Eine Liebeserklärung: Ti amo, Hinterhof!

Unser Autor hat sich mal wieder neu in die Stadt verliebt. Heute erzählt er uns, warum es ihm ausgerechnet der eine oder andere Stuttgarter Hinterhof so angetan hat.

Stuttgart – Es liegt eine ganz eigene, diffuse Magie im Anblick eines Hinterhofs. Der Lärm der Stadt ebbt ab, das Leben der Straße verflüchtigt sich. Die Stadtbahn rattert leiser, die Autos verstummen. Ich tauche ein in eine eigene Welt, fast schon hermetisch dicht, in sich geschlossen. Eine fremde Welt, verborgen vor den Augen der Stadtbahnfahrer, Passanten und E-Roller-Rowdys. Der Hinterhof ist das vielleicht letzte Geheimnis der Großstadt, ein geheimer Ort, in den einzudringen sich fast anfühlt, als würde man etwas Verbotenes tun. Oder durch einen Kleiderschrank nach Narnia gelangen.

Der Hinterhof birgt eine stille Magie

Blick in eine andere Zeit

Man sieht ihn nicht von der Straße, man ahnt nicht einmal, welche urbanen Paradiese sich hinter den Fassaden der Stadt verbergen können. Manchmal erhascht man einen Blick durch einen Durchgang oder ein achtlos offen gelassenes Hoftor. Doch das sind Ausnahmen, rare Momente, in denen man in ein anderes Leben, fast schon in eine andere Zeit blicken kann. Der Hinterhof ist ein Ort, der noch nie etwas von Gentrifizierung gehört hat, ein Stück echte, unaufgesetzte Stadt. Wo die Wohnungen drumherum längst kernsaniert sind, steht hier noch der alte Schuppen mit der Holztür, von der schon seit Jahren die Farbe abblättert. Umrankt von Brennnesseln und Gräsern, offenbart sich dem Eindringling der Blick geradewegs durch die Zeit. Als der Westen noch voller Betriebe, Handwerker und Werkstätten war. Und nicht voller Yoga-Studios, Kitas und Cafés.

 

Fern der Wunden der Stadt

Wenn ich einen Hinterhof betrete, fühle ich eine unglaubliche Ruhe in mir aufsteigen. Als wäre hier noch etwas Greifbares, das nicht sofort verschwindet. Ein Stück altes Stuttgart, das noch kündet von den Tagen lange bevor ich in die Stadt kam. Viele dieser Orte gibt es nicht mehr. Meist kann ich mich schon nach zwei Jahren nicht mehr erinnern, was in den Räumlichkeiten zuhause war, bevor dieser neue Koreaner da eingezogen ist. Im Hinterhof aber habe ich diese Bedenken nicht. Hier komme ich zur Ruhe, merkwürdig gerührt von diesem kleinen, stillen, unscheinbaren Biotop inmitten der vielen Baustellen und Wunden unserer Stadt.

Alltagsflucht in den Hinterhof

Es sind Alltagsfluchten, kleine Utopien, die ich mir auf meinen Streifzügen durch die Stadt gönne. Es gibt Hinterhöfe, die sind so üppig grün bepflanzt und gepflegt, dass ich mich so fühle wie in einem Gewächshaus der Wilhelma. In anderen steht noch eine komplette alte Scheune, mindestens 150 Jahre alt. Es gibt kleine Enklaven mit Kopfsteinpflaster und begrünten Hauswänden, über Schleichwege verbunden mit anderen Hinterhöfen. Ein labyrinthartiges Netz, in dem man sich spielend leicht verirren kann. Und das auch unbedingt tun sollte. Verloren gehen in der eigenen Stadt, ein unvergleichliches Erlebnis.

Man kennt Stuttgart nicht, wenn man die Hinterhöfe nicht kennt

Man kennt Stuttgart nicht, das zu behaupten wage ich jetzt einmal, wenn man die Hinterhöfe nicht kennt. Der Fernsehturm oder die Kirche am Feuersee sind schön und gut. Aber sie sind für Anfänger. Einsteiger, Novizen, Menschen ohne Abenteuerlust. Das eigentliche Abenteuer wartet vielleicht schon hinter dem Nachbarhaus. Und man ahnt gar nichts davon.

Habt also bitte ein wenig Nachsicht mit mir, wenn ihr mich in eurem Hinterhof erspäht. Ich störe nicht, ich mache nichts kaputt, ich bin gleich wieder weg. Ich möchte einfach eine Weile abtauchen, die Hektik der Stadt vergessen, Eichhörnchen beobachten. Und die urbane Brandung danach umso bewusster über mich hinwegrauschen lassen.

Psst, hier gibt es noch eine Liebeserklärung >>>

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