„Die Königstraße ist nicht Stuttgart“

Stuttgart, für immer erste Liebe: In unserer Reihe erzählen Stadtkinder, was sie an ihrer City so lieben – und was sie so richtig nervt. Heute mit Aline John, Konditorin und Frankreich-Aficionado von Tarte & Törtchen.

Stuttgart – Aline John backt nicht einfach nur Kuchen. Sie erschafft kleine Kunstwerke. Seit genau fünf Jahren verzückt die gelernte Konditorin Westler und andere Naschkatzen im Tarte & Törtchen an der Gutbrodstraße mit kleinen süßen Köstlichkeiten nach französischem Vorbild. Am Wochenende wird das natürlich standesgemäß süß, köstlich, fruchtig und cremig gefeiert. Notiz an uns selbst: Das Kalorienzählen geht dann am Montag wieder los.

Kleine Köstlichkeiten: Aline John (links) mit ihrer Mitarbeiterin Lisa Brock. Foto: Tarte & Törtchen

Seit sie ihren Laden um ein Café an der Straßenecke erweitert und die alte Räumlichkeit zur größeren Backstube umfunktioniert hat, konnte die 30-jährige Backfee ihr Sortiment merklich erweitern, bietet mittlerweile auch Frühstück, Eis und Herzhaftes an. Der Nukleus ihres zuckersüßen Handwerks sind und bleiben jedoch die zahlreichen kleinen Hingucker, die John wie eine Armada im Schaukasten an der Theke aufreiht: Brombeerchen, Sumpf au Chocolat oder Wunderland etwa. „Ich bin selbst überrascht, wie gut das alles funktioniert hat und wie groß wir geworden sind“, so Aline John. „Wir sind sehr gesund gewachsen. Am Anfang war ich alleine, dann hatte ich zwei Mitarbeiter, dann vier, dann sechs. Heute sind es 17.“

Vor wenigen Wochen kam ihr zweites Kind zur Welt, und auch wenn sie jetzt vielleicht nicht mehr ganz so viel Zeit zum Backen hat wie früher, steht sie immer noch genau so gern in ihrer Backstube wie vor fünf Jahren. Weil es sich bei John um ein waschechtes West-Mädchen handelt, mussten wir sie zum Geburtstag natürlich nicht nur zu ihren Leckereien, sondern auch zu Stuttgart und dem ganzen Rest befragen.

Wann und wo hast du dich in Stuttgart verliebt? Als ich aus Berlin zurückkam. Ich arbeitete dort für einige Zeit als Konditorin und sehnte mich wieder nach einer kleineren Stadt. Hier hatte ich anfangs zwar keinen Job, war aber überglücklich, wieder Zuhause zu sein. Stuttgart hat eine perfekte Größe, alles ist gut erreichbar und man hat selbst in der Innenstadt nicht das Gefühl, in Singapur über eine Straße zu laufen.

Wo ist deine Hood? Ich arbeite und lebe im Westen, bin hier also naturgemäß sehr viel unterwegs. Ich mag aber auch den Süden und den Osten sehr gern. Meine Mutter wohnt bei der Villa Berg, da ist es wirklich wunderschön.

Wo ist Stuttgart am schönsten? Am Blauen Weg ist es ganz bezaubernd.

Wo am hässlichsten? Am Hauptbahnhof!

Dein Lieblingsort in der Stadt? Ich mag es gern ruhig, also bin ich sehr gern in den Wäldern rund um die Stadt oder am Birkenkopf. Ich glaube, es ist ein Drang in allen Stuttgartern, den Kessel hin und wieder zu verlassen und mal über den Rand hinauszuschauen.

Ein Daueraufreger in dieser Stadt ist…? Der Verkehr! Das betrifft uns zwar nur beruflich, weil wir auch ausliefern; privat bin ich meist mit dem Fahrrad unterwegs. Doch in der Innenstadt ist das durchaus ein schwieriges Thema.

Wie reagierst du, wenn jemand sagt, die Stadt sei hässlich? Was die Innenstadt angeht, würde ich zustimmen. Danach würde ich allerdings gleich zur Verteidigung ansetzen und betonen, wie schön die Bezirke drum herum sind und wie viel Grün es hier in der Stadt gibt. Die Königstraße ist nun mal nicht Stuttgart.

Dein Lieblingsrestaurant? Taverna Yol im Westen. Die zelebrieren das Essen noch richtig. Ähnlich wie wir, haben sie zahlreiche kleine Vorspeisen, die man am besten gleich alle probiert. Ich esse sehr gern viele verschiedene Dinge und gern auch sehr lang – und hier geht das ganz ausgezeichnet!

Ein guter Ort für feine Patisserie? Im Augustenstüble gibt es vorzügliche Küche, aber auch ein hervorragendes Dessert!

Im Westen ist in den vergangenen fünf Jahren sehr viel passiert. Wie siehst du die Entwicklung? Ich habe mich damals sehr deutlich für eine Belebung des Bismarckplatzes ausgesprochen und finde wirklich toll, was daraus geworden ist. Zuvor lag hier alles irgendwie brach, doch durch die Metzgerei oder den Griechen wurde der Platz ganz wunderbar belebt. Wir brauchen Menschen, die den Mut haben, auch in den Randbezirken ihre Konzepte zu verwirklichen – und natürlich Menschen, die diese Konzepