Stuttgart braucht Popkultur

Walter Ercolino wird der neue Chef im Popbüro Stuttgart. Was das bedeutet, was er vorhat und wie es allgemein um die Popmusik der Stadt bestellt ist, hat er im Stadtkind-Interview verraten.

Stuttgart – Er war schon mal zur besten Sendezeit auf VIVA zu sehen, ist als DJ ebenso aktiv wie auf politischer Ebene und hat ein Musikwissen wie Wikipedia: Walter Ercolino wird im Oktober das neue Oberhaupt des Stuttgarter Popbüros. Das kümmert sich tatkräftig um den musikalischen Nachwuchs im Kessel und richtet den PlayLive-Wettbwerb aus, sieht sich aber auch als Netzwerker und Ratgeber. Ein gefundenes Fressen für den graumelierten Herrn.

Zur Primetime auf VIVA

Wie wird man eigentlich Chef des Popbüros? Ganz klassisch. Man bewirbt sich auf eine Stellenanzeige, übersteht das Bewerbungsgespräch und hofft, mit den Ideen überzeugt zu haben.

Und wie bist du ursprünglich in der Musikwirtschaft gelandet? Die Kurzfassung: Als Jugendlicher so ziemlich alles an Geld für Platten ausgegeben und mich auf Metal-Konzerten herumgetrieben. Dann Techno und elektronische Musik entdeckt. Irgendwann brauchte jemand eine Keyboard-Passage für ein Stück. So bin ich das erste Mal in ein Musikstudio gekommen und wollte anschließend genau das machen. Ein Schritt ergab den anderen, bis man schließlich zur Primetime bei VIVA auftrat und einiges von der Welt gesehen hatte. Irgendwann beschloss ich, mein eigenes Label zu gründen, andere Künstler zu featuren und selbst aufzulegen. Mit dem Abriss des H7-Gebäudes, in dem sich zuletzt mein Studio befand, habe ich mich entschieden, einen anderen Weg zu gehen. Und der hat mich schließlich zum Popbüro geführt.

Das Popbüro Stuttgart kann vieles. Auch hochdeutsch.

Bock auf Popkultur

In welchem Zustand befindet sich die Stuttgarter Popmusik? Große Frage, vor allem weil wir mal definieren müssten, was denn Popmusik ist. Das ist deswegen so extrem wichtig, weil ich immer wieder bemerke, dass Adorno nach wie vor wirkt. Und Popmusik oft nur mit Massenkultur in Verbindung gebracht wird. Das Etikett ist natürlich total falsch, denn die Facetten sind zahlreich und ich finde diese Bandbreite in der Stuttgarter Popmusik total wieder. Grundsätzlich bemerke ich ein immer größeres Interesse der Politik, Gesellschaft und Wirtschaft an diesem Gebilde Popkultur, gepaart mit der Bereitschaft, sich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Das ist überaus notwendig, weil es für mich natürlich in erster Linie um die Förderung von Popmusik, -künstlern und -kultur geht.

Es braucht eine attraktive Stadt

Was sind deine langfristigen Ziele? Die Region Stuttgart steht vor einer großen Herausforderung, wenn es darum geht, Menschen für innovative Bereiche hierher oder zum Bleiben zu bewegen. Ein gutes Gehalt genügt da schon lange nicht mehr, es braucht eine attraktive Stadt. Ich kann mir da keinen besseren Faktor als Popkultur vorstellen. Und wenn man es schafft, mit der wirtschaftlichen Förderung von Popmusik genau dieses Ziel zu erreichen, profitieren beide Seiten sehr davon.

Wie schafft man das? Generell geht es mir darum, ein Bewusstsein für Popkultur in der Stadtgesellschaft zu verankern. Das mag jetzt ein wenig theoretisch klingen, kann man aber auch konkret festmachen: Das Stadtpalais hat sich innerhalb kürzester Zeit etabliert und macht eine tolle Arbeit. Wie das gelungen ist? Auch mit Themen wie Hip-Hop, Techno, Surfen, Skateboarden. Das ist Popkultur par excellence. Außerdem würde ich in Stuttgart die längst überfällige Diskussion um einen Nachtbürgermeister gerne anstoßen. Kann ja nicht sein, dass uns Mannheim zeigt, wie das geht!

www.popbuero.de

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