Ein Geburtstag zwischen Wehmut und Vorfeude

In der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. An ihrem Geburtstag reflektiert sie ihr vergangenes Jahr.

Bremerhaven/Stuttgart – Ich glaube es gibt zwei Arten von Menschen: die, die ihren Geburtstag lieben und die, die lieber ganz heimlich älter werden. Ich gehöre zur ersten Gruppe. Mein Geburtstag liegt jedes Jahr schön nach der Zeitumstellung und läutet den Frühling ein. Zwar hatte ich schon zu jeder Wetterlage Geburtstag, allerdings schien die letzten vier Jahre konstant die Sonne. Schon Wochen vorher bin ich ganz aufgeregt wie ein kleines Kind und kann es kaum abwarten Geburtstag zu haben. Diese kindliche Vorfreude ist überaus schön, allerdings holt mich dann relativ schnell auch die Realität ein.

Wie Neujahr, nur nicht Anfang des Jahres

Meist am Abend vorher setze ich mich vor meine Tagebücher und Fotos und lasse das vergangene Jahr Revue passieren. Wo stehe ich jetzt? Was war letztes Jahr? Wer ist in meinem Umfeld? Wie fühle ich mich? Wer bin ich und wer war ich?

Was nach fundamentalen, philosophischen Sinneskrisen klingt, ist es im Endeffekt auch. Zu kaum einer Zeit im Jahr (auch nicht an Silvester) setze ich mich so sehr mit mir selbst auseinander wie an meinem Geburtstag. Ich werde wehmütig, traurig, freue mich und bin verwirrt. All das gehört für mich zu meinem Geburtstag dazu. Die kritischen Gedanken und meine kindliche Vorfreude.

Letzter Geburtstag in der Klinik

Letztes Jahr befand ich mich in einer stationären Therapie an meinem Geburtstag. Ich war gerade erst zwei Wochen da und mir ging es wahnsinnig schlecht. Ich habe mich einsam und hilflos gefühlt und meine Geburtstagsfreude war ungewöhnlich gedämpft. Im Vergleich zu diesem Jahr fast eine 180 Grad Wendung.

Ich bin glücklich. Mein Geburtstag dieses Jahr lässt sich positiv festhalten. An diesem Tag fällt es mir leicht die Liebe aus meinem Umfeld wahr und ernst zunehmen. Sie berührt mich ganz tief und ich speichere sie dort ab für die Tage, an denen mir das schwer fällt.

Meine Erinnerungen halte ich fest, auf Fotos und Tagebüchern. Und älter werden finde ich gar nicht gruselig, sondern freue mich auch jetzt schon auf meinen Geburtstag nächstes Jahr.

(Titelbild: Unsplash/Adi Goldstein)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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