Eine Liebeserklärung: Ti amo, Wilhelmsplatz!

Unser Autor gesteht, dass er mal wieder eine neue Liebe gefunden hat. Hier erzählt er, warum es ihm ausgerechnet der Wilhelmsplatz in Bad Cannstatt so angetan hat. Spoiler: Es liegt nicht an der guten Luft.

Stuttgart – Die schönsten Erlebnisse beginnen mit der Anreise. Mit der Vorfreude, die sich immer weiter steigert. Der Weg ist das Ziel, das kommt ja nicht von ungefähr. Das kennen die Wasen-Besucher aus den Regionen mit Doppelkennzeichen besonders gut, die schon im IRE von Göppingen nach Stuttgart sieben Halbe zischen. Aber das kenne auch ich gut. Wenn ich zum Wilhelmsplatz will, steige ich deswegen immer schon an der Mercedesstraße aus.

Alles für den Wilhelmsplatz

Diese Haltestelle ist ein Unort für sich, ein Paradebeispiel für Brachialromantik. Unter uns rauscht der Neckar, neben uns die Straße, in der weitläufigen Unterführung komme ich mir immer ein wenig vor wie in einer richtig großen Stadt. Nachts da alleine durchlaufen? Öhm, nur mit gutem Grund. Einer dieser guten Gründe heißt Wilhelmsplatz und liegt gleich nebenan, im lauten und kunterbunten Herz von Bad Cannstatt.

Ach, Wilhelmsplatz, für dich wage ich mich an dunkelste Orte!

Grau… so viel grau!

Kunterbunt allerdings nicht deswegen, weil es hier alles so hell, freundlich und farbenfroh ist. Sondern weil die Gegend um den Bahnsteig und Knotenpunkt so eine Art Mini-Welt ist: Auf einen Blick würde ich mal vermuten, dass sich hier 20 verschiedene Nationen an einer Haltestelle herumtreiben. Was die Farben angeht, ist der Wilhelmsplatz nämlich eher so eine Mischung aus erstaunlich vielen verschiedenen Grautönen und einem generell ausgebleichten, abgebröckelten Farbfilter. Wären unsere Augen eine Handykamera, man würde denken, sie habe den Filter „Die Achtziger, nur uncool“ eingestellt. Ich meine, es gibt sooo viele Farben. Erstaunlich, dass ein Ort mit so wenigen auskommt.

Bild mit total cooler Bewegungsoptik!

Der Westler auf Weltreise

Macht der Wilhelmsplatz natürlich mit seiner Art wett. Wer sich insgeheim immer noch fragt, warum er/sie eigentlich noch in Stuttgart und nicht längst als echt coole Socke in Berlin wohnt, der wird sich am Wilhelmsplatz sehr wohlfühlen. Schnoddrig, echt, geradlinig und auch ein wenig rough geht es hier zu, das ist für uns wohlbehütete Westler schon immer ein ganz eigenes Klima. Und eine Weltreise, bei der man sich ein bisschen wie Humboldt fühlen kann. Wie Humboldt, der mit der U2 durchfährt.

105 Ampeln, Baby!

Ist natürlich auch ein ganz schöner Protzer, der Wilhelmsplatz: U1, U2, U11, U12, U13, U14, U16 – bäm, Baby, that‘s what I call Großstadt. Die Kollegen von der Stuttgarter Zeitung haben mal ein bisschen recherchiert: 35 000 Autos und 43 000 Umsteiger pro Tag, zudem kommen jede Stunde 84 Fahrzeuge der SSB an. 84! Oh, und 105 Ampeln gibt es auch noch. Außerdem schnibbeln in der Peripherie des Wilhelmsplatzes so viele Dönermenschen Fleisch von Dönerspießen wie wahrscheinlich in keinem anderen Stadtteil Stuttgarts. Da haben wir jetzt keine Studie vorliegen, das ist einfach so. Ein Ayran dazu, bitte!

Auch architektonisch bemerkenswert!

Pssst, wir treffen uns in der Pension zur Sichel!

Treppe hoch, Treppe runter, auch mal rein in die König-Karl-Passage. Für ein Shopping-Feeling der garantiert anderen Art. Sagen wir so: Danach findet man selbst die Königstraße dufte. Außerdem ist die Rolltreppe kaputt, Junge! Aber genau so muss es sein, genau dieses Flair macht diesen Unort ja so entzückend. Das Leben, es rauscht und braust hier von allen Seiten, in allen Formen und (grauen) Farben, über die Eisenbahnbrücke donnern die ICEs und die Pension zur Sichel da in dem Haus klingt wie aus einem alten Detektivroman. Ich hätte Lust, mal unter falschem Namen ein Zimmer zu mieten und den ganzen Tag verdächtig hinterm Vorhang zu stehen, während ich Dinge in mein Diktiergerät nuschle und an meinem Flachmann nippe. Merke ich mir mal.

Wo Shopping zum Escape Room wird!

Jeder nur einen Ayran!

Ah, Wilhelmsplatz, du Fleckchen, wo man auch echt mal gut in Jogginghose leben kann. Und sich nur schwer entscheiden kann, in welches Casino oder welche Spielothek mal jetzt als erstes gehen soll. Ob das jetzt nach rein ästhetischen Gesichtspunkten alles schön, schnieke und hip ist, sei mal dahingestellt. Fakt ist: Es ist echt hier, nichts ist aufgesetzt. Dafür ist es organisch gewachsen, bevölkert von einem Potpourri der Nationen, das überwiegend sehr friedlich koexistiert und sich beim Kardelen Simit Palast seine 1-A türkischen Backwaren holt. Aber jeder nur ein Baklava!

Die Römer: Quasi die ersten Gastarbeiter.

Alle Bilder: Björn Springorum

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