Eigenbedarf: Der Horror jedes Mieters als Bühnenstück!

Ist das noch Theater oder ist das schon Geschichtsunterricht? Der Stuttgarter Slam-Poet Nikita Gorbunov und die Regisseurin Boglárka Pap inszenieren das Wohnraum-Drama „Eigenbedarf“ in privaten Wohnungen und WGs.

Stuttgart – Es ist der Albtraum eines jeden Mieters. Nein, wir meinen jetzt nicht die Mieten in der Stadt an sich. Obwohl die natürlich auch kein Träumchen sind. Wir meinen das, was sogar noch schlimmer ist als hohe Mieten: Eigenbedarf. Wenn man einfach so mir nichts dir nichts aus seiner Wohnung gekegelt wird. Und das nur, weil angeblich der Neffe einer Cousine dringend eine Wohnung braucht. Was man dann tun kann? Nichts. Außer heulen vielleicht. Aber eher nichts. Sorry.

Ein allzu realer Albtraum

Der umtriebige Stuttgarter Slam-Poet Nikita Gorbunov (Slam auf der Couch) und die Regisseurin Boglárka Pap (Forum der Kulturen) haben ein Theaterstück rund um diesen Albtraum inszeniert. Und führen es in privaten Wohnungen und WGs in Stuttgart auf. „Es beginnt mit einem Paar und einem Brief“, so heißt es in der Stückbeschreibung. „Zwei Verliebte werden vom Eigenbedarf heimgesucht und müssen auf Wohnungssuche. Als Gegenspieler und Erzähler tritt ein Makler an ihre Seite.“ Das Ganze soll als Mix aus Theater, Musik und Bühnenpoesie angelegt sein und dürfte dabei für viele von uns nur allzu wahr sein.

Heute auf der Bühne: Eigenbedarf

Für die Premiere am kommenden Freitag, den 5. April, gibt es mittlerweile keine Tickets mehr. Doch für die übrigen Dates kann man sich noch anmelden. Merke: Erst nach erfolgter Anmeldung werden die Spielorte bekannt gegeben. Wir haben die beiden unter anderem mal gefragt, weshalb das so ist.

Nikita: Das sind echte Privaträume echter Privatleute und wirklich ganz ausgesuchte und zerbrechliche Orte. Das wollen wir respektieren und feiern – und nicht bloß nutzen.

Der Wohnraummangel ist ja sowieso schon ein einziges Schmierentheater. Wieso jetzt auch noch ein Theaterstück daraus machen?

Nikita: Was sollen wir denn sonst machen? Leider können wir weder die Zeit zurückdrehen, noch können wir Bauland ausweisen. Also machen wir Bühnenkunst. Und wenn wir damit ein paar Leute erreichen und sensibilisieren, ist das klasse.

Szenenfoto aus „Eigenbedarf“ Wenn mieten zur Zerreißprobe wird.

Ich wohne unter meiner Ex

Jeder hat ja in Stuttgart schon mal eine Wohnung gesucht. Eure letzten Erfahrungen?

Boglárka: Das liegt zum Glück etwas zurück. Ich hab damals nicht das perfekte Pärchen mit Festanstellung, kinderlos und Nichtraucher geben können. Habe aber dahingehend tatsächlich etwas gemogelt.

Nikita: Ich wohne unter meiner Ex, weil ich unseren sehr lieben Vermieter ein halbes Jahr bearbeitet habe, mir eine kleine Wohnung unter der alten gemeinsamen zu vermieten. Jetzt rocke ich die Dusche in der Küche wie ein echter Stuttgart-Atze, hör den Gaseinzelöfen beim Knistern zu und bin einfach froh, noch in der Stadt zu leben. Trotz der schrägen Haus-Zwangsgemeinschaft.

Ich hab keinen Bock mehr zu suchen, ich geh zurück auf die Alb!

Eigenbedarf ist ein Wort, das ganz schnell zum Albtraum werden kann. Was wollt ihr mit dem Stück eigentlich erreichen?

Boglárka: Wir wollen Betroffene und Nicht-Betroffene zusammenbringen. Und etwas zum Schmunzeln zu haben, ist in Zeiten der Verzweiflung und Machtlosigkeit vielleicht eine willkommene Oase zum Erholen.

Wann entstand die Idee?

Nikita: Ich habe mal einen ironischen Ampelaushang gemacht, nur so zum Spaß: „Ich hab keinen Bock mehr zu suchen, ich geh zurück auf die Alb.“ Die Reaktionen waren beachtlich. Boglárka und ich steckten grade in unserer vorhergehenden Arbeit „Poetry Slam!“ über Fake News, und da habe ich gefragt: Wollen, wir als nächstes was dazu machen? So wurden wir zum Teil einer erfreulichen Welle von Projekten zum Wohnraummangel. Es ist ja auch ein gewaltiges Problem, das endlich umfassend bearbeitet gehört.

Wohnungsknappheit ist kein Naturgesetz

Nikita, wie bist du an den Text rangegangen?

Nikita: Ich habe mich vor allem dem persönlichen Bedarf angenähert. Was brauchen Menschen? Und was passiert mit uns und unseren Beziehungen, wenn der Eigenbedarf uns holt? Besonders schockiert hat mich der Wettbewerb, in den wir Mietenden uns drängen lassen. Jeder erklärt, warum er oder sie „würdig“ genug ist, um in der Stadt zu leben. Wir stellen uns damit eine fast moralische Verteilungsfrage. Dabei ist die Wohnungsknappheit kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis von Missmanagement und Gleichgültigkeit.

Boglárka, wie inszeniert man ein solches Stück, das ja eigentlich tägliche Realität ist?

Boglárka: Es ist klar, dass wir nicht alle Sichtweisen und nicht alle Meinungen im Stück aufgreifen können. Es geht mir darum, einen charmanten und dennoch kritischen Blick zu transportieren. So wie ein unglaublich gut schmeckender Nachtisch, der wirklich ein Genuss ist. Obwohl man weiß, dass er nicht gerade gesund ist.

Infos und Anmeldung hier.

Titelbild: Wolfgang Knappe

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