Eichhörnchen in Stuttgart: Die Geschichte einer einseitigen Freundschaft

Unser Autor liebt Tiere. Und hat eine ganz besondere Beziehung zu dem wackeren Eichhörnchen entwickelt, das sich im Haus gegenüber eingenistet hat. Ausgang ungewiss.

Stuttgart – Ich liebe Tiere. Habe ich immer schon. Als Grundschüler wollte ich Zoologe werden. Ich wusste die Flügelspannweite des Kormorans auswendig und konnte aus dem Stand zehn Fakten über den Komodowaran aufzählen. Nummer sieben: Er frisst auch schon mal einen Menschen. Meine Mitschüler fanden das nicht cool, sondern eher doof. Aber da ich eine runde Harry-Potter-Brille trug, erwartete man wahrscheinlich nichts anderes von mir.

Eichhörnchen in der Nachbarschaft

Zoologe bin ich nicht geworden. Aber immerhin freier Journalist. Für einen Stuttgarter Verlag betreue ich redaktionell ein Wissensmagazin für Kids. Mein schlechter Running Gag: Das, was ich meinem Gehirn durch meine Vorliebe für Wein und Bier antue, mache ich mit dieser Recherchearbeit wieder wett. Und auch wenn es nicht stimmt: Ich liebe es, mehr über Tiere zu erfahren, neue Arten zu entdecken und darüber zu schreiben. Ich liebe es, Vögel zu beobachten. Ich habe zwei Katzen. Seit neuestem gehört auch ein weiterer Vierbeiner zu meiner Entourage. Zu meiner animalischen Posse. Streng genommen eigentlich eine ganze Familie Vierbeiner: Im Haus gegenüber hat sich nämlich tatsächlich ein Eichhörnchen eingenistet.

Tierische Bergsteiger im Stuttgarter Westen

Die Geschichte beginnt Anfang des Jahres. Irgendwann schaue ich vom Balkon unserer Wohnung im Westen (vierter Stock) und traue meinen Augen kaum: An der gegenüberliegenden Hauswand krabbelt ein Eichhörnchen hoch. Und verschwindet ganz oben, bevor es aufs Flachdach geht, in einer kleinen Öffnung in der Wand. Der Weg nach oben ist mühsam, der Sturz tief, keine Äste zum Pausieren oder Abfedern. Das tapfere Hörnchen tastet sich wacker mit seinen kleinen Pfötchen an der Kante nach oben. Was auch immer es da oben will, denke ich mir, seinen Kobel sollte es da lieber nicht errichten.

Ein Buffet aus Kernen und Nüssen

In den nächsten Tagen sehe ich das Eichhörnchen immer öfter. Ich lese ein wenig über diese erstaunlichen Tiere und bin mir irgendwann sicher, dass es ein Weibchen ist. Ein Eurasisches Eichhörnchenweibchen, um genau zu sein. Noch werden diese Tiere von den Grauhörnchen verschont, die in Großbritannien und Italien großen Schaden anrichten und die heimischen Hörnchen verdrängen. Tue ich also am besten etwas für diese Tiere, solange es noch geht.

Ich fasse den Entschluss, mich um die Kleine zu kümmern. Ich offeriere ihr eine Selektion verschiedenster Nüsse. Haselnüsse mit Schale. Ungeschälte Sonnenblumenkerne. Geschälte Sonnenblumenkerne. Paranüsse. Putzt sie alles weg als wäre sie beim All-You-Can-Eat-Buffet. Nur die Paranüsse, die lässt sie stehen. Scheint ein echtes Stuttgarter Landeichhörnchen zu sein. Was die Bäuerin nicht kennt, frisst sie nicht. Vielleicht ist sie aber auch einfach nur allergisch.

Hilfe für Eichhörnchen

Eichhörnchen in Not. (Foto: Eichhörnchenhilfe)

Durch meine regelmäßigen Besuche auf den sozialen Netzwerkseiten der Eichhörnchenhilfe Stuttgart weiß ich nicht nur, dass die einen grandiosen Job machen und sich jedes Jahr um dutzende Tiere kümmern, die in Not geraten sind. Sondern auch, wie schwierig es die kleinen Tierchen bei uns im Kessel haben. Das mag auf den ersten Blick nicht ersichtlich erscheinen. Viele andere Kulturfolger (also wilde Tiere, die dem Menschen in die Städte gefolgt sind) haben es in urbanen Gegenden einfacher. Mehr Futter, weniger Feinde, höhere Temperaturen. Der Fuchs oder der Waschbär, die können ein Liedchen davon trällern.

