Diese jungen Stuttgarter wollen in den Gemeinderat! (Teil 2)

Lokalpolitik ist verstaubt und nur was für alte Leute? Von wegen! Diese jungen Stuttgarter Kandidaten wollen im Gemeinderat mitmischen. Stadtkind haben sie ein paar Details über sich und ihre politischen Erfahrungen verraten.

Stuttgart – Zugegeben: Kommunalpolitik, das klingt schon kompliziert, verstaubt, trocken, alt. Aber das muss nicht sein. Diese jungen Stuttgarter wollen am 26. Mai in den Gemeinderat gewählt werden. Ihre besten Polit-Stories, was sie als Bürgermeister sofort ändern würden und welche Politiker-Phrase sie wirklich nicht mehr hören können, haben sie Stadtkind verraten.

Filippo Capezzone, 30 Jahre alt

Stuttgart ist für mich… eine schöne Stadt, aber leider mit zu teuren Mieten und zu viel Autoverkehr.

Warum machst du Kommunalpolitik? Ich bin Mitglied einer linken Partei und mache Kommunalpolitik, weil wir nur etwas zum Guten verändern können, wenn wir uns zusammentun und uns an der Basis, in den Stadtteilen, für soziale Verbesserungen einsetzen.

Und wenn du gerade keine Kommunalpolitik machst? Dann fahre ich im Stuttgarter Umland Fahrrad, koche, lese und trinke Kaffee.

Was würdest du sofort ändern, wenn du OB wärst? Dann würden wir eine ganze Reihe von Dingen tun. Aber um mal eine Sache zu nennen: Wir würden kein einziges öffentlichen Grundstück mehr privatisieren.

Traumberuf: Politiker? Definitiv nicht. Man sollte immer versuchen, Politik ehrenamtlich zu machen. Sonst wird man sehr schnell abgehoben. Hauptamtlich Politik machen ist ein notwendiges Übel. Hauptamtliche Politiker*innen müssen durch demokratische Parteistrukturen kontrolliert werden. Mein Traumberuf wäre mein Ausbildungsberuf: Gärtner im Gemüsebau, wenn man von den dort gezahlten Löhnen leben könnte.

Deine beste Polit-Story? Viele. Jedes Gespräch mit den einfachen/normalen Leuten im Stadtteil oder bei Mieterversammlungen ist lehrreich und wichtig.

Die schlimmste Politikerphrase? Der Satz von C. Lindner zu Fridays for Future, die Schüler*innen sollten doch das mit dem Schuleschwänzen sein lassen und den Klimaschutz den Profis überlassen ist im Moment ganz weit oben.

Was ist typisch Stuttgart? Der rasanteste Übergang von Winter zu Sommer, den ich als Vorgebirgsbayer je gesehen habe.

Filippo ist südlich von München in einer Kleinstadt aufgewachsen. In seiner Schulzeit hatte er schon „oft Ärger mit Nazis in meiner Kleinstadt“. Nach dem Abitur machte er eine Gärtnerlehre und kam 2010 nach Stuttgart, um in Hohenheim Agrarwissenschaften zu studieren. Seit 2013 ist er in der Linken in Stuttgart aktiv.

Julia Schmid, 26 Jahre alt

Stuttgart ist für mich… eine Stadt mit enormem Potential, unglaublich vielen engagierten Leuten und alles was ich mir vorstelle, wenn ich an „schwäbisch“ bzw. „Schwaben“ denke.

Warum machst du Kommunalpolitik? Weil ich total Lust habe – als „Neigschmeckte“ – meine Wahlheimat mitzugestalten und weil ich der Meinung bin, dass vor allem junge Menschen kein Gehör in der Politik und im Gemeinderat finden, obwohl diese tolle Gedanken und Ideen haben.

Und wenn du gerade keine Kommunalpolitik machst? Dann treffe ich mich mit Freunden auf ein Bier oder ’n Schorle, rette Lebensmittel oder engagiere mich für mehr Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften.

Was würdest du sofort ändern, wenn du OB wärst? Vermutlich würde ich eine Bürger-App, ähnlich wie in Tübingen, initiieren, sodass die Stuttgarter*innen ihre Meinung zu verschiedenen Themen äußern und sich somit aktiv an der Gestaltung Stuttgarts mitbeteiligen können.

Traumberuf: Politiker? Ich studiere Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, in dem Feld sehe ich mich auch erstmal in der Zukunft. Gerade den Fragen zur (sozialen) Ungleichheit möchte ich näher auf den Grund gehen.

Deine beste Polit-Story? All die Abende, die wir als Junge Liste Stuttgart gemeinsam verbracht haben, um unsere Positionen zu finden und unseren Wahlkampf zu diskutieren – schneller lernt man sich gegenseitig und seine Stadt kaum kennen.

Die schlimmste Politikerphrase? „Junge Menschen haben zu wenig Erfahrung und Wissen.“

Was ist typisch Stuttgart? Die Kessellage mit Hügeln und Weinbergen, ähnlich wie in meiner Heimatstadt Würzburg. Die vielen Plätze (Wilhelmsplatz, Marienplatz, Eugensplatz etc.). Die schwäbische Brezel mit ihren „knusprigen Armen“. Schaffe, schaffe.

