Ein indischer Schwabe packt aus

Der Musiker Sanoj Abraham ist ein Schwabe mit indischen Wurzeln. Zum Start des Indischen Filmfestivals im Metropol hat er uns von Unterschieden, Eigenheiten und Besonderheiten in seinem deutsch-indischen Alltag erzählt.

Stuttgart – Sanoj Abraham sitzt am Tisch in einem Café im Gerberviertel und lächelt breit. „Ich bin ein Schwinder – halb Schwabe, halb Inder“, haut er raus. Sanoj mag vielleicht aussehen wie ein Inder. Sobald er den Mund aufmacht, hört man die Region aber überdeutlich heraus. „Wenn ich mich nur mit meinem Nachnamen am Telefon melde, können die Leute es immer kaum glauben, wenn sie dann vor mir stehen“, lacht er.

Ein Schwabe und seine Rikscha

Seine Eltern stammen beide aus dem südindischen Bundesstaat Kerala. Sie lernten sich jedoch zufällig in Deutschland kennen, Sanoj wurde in Backnang geboren. Ein echter Schwabe eben. Sein ganzes Leben wächst er zwischen zwei Welten auf, ist einmal im Jahr zuhause bei der Verwandtschaft. „Leider war das die letzten vier Jahre nicht möglich, doch ich merke, dass es mich wieder sehr stark dorthin zieht.“ Sanoj ist Musiker und Eventmanager, lebt und arbeitet im Gerberviertel. Und ist gerade im Sommer ständig auf Konzerten und Veranstaltungen. Mit 18 gründet er seine Agentur. Augenzwinkernd nennt er sie Riksha.

Indien ist ein Land, das niemanden kalt lässt. Wer schon mal dort war, vergisst das nie wieder. Die Gerüche, die Farben, die Menschen, der Verkehr, das Essen – eine Million Eindrücke, die ab dem Moment auf dich einprasseln, in dem du den Flieger verlässt. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere trägt Sanoj in sich. Er ist gelassen, humorvoll, respektvoll. „Diese innere Zufriedenheit ist wohl der größte Unterschied zwischen Indien und Deutschland“, sagt er dann. „Das ist auch nicht immer gut, macht das Leben aber entspannter.“

Sanoj Abraham: Zuhause zwischen Gerberviertel und Kerala.

Das Chaos und die Ordnung

Er macht aber eben auch keinen Hehl daraus, dass Indien sehr, sehr stressig sein kann. „Selbst ich brauche immer zwei, drei Tage, um mich zu akklimatisieren“, betont er. „Ich meine, in Indien sind Ampeln eine Empfehlung! Doch ich möchte das indische Chaos ebenso wenig missen wie die deutsche Ordnung.“ Lange merkt er gar nicht, wie unterschiedlich seine deutsche Heimat und Indien eigentlich sind. Doch allein beim leidigen Thema der arrangierten Hochzeiten prallen Welten aufeinander. „Meine Cousins konnten es kaum fassen, dass ich eine Freundin habe.“

Dicker als die anderen

Es gibt aber auch einen ganz anderen, eher oberflächlichen Unterschied. „Ich war schon immer dicker als meine Cousins“, erzählt Sanoj grinsend. „Ich erkläre mir das durch die deutsche Ernährung. Wenn ich in den Sommerferien vier Wochen in Indien war, habe ich rund um die Uhr geschlemmt und trotzdem abgenommen.“ Essen ist eh ein wichtiges Thema für ihn. Er schwärmt von den indischen Gerichten seiner Mutter, kocht selbst leidenschaftlich gern. Nur eines geht gar nicht: „Indische Restaurants sind fast alle eine Frechheit hier. Keinerlei Vielfalt und außerdem nie richtig scharf“, platzt es aus ihm heraus. Da geht er lieber schwäbisch essen.

So klingt Sanojs Band: www.tnl-band.de

Vom 18. bis 22. Juli findet das Indische Filmfestival im Metropol Kino statt. Mehr Infos gibt es hier.

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