Ein Plädoyer gegen Bucket-Lists!

Einmal im Leben mit Walhaien tauchen oder den Jakobsweg laufen: Unser Autor findet Wünsche und Träume gut. Bucket-Lists aber, so sagt er, halten nur vom wirklichen Leben ab.

Stuttgart – Ein paar Tage ist das neue Jahr jetzt auch schon alt. Die Böller verrotten gemeinsam mit den guten Vorsätzen in den Rinnsteinen der Stadt. Ein paar Tage ist es her, dass man trunken vor Schwelgerei, Sekt und Zukunftsplänen noch davon sprach, was man nächstes Jahr alles tun oder lassen will. Über gute Vorsätze wurde an dieser Stelle schon genügend debattiert, meine Meinung dazu hat sich seither nicht geändert. Es gibt da aber noch etwas anderes, das mich beschäftigt. Etwas, das eigentlich schon mit seinem Namen verrät, dass es eigentlich für die Tonne ist. Richtig, ich meine natürlich Bucket-Lists!

Bucket-Lists als Hashtag-Dauergast

Ich schwöre, vor diesem lieb gemeinten, aber letzten Endes allzu rührseligen Hollywood-Kitschbrocken gleichen Namens von 2007 hat niemand in meinem Freundes-, Bekannten- oder Kollegenkreis dieses Wort in den Mund genommen geschweige denn gekannt. Jetzt ist es zum nervtötenden Dauer-Hashtag mutiert, der uns natürlich vor allem eines sagen soll: Seht her, wie ich meine langgehegten Träume verwirkliche, während du nur stupide durch Instagram scrollst und die Milch überkochen lässt.

Habt ihr etwa alle dieselben Träume?

Kurze Umfrage im erweiterten Kreis derjenigen Personen, mit denen ich mehr oder minder freiwillig mein Leben teile: Erschreckend oft erzählen mir die Leute von ganz ähnlichen, regelmäßig auch identischen Wünschen. Dass sie sooo gern mal nach Neuseeland reisen würden. Oder unbedingt mal auf einem weißen Pferd einen Strand entlang reiten. Dieses traumhafte Yoga-Retreat auf Sri Lanka besuchen. Oder einen Fallschirmsprung machen. Auch ganz hot: den Jakobsweg laufen. Na ja, zum Teil wenigstens, man muss es ja nicht gleich übertreiben mit der seelischen Reinigung. Oder „Ulysses“ von James Joyce lesen. Na ja, bis man nach zehn Seiten frustriert aufgibt.

Bucket-Lists statt Individualismus

Alles hehre Vorschläge, alles bestimmt spitzenmäßige quality time. Ich frage mich nur: Wollt ihr das denn wirklich alle? Habt ihr ernsthaft alle dieselben Träume, Wünsche, Ziele, Pläne? Oder wollt ihr das nur, weil es sich eben so gehört? Weil es cool klingt? Individualismus, der in diesen Zeiten so sehr gepriesen wird, ist hier zumindest wenig bis gar nicht zu spüren. Wir sind wahrscheinlich viel zu übersättigt von der Schönheit des Profanen, dass es gar nicht mehr geht ohne Weltumrundung mit dem Fahrrad oder Koala-Adoption.

Im Netz gibt es sogar Vorschläge, was auf die eigene Bucket-List sollte. Das ist ungefähr so, als würde ich zum Tätowierer gehen, einen Bildband aufschlagen und mir was stechen lassen. Zack, ist auch die Bucket-List Teil unserer künstlich erschaffenen Ich-Projektion, die rein gar nichts mehr mit uns zu tun hat. Ein sorgsam gezüchtetes Gebilde voller Dinge, die uns aufwerten sollen anstatt uns wirklich zu entsprechen.

Wir leben jetzt!

Das ist sehr schlimm. Wir sollten aufhören, uns gegenseitig vorzugaukeln, was es für ein erfülltes Leben braucht! Und im Grunde sollten wir sowieso komplett aufhören, diese dämlichen Bucket-Lists zu verfassen. Du willst wirklich etwas machen? Dann mach es einfach! Etwas auf eine Liste zu schreiben, heißt doch nur, es auf die lange Bank zu schieben. Ja, ja, irgendwann mach ich das schon! Was bringt es denn, ständig nur Dinge anzuhäufen, die man vielleicht irgendwann mal machen möchte? Frustration, nichts weiter.

Ausmisten tut gut

Bucket-Lists sind nichts weiter als Selbsttäuschung. Sie setzen uns unter Druck, wenn wir am Jahresende merken, dass wir es immer noch nicht zu den Schweigemönchen nach Laos geschafft haben. Pläne sind gut, Träume sogar noch wichtiger. Und natürlich können sich die wenigsten prompt in ein Flugzeug setzen und für acht Wochen zum Schafe scheren nach Neuseeland reisen. Aber wenn das wirklich der größte, innigste, intimste Wunsch ist, dann sollte man auch etwas dafür tun. Und nicht nur auf einen Zettel schreiben. Eine vollgestopfte Bucket-List ist am Ende eben auch nur wie ein extrem vollgestelltes Zimmer: Ausmisten tut extrem gut. Und das nicht erst seit Marie Kondo.

Titelbild: Suzy Hazelwood/Pexels

Lest hier, was Kollegin Laura zu To-Do-Listen zu sagen hat!

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