Julia ist vor vier Jahren nach Stuttgart gezogen und studiert seitdem an der Uni Hohenheim. Wenn sie nicht gerade ihren ehrenamtlichen Tätigkeiten nachgeht, dann spaziert sie gerne mit Freunden an die Orte, an denen man die Stadt von oben und mit einem Ausblick sehen kann. Für die Junge Liste Stuttgart tritt sie bei der Kommunalwahl am 26. Mai auf Listenplatz 2 an.

Foto: Benjamin Vetter

Julian Knoth, 28 Jahre alt

Stuttgart ist für mich… eine Hassliebe. Ich brauche die Reibung mit der Stadt. Die Baustellen, die vielen Autos, die schlechte Luft, die Hektik. Das inspiriert mich. Auf der anderen Seite bin ich hier sehr geerdet, fühle mich wohl und brauche auch die schönen Seiten, die Stäffele, den Ausblick, die Ruhe und die Vielseitigkeit, um künstlerisch tätig zu sein.

Warum machst du Kommunalpolitik? Früher habe ich mich gerne beschwert über die Dinge, die mich stören (mache ich immer noch gerne). Wenig Freiräume und die für mich nicht ganz nachvollziehbare Musikförderung und so weiter… Bis ich entschieden habe, mich zu engagieren und meine Sicht der Dinge, meine Erfahrungen konstruktiv einzubringen.

Und wenn du gerade keine Kommunalpolitik machst? Bin ich unterwegs mit meiner Band Die Nerven oder trainiere eine Fußballmannschaft von Menschen mit geistigem Handicap, habe eine kleine Stelle bei der Caritas in der Behindertenhilfe, schreibe Theaterstücke, koche gerne oder spiele Minigolf.

Was würdest du sofort ändern, wenn du OB wärst? Ich habe auf diese Frage eigentlich immer hypothetisch mit „den Wasen abschaffen“ geantwortet. Bevor jetzt aber Leute beleidigt sind, möchte ich noch sagen, dass ich bis jetzt keine Ambitionen habe, OB zu werden.

Traumberuf: Politiker? Auf keinen Fall. Ich möchte eigentlich gar kein Politiker sein. Ich möchte mich als Mensch und Bürger einbringen und mitbestimmen. Traumberuf wäre vielleicht Tausendsassa.

Deine beste Polit-Story? Ich habe zu Schulzeiten in einem Planspiel (Schule als Staat) mit einem Freund eine Partei namens „Rote Wurst Fraktion“ gegründet – und wir haben die Wahl gewonnen.

Die schlimmste Politikerphrase? Alle, oder?

Was ist typisch Stuttgart? Eine eigenartige Mischung aus Selbstunterschätzung und Selbstüberschätzung. Macht das Sinn? Stuttgart sollte einfach manchmal cool bleiben!

Julian wohnt in Zuffenhausen. Absichtlich! Er ist Musiker, Musikkenner und Stadtist aus Überzeugung. Am 26. Mai kandidiert er auf Platz 9 der Stadtisten-Liste für den Stuttgarter Gemeinderat.

Felix Schnurr, 24 Jahre alt

 

Stuttgart ist für mich… Wahl-Heimat und hat sich definitiv einen Platz in meinem Herzen erarbeitet.

Warum machst du Kommunalpolitik? Die großen Themen werden auf den großen Bühnen in Bund und Land diskutiert und entschieden. Tatsächlich spielt der kommunale Politikbetrieb aber im Alltag der Menschen eine große Rolle und diese wird viel zu selten wahrgenommen. Ich will mich dafür einsetzen, dass die Leute erkennen, welche große Rolle die kommunale Ebene spielt und für die Themen begeistern.

Und wenn du gerade keine Kommunalpolitik machst? Dann beschäftige ich mich tatsächlich dennoch sehr gerne mit poltischen Themen und engagiere mich beispielsweise bei den Jungen Liberalen Stuttgart als Kreisvorsitzender.

Was würdest du sofort ändern, wenn du OB wärst? Ich würde mich für einen verlängerten Betrieb der Stadtbahnen, analog der S-Bahnen, am Wochenende und vor Feiertagen einsetzen.

Traumberuf: Politiker? Es ist ein sehr spannendes und wichtiges Aufgabengebiet. Ich finde aber, dass es noch viele andere spannende Tätigkeiten gibt und von daher wird es für mich wahrscheinlich immer ein Hobby bleiben.

Die schlimmste Politikerphrase? „Jetzt ist es erstmal wichtig die Lage zu sondieren…“

Was ist typisch Stuttgart? Mit dem Blick von außen und als Nicht-Schwabe muss ich ganz klar sagen: Stuttgart wird vor allem mit dem Auto in Verbindung gebracht .

Felix wohnt seit fast 6 Jahren in Zuffenhausen. Er ist unter anderem Kreisvorsitzender bei den jungen Liberalen. Gebürtig kommt er aus Rheinland-Pfalz und arbeitet in der Automobilindustrie.

Hier geht es zum ersten Teil >>>

Titelbild: Unsplash/Christin Hume