Ein Tandem-Projekt für geflüchtete Frauen

Die Universität bereitet dich aufs Leben vor – im Fall von Jana Derbas mehr, als sie zuerst angenommen hatte. Denn dort entstand die Idee für Girls for Girls Community e.V. und mit Jana eine junge Gründerin, die die Gesellschaft nachhaltig verändern möchte.

Stuttgart – Eine soziale Kampagne sollten die Studenten im Rahmen ihres Studiums – Kommunikationsdesign an der Hochschule Mainz – kreieren. Schon 2015 war das Thema Flucht allgegenwärtig und da lag es nahe, ein Projekt in diesem Bereich zu konzipieren. Schnell kamen die Stuttgarterinnen, die sich aber erst während des Studiums kennen gelernt haben, Jana und ihre heutige Geschäftspartnerin Marilen Rauch, auf die Frage, wo die Frauen sind. Weder in den besuchten Unterkünften noch in den Medien waren sie präsent. Aber Fakt ist: Auch Frauen fliehen nach Deutschland.

Tandem statt Mentoring

Als im Sommer 2015 die Angebotsvielfalt für geflüchtete Menschen wuchs, zeigte sich schnell, dass die geflüchteten Frauen an diesen nicht teilnahmen. Der Grund dafür war aber keineswegs Desinteresse. Eher das fehlende Vertrauen, Überforderung oder ganz simpel der kulturelle Unterschied, dass die Frauen in ihrer Heimat nicht alleine irgendwohin gehen würden. So keimte die Idee bei Jana und Marilen, dass sie eine Kampagne entwerfen, die sich speziell an Frauen richtet.

Schnell nach der erfolgreichen Abgabe an der Universität wurde klar, dass Girls for Girls Community e.V. nicht nur Theorie bleiben soll. Zu wichtig war und ist die Thematik. Also schickte Jana ihr Konzept an verschiedene soziale Träger. Nach intensiver Recherche konnten sie den Malteser Hilfsdienst in Stuttgart überzeugen, dem Projekt eine Heimat, in denen von ihnen betreuten Gemeinschaftsunterkünften, zu geben. Bis Ende April 2018 konnten bisher etwa 160 geflüchtete Frauen sowie 65 Ehrenamtliche davon profitieren, sodass das Projekt in den Regelbetrieb der Malteser übernommen werden konnte.

15 neue Tandems

Um mehr Wirkung entfalten zu können sowie weitere Projekte zu entwickeln und die Community auszubauen, beschlossen Jana Derbas und Marilen Rauch Girls for Girls Community e.V. zu gründen. Diese Community hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Plattform zu bieten, die Ehrenamtlichen den Zugang zu dem bereits bestehenden Malteser-Projekt sowie darüber hinausgehenden Projekten zu ermöglichen. Die ersten Erfolge zeigen sich in der erfolgreichen Ausweitung der Tandems auf Gemeinschaftsunterkünfte weiterer Träger. In den wenigen Wochen seit Gründung des Vereins konnten schon 15 Tandems zusammengeführt werden. Weitere Projektideen bestehen bereits, Kooperationspartner wie „The Female Company“ unterstützen sie neben den Maltesern dabei.

Doch was unterscheidet sie von anderen Förderungen? Bei dem Tandem-Projekt treffen sich die Partnerinnen, bestehend aus einer geflüchteten und einer hier beheimateten Frau, einmal in der Woche für gemeinsame Aktivitäten. Das können Behördengänge sein, gemeinsames Einkaufen, Sport oder einfach zusammen Tee trinken und sich unterhalten. Die Frauen sind in ihren Tandems selber organisiert, zudem gibt es von Jana organisierte Gruppentreffen einmal im Monat.

Integration geht immer von beiden Seiten aus

„Es ist genauso eine Bereicherung für uns in Deutschland. Wir haben Frauen aus Syrien oder Afghanistan, von denen wir viel lernen können“, sagt Jana. Für die geflüchteten Frauen sei eine Tandempartnerin aus zwei Gründen wichtig. Der eine sei natürlich die sprachliche Förderung. Denn egal bei welcher Aktivität – getratscht wird immer. Zudem lernen die geflüchteten Frauen durch ihre Tandempartnerinnen, sich in Deutschland zurecht zu finden. Infrastruktur, Organisation, Umgang – Deutschland ist anders als ihre Heimatländer.

