Eine Liebes-
erklärung: Ti amo, Stöckach!

Unser Autor gesteht, dass er eine neue Liebe gefunden hat. Hier erzählt er, warum es ihm ausgerechnet der wenig einladende Stöckach so angetan hat. Spoiler: Es liegt nicht an der Staatsanwaltschaft.

Stuttgart – Die Orte, an denen sich Stuttgart wie eine richtige Großstadt anfühlt, sind rarer als Parkplätze im Westen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich Worte dieser Art von mir gebe, ich weiß. Es ist auch nicht das erste Mal, dass es mir eklatant auffällt. Wo wir Kesselbewohner anderswo durchaus ehrfürchtig vom Großstadtrummel überrollt werden, im trubeligen Londoner East End etwa, in Berlins schmuddeliger Größe oder in Hamburgs weltoffener Coolness, fühlt es sich bei uns in der Hood meist ein wenig kleiner an. Gemütlicher. Natürlich ist das auch genau richtig so, wer will schon in Berlin leben oder immer nur Astra trinken?

Letzter Stopp vor dem Streichelzoo

Der eine oder andere Ort in der Stadt, der duftet dann aber eben doch nach Metropole, nach großer weiter Welt. Der Stöckachplatz zum Beispiel ist ein Ort, der uns im Handumdrehen in Kosmopoliten verwandelt. Ist nicht ganz meine Ecke, also quert dieses Kleinod eines Schmelztiegels nicht täglich meinen Weg. Manchmal, auf dem Weg in die Schleyer-Halle, zum SWR oder in die Wilhelma (zehn Sachen, die man da unbedingt machen muss, Nummer 1: Weizen trinken neben dem Streichelzoo. Nummer 2: Danach Tiere streicheln), steige ich extra am Stöckach aus. Die Bahn rattert den Tunnel hoch, die Lichter flackern vorbei. Dann schießen wir ins Freie. Die Sonne brennt, der Asphalt brennt. Nächste Haltestelle: Stöckach. Ich steige aus. Und lasse das laute Leben über mich waschen wie eine Brandung.

Ach, Stöckachplatz.

Stöckach, Großstadtbrandung

Eine Brandung, die sich anfühlt wie ein neues Babylon. Das meine ich ganz und gar nicht despektierlich. Im Gegenteil: Ich glaube, es gibt in Stuttgart keinen anderen Bahnsteig, an dem man so viele verschiedene Sprachen nebeneinander hört. Neun habe ich heute gezählt. Bei Zweien war ich mir allerdings nicht sicher, ob es nur jemand von der Alb war. Das hier ist der Stöckach, Baby – und nur weil noch kein Rapper oder Singer/Songwriter der Stadt einen Song über diesen magischen Ort geschrieben hat, heißt das noch lange nicht, dass er ihn nicht verdient hätte.

Einfach zu haben

Schwellenort, Drehscheibe der Stadtbahn, Großstadtsinfonie, das Tor in den Osten. Oder ins Zentrum, je nachdem. Während der Charlottenplatz durch seinen surrealen Escher-Grundriss eher zur Verzweiflung rät, ist der Stöckach einfach zu haben. Eine Haltestelle, auf jeder Seite ein Bahnsteig, dazwischen – swusch! swusch! – eine Stadtbahn nach der anderen. U2 von Botnang nach Neugereut, U4 vom Hölderlinplatz nach Untertürkheim, U9 nach Heslach, U11 zu Andrea Berg, wenn sie endlich mal wieder spielt. Meinetwegen auch zu Little Mix.

Vorbei am Zeppelin-Gymnasium.

Braucht man aber eigentlich nicht. Denn der Stöckach, der ist ein big mix. Er ist der wahre Großstadtbürger. Döner, Sushi, wieder Döner (der gute!), Friseur (Sultanas Hairsoul), Kiosk, Schwabengarage, Nagelstudio, Biomarkt, Tanke, Burger-Laden (geht nicht ohne Burger-Laden, selbst am Tor zum Osten nicht), Juwelier, Staatsanwaltschaft, Kraftpaule, Metzgerei (4 Dosenwurst zum Preis von 3!), Bank. Sogar eine Schule gibt es, eine richtig große und alte. Und das alles einen Steinwurf voneinander entfernt.

Sultanas Hairsoul

Ist natürlich auch immer was los rund um die glühenden Gleise. Morgens und mittags Horden von Schülern, dazwischen wirklich alles, was Stuttgart zu bieten hat. Aus der Straße neben dem schattigen Eingang eines noch geschlossenen kleinen Ladens, tritt ein singender Mann mit Jägermeisterflasche ins Sonnenlicht. Er blinzelt, grinst, singt lauter. Was er singt, kann ich nicht ganz verstehen, Melodie und Text scheinen seiner innersten Gedankenwelt zu entspringen. Oder wieder von der Alb? Ich denke mir, dass dieser Mann nur auf den ersten Blick falsche Entscheidungen getroffen hat. Ich zumindest singe gerade nicht. Zudem hat es für den echten Jägermeister gereicht, nicht bloß für eines der zahlreichen Plagiate. Die haben eh die wunderbarsten Namen seit Erfindung des Plagiats. Jagdstolz zum Beispiel. Besser sind nur Friseurnamen. Wobei, Sultanas Hairsoul finde ich ehrlich gesagt ziemlich fresh. Um Welten besser als Haaralds Salon oder Schnittmenge oder so.

Man sieht: Der Osten kommt. Seit 2014.

Ah, Stöckach, bleib wie du bist

Ah, Stöckach. Du Epizentrum städtischen Lebens. Bleib so, wie du bist. Wenn ich Udo Lindenberg wäre, ich hätte schon zehn Songs über dich geschrieben. Moment mal, vielleicht frage ich mal den singenden Jägermeister. Ah, nee, der ist schon weg. Ich hole mir eine Cola beim Dilgelay und hänge noch eine Weile ab. Zwei Punks sitzen in der Bahn und starren ins Leere. He, solltet ihr hier nicht eigentlich raus? Das Bonnie & Clyde ist doch um die Ecke. Asiatische Touristen suchen etwas mit einem Stadtplan. Was man hier wohl groß suchen kann, so als Urlauber? Die Sonne blitzt auf den Gleisen auf, vom Bergfriedhof rattert die Stadtbahn heran. Da kommt es mir. Das hier, das kann man eigentlich gar nicht suchen. Man findet es einfach.

Zufrieden steige ich in die U2. Fahre. Komme an. Fast langweilig hier im Westen.

Alle Bilder und Floskeln: Björn Springorum

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