Waschbären, Füchse, Papageien

In Stuttgart gibt es unzählige Wildtiere, die Landflucht betrieben haben. Die Hasen im Rosensteinpark sind die größte Population in Deutschland. Ein Fuchsbau beim Pferdehof am Pragsattel macht die dortigen Hühner nervös. Wilde Papageien, die aus der Wilhelma geflohen sind. Dachse am Fernsehturm. Und Waschbären, die sich über die problemlose Nahrungsaufnahme aus unseren Mülltonnen freuen. Die Eichhörnchen haben es da nicht immer ganz so leicht. Letzten Sommer zum Beispiel, da war es ganz schlimm. Viel zu heiß, die Nüsse zu früh reif. Sie fallen viel eher auf den Boden als sonst und verschimmeln, noch ehe das Eichhörnchen überhaupt die Möglichkeit hat, sie für den Winter zu verbuddeln. Vom Wassermangel und der Hitze in manchen Kobeln mal ganz zu schweigen.

Das Unglück

Mir war klar: Das würde meinem Eichhörnchen nicht passieren! Begünstigt durch Corona war ich eh viel mehr zuhause als sonst und konnte das Eichhörnchen viel besser im Blick behalten. Es wusste wahrscheinlich gar nicht, dass es mich gab, doch die Futterstelle, die frequentierte es längst regelmäßig. Irgendwann war es nicht mehr allein. Fortan huschte auch ein Männchen die senkrechte Mauer zu ihrem Unterschlupf hoch. Juchei, ein Pärchen! Der erste Wurf war dennoch eine Tragödie. Zwei der jungen Eichhörnchenbabys stürzten ab, nur eines überlebte.

Feuerwehreinsatz im Westen

Inzwischen hatten auch andere Parteien aus unserem Haus mitbekommen, was sich da so tut. Wir fütterten gemeinsam. Polsterten den Boden unter dem Kobel ab, um etwaige Stürze abzufedern. Stellten Schalen mit frischem Wasser und kleingeschnittenen Gurken raus. Einmal riefen wir sogar vollkommen panisch die Eichhörnchenhilfe, weil sich seit Tagen nichts im Kobel getan hatte. Die Feuerwehr rückte an – und konnte bestätigen, dass die Jungtiere zwar verschwunden, aber die Mutter wohlauf war. Sie waren nicht mal sauer, dass sie umsonst ausgerückt waren. Klar, Eichhörnchen stehen unter Naturschutz. Da kann man schon mal den Notruf wählen!

Nachwuchs bei den Eichhörnchen

Irgendwann später wusste ich, warum ich die Eichhörnchenmutti so lange nicht gesehen hatte. Der zweite Wurf war da! Drei freche kleine Racker streckten jede Mittagszeit abwechselnd ihre kleinen Schnäuzchen an die frische Luft und wuselten aufgeregt vor und zurück. Die Mutter hatte alle Mühe, sie unter Kontrolle zu halten, da war was los. Den ersten vorsichtigen Kletterversuchen wohnte ich, regungslos mit einer Tasse Tee am Fenster, mit einer seltsamen Mischung aus Todesangst und Verzückung bei. Wie ein Vogeldaddy, der seine Sprösslinge das erste Mal von einem Ast heruntersegeln sieht oder so.

Auch die Katze profitiert

Derzeit ist es ein wenig ruhiger im Kobel. Liegt vielleicht am schlechten Wetter. Futter lege ich dennoch weiterhin jeden Tag aus. Man verlässt sich schließlich auf mich. Selbst wenn da oben im Dach niemand weiß, wie ich eigentlich heiße. Oder warum zum Henker ich das tue. Oder das Nest längst verlassen ist. Aber das ist okay. Ich mache es schließlich nicht, um dafür Dankbarkeit zu bekommen. Ich mache es für den kleinen Jungen in mir, der abstehende Ohren hatte und Zoologe werden wollte. Gern geschehen. Und außerdem: Die Sonnenblumenkerne werden nicht schlecht hier. Meine Katze Maggie hat eine ungewöhnliche Vorliebe für sie. Allerdings nur für die geschälten.

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