Die Wanderbaum-
allee ist wieder unterwegs

Die Wanderbaumallee ist zurück! Den öffentlichen Raum nutzen und mehr Grün in Stuttgarts Straßen bringen, ist die Intention. Die Sitzflächen mit integrierten Bäumen laden zum netten Beieinandersitzen ein. Der erste Stop bis zum 4. Juli: Die Elisabethenstraße im Westen.

Stuttgart – Vier Freunde und ein gemeinsames Ziel: Die Umgestaltung des öffentlichen Raums! Letztes Jahr von Annika, Chucho, Hanka und Sven ins Leben gerufen, gehen auch dieses Jahr wieder Bäume auf Wanderschaft und außerdem jeder, der noch so Lust hat. Die durch die Straßen wandernden Bäume, ziehen jede Menge Blicke auf sich – sind aber nicht nur Hingucker, sondern auch gemeinschaftliches Miteinander. Dieses Mal macht der Stuttgarter Westen in der Elisabethenstraße den Anfang. Gestartet wurde mit einer Wanderung von der St. Maria Kirche zur Tübinger Straße, vorbei am Feuersee. 2,5 Kilometer. Wetter hat gepasst, Stimmung auch! Annika, Christof und Meyrem vom Team, sowie die Nachbarn aus der Elisabethenstraße Ruben und Dominik haben uns ein bisschen was über das Projekt erzählt.

Treffen direkt vor der Haustür

Bäume mit Sitzgelegenheiten wandern durch Stuttgart und suchen sich ein Plätzchen. Die Stadt ein bisschen grüner machen und den öffentlichen Raum nutzen, lautet das Ziel: Gesagt, getan. Ein Monat an jeder Station – nach dem Westen sind die Bezirke Süd, Mitte und Ost an der Reihe. Wegen Corona wurde der Start ein bisschen verzögert, doch die Freunde sind froh, dass es überhaupt noch geklappt hat. An jedem ersten Samstag im Monat trifft man sich um 14 Uhr an der vorherigen Station und läuft zur Nächsten. Jeder darf sich anschließen!

„Bäumewandern klingt vielleicht erstmal nach Kraftakt – aber das ist so easy wie eine Schubkarre zu bewegen und macht auch wirklich Laune“, erzählt Annika und ergänzt: „Selbst die Kita-Kids aus der Alexanderstraße haben letztes Jahr tatkräftig mitangepackt“. Mittlerweile haben zwar auch die Restaurants und Bars wieder geöffnet, aber es ist ja auch schön, wenn man sich vor der Haustür mit ein paar Leuten aus der Nachbarschaft treffen kann und sich untereinander kennenlernt – mit dem nötigen Abstand natürlich!

Schwäbische Konstruktion

„Letztes Jahr haben wir uns im Januar zusammengesetzt, mit dem Wunsch ein Gespräch anzuregen, wie der öffentliche Raum genutzt werden und wie man die Aufenthaltsqualität verbessern kann. Zu allererst haben wir wild Ideen zusammengeschmissen“, erzählen die Freunde über ihre ersten Schritte. Das Konzept ist an eines in München angelehnt, wo die Bäume in Töpfe gepflanzt werden. Die zusätzlichen Sitzgelegenheiten sind eine Schöpfung der Stuttgarter Wanderbaumallee: Hier geht es nicht nur um die reine Begrünung der Straßen, sondern auch darum, einen Treffpunkt zu schaffen.

Die fahrbaren Module werden wie Schubkarren bewegt und sind eine Stuttgarter Entwicklung. Mittlerweile wird die Idee auch in anderen Städten in Deutschland und Österreich mit den gleichen Bauplänen umgesetzt. „Sogar aus den USA wurden wir schon angefragt“, verrät Annika.

Das Interesse ist da

„Trotz des schlechten Wetters letzte Woche, waren Leute hier – auch wir selbst“, sagt Ruben, der in der Straße wohnt und fügt hinzu: „Immer wenn ich abends nach Hause komme, sitzt hier jemand. Man kann sich einfach dazu gesellen – ob man die Leute kennt oder nicht, man kommt immer ins Gespräch“. Den Anwohnern fällt auch auf, dass die Leute sehr neugierig vorbei gehen und fragen, was es hiermit eigentlich auf sich hat: „Es stößt schon auf Interesse“, bemerkt Dominik.

„Letztes Jahr gab es sogar eine Feierabendreihe mit verschiedenen Veranstaltungen: Ein Konzert, eine Märchenerzählung, eine Lesung und vieles mehr wurden vor Ort abgehalten“ erzählen Annika und Meyrem. Coronabedingt kann das so leider erst einmal nicht stattfinden. „Dieses Jahr gehen wir das bewusst langsam an“. Auch ohne die Impulse haben die Leute verstanden, dass man sich hier einfach treffen kann – und um die Events soll es ja auch gar nicht gehen.

Das positive Feedback überwiegt

Jeder ist willkommen, jeder darf sich setzen – egal zu welcher Uhrzeit: Ob mit Buch und Kaffee, zum Telefonieren oder abends mit Freunden auf ein Bierchen: Der offene Austausch steht im Fokus! Stellen, an denen sich eigentlich Autos befinden, werden jetzt als öffentlicher Raum für jeden genutzt.

Auch das Feedback kann sich sehen lassen: „Wir wurden am Samstag super positiv empfangen. Als wir hier die Straße herein gelaufen sind, waren viele Nachbarn an den Fenstern.“ Auch über Social Media kommen immer wieder Anfragen von helfenden Händen, die sich zum Gießen anbieten. Natürlich gab es auch schon die ein oder andere Beschwerde bezüglich Lautstärke und fehlender Parkplätze – trotzdem überwiege die Zustimmung: „Beschwerden sind okay, es soll ja ein offener Diskurs sein“, sagt Ruben, der oft hierher kommt.

Nutzungspotential im öffentlichen Raum

Die Wanderbaumallee ist also eine kreative Form der Beschwerde. Fragen wie „Warum gibt es eigentlich so viele Autos?“ rücken in den Vordergrund. Das Projekt soll Leute zum Nachdenken anregen, Gespräche ermöglichen, Potential sichtbar machen. „Es ist kein Wegnehmen, es ist ein Experiment – wir zeigen nur ein anderes Nutzungpotential auf“, erklären die Macher ihr Konzept.

Für viele war es letztes Jahr ein Schock, als die Bäume plötzlich wieder weg waren – der Wunsch nach mehr Grün ist da, zeigten einige Rückmeldungen. „Jede Station aus dem letzten Jahr hat sich gemeldet und wollte, dass wir dieses Jahr wiederkommen“, freuen sich die Freunde. Die nächste Wanderung am 4. Juli wird vom Theater Rampe begleitet – die Akteure sind verkleidet als Flamingos, als ein Dino und eine Königin in Anlehnung an das Stück „Tag Y“ vom diesjährigen Volkstheater.

„Der reibungslose Ablauf haben wir auch der Unterstützung der Stadtverwaltung zu verdanken“ berichtet Christof. Nach dem Sommer sollen die Bäume im öffentlichen Raum eingepflanzt werden, dafür können sich Leute melden und Vorschläge abgeben.

Mehr Infos zur Wanderbaumallee findet ihr hier >>>

Titelbild: Julian Rettig

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