mit Kugelschreiber bekritzelt. Als sie ihren Abschluss in der Tasche hatte, war der Traumjob Tätowiererin aber gar nicht so einfach zu erreichen. „Es gibt in Deutschland keine anerkannte Ausbildung“, erklärt Ceesira. Und Seminare seien teuer. Deswegen entschied sich die tattoobegeisterte Schülerin für eine Ausbildung als Grafikdesignerin. Bei einem Nebenjob in einer Bar lernt sie dann, als wäre es Schicksal, einen Tätowierer kennen, der zusagt, sie auszubilden. Aus einer Künstlerin wird eine Tattoo-Artista, die in ihrem ersten Studio „Piks“ mittlerweile selbst ausbildet.

Viviana Ceesira Troiano
Ceesira kam quasi mit einem Stift in der Hand auf die Welt. | Foto: Jana Stäbener

Tattoos mit Liebe zum Detail

Wenn man sie fragt, wie sie ihren eigenen Stil beschreiben würde, fällt die Antwort sehr kurz aus. „Ich mach alles“, lacht Ceesira. Das einzige, dass all ihre Tattoos verbinde, sei die Liebe zum Detail. „Ich finde Detail steht für Zeit, und Zeit steht für Geld.“ Sie möge sehr gerne, wenn man auf den zweiten Blick noch etwas erkennt, was man nicht sofort sieht. Deswegen habe sie eine Spiegeltechnik entwickelt, mit deren Hilfe sie ganze Wörter in Motiven verstecken könne. „Worte, die man unter der Haut trägt, haben ja meist eine ganz persönliche Bedeutung. Die muss nicht jeder sehen“, findet die 23-Jährige.

Kunst für alle Ewigkeit

Wenn sie jemandem, der gerade über ein Tattoo nachdenkt, einen Tipp geben müsste, dann wäre es, sich lange mit dem Motiv auseinanderzusetzen. Schließlich entscheide man sich für etwas, zu dem man auch dann stehen müsse, wenn es schon längst Vergangenheit ist. Sie habe letztens eine Kundin gehabt, die ein Freundschaftstattoo von vor über 30 Jahren trug. „Die stand dazu, obwohl die Freundschaft gar nicht mehr existierte. Weil es für sie eine schöne Erinnerung ist“, sagt Ceesira.

Man solle Motive auch erst bei anderen ästhetisch finden, bevor man sich selbst unter die Nadel wagt, findet sie. Und obwohl ihr als Künstlerin vor allem farbige Tattoos Spaß machen, rät sie bei Zweifeln immer erst zur monochromatischen Version. Denn nach jedem Stichtag, trägt man das Stück Kunst für immer am eigenen Körper. Und mehr geht schließlich immer noch irgendwann.

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