Mit einem Kontakt nach außen fällt den Frauen die Integration in die Gesellschaft hier leichter und schenkt ihnen mehr Selbstständigkeit. „In drei Jahren haben die Frauen keinen Flüchtlingsstatus mehr. Aber dann sind sie mit unserer Hilfe schon fest angekommen in Deutschland.“ Damit werden Chancengleichheiten für die Frauen geschaffen, ein Grundgedanke von Jana, der über die Flüchtlingsthematik hinaus geht.

Ihr Erfolg begründet sich natürlich zum einen durch das zugrundeliegende Konzept von Girls for Girls Community e.V. – doch auch die Umsetzung, vor allem die visuelle, spielt eine nicht unwesentliche Rolle. „Es ist wichtig, dass wir solche Mittel wie Design und Marketing nutzen, um an Ehrenamtliche zu kommen.“ Jana und Marilen sind als Kommunikationsdesignerinnen quasi Quereinsteigerinnen im Social Entrepreneurship. „Wir haben gedacht, wir machen einfach. Wir sind ja keine Sozialarbeiter.“ Aber das einfach machen hat sich ausgezahlt, seit 2018 ist Girls for Girls ein Verein und betreut mit den Maltesern aktuell 150 geflüchtete und 80 dort beheimatete Frauen.

Um sich anzumelden, schicken die Frauen einfach eine E-Mail an girlsforgirlscommunity@gmail.com und vereinbaren ein persönliches Kennenlernen mit Jana. Sie sucht dann die Tandempartnerinnen aus – für das perfekte Match.

Früher hat sie die Frauen nach Interessen oder Hobbys zusammengebracht. Das sei aber überflüssig, hat sie gelernt – spätestens seit sie eine Frau aus dem Irak gefragt hat, was ein Hobby sei. Effizienter dagegen sei es, ein Tandem zu matchen, das nahe beieinander wohnt.

„Das System ist fehlerhaft.“

Doch wie trägt sich so ein Sozialunternehmen? In erster Linie durch Stiftungen und Spenden. Aktuell sitzen Girls for Girls Community e.V. im Social Impact Lab auf dem Gelände der Merz Akademie. Ein Stipendium der „Ankommer. Perspektive Deutschland“ ermöglicht es ihnen, die Räumlichkeiten sowie die dortigen Kontakte zu nutzen – beispielsweise zu einem Rechtsbeistand, Steuerberatern oder der Gründerhilfe. Ein Gehalt können sie sich aktuell nicht zahlen. Andere Institutionen kommen damit scheinbar an ihre Grenzen. Die Krankenkassen fordern den Höchstsatz und ALG 2 gibt es nur, wenn sich die Gründerinnen für andere Jobs bewerben. In Deutschland scheint es schwierig zu sein, Raum für Ehrenamt zu schaffen, sagen die beiden.

Für die Gesellschaft

„Wir machen Jobs, die Probleme verhindern sollen, die die Gesellschaft sonst in ein paar Jahren hat. Eigentlich wollen wir für die Gesellschaft ein gutes Projekt machen und keiner sieht‘s.“ Soziales Unternehmertum fühle sich an manchen Tag an wie ein Kampf gegen Windmühlen, sagen die beiden. Aber Aufgeben sei keine Option, stattdessen: neue Lösungen finden. Zum Beispiel Kooperationen mit Unternehmen, die Jana und ihrem Team ermöglichen, das Projekt zu finanzieren. Die Unternehmen wiederum leisten einen wichtigen Beitrag, auch für ihr eigenes CSR – die Kurzform für Corporate Social Responsobility.

Wer sich für die Arbeit von Girls for Girls Community e.V. interessiert, kann zum nächsten Gruppentreffen kommen. Am 24. Juni veranstalten die Frauen ein Picknick, Treffpunkt ist die U-Bahnhaltestelle Wagrainäcker um 13 Uhr.

Zudem könnt ihr Girls for Girls Community e.V. folgen – auf Facebook oder Instagram. Wer sich noch einmal alle Infos in Ruhe durchlesen möchte, der klickt sich durch die Website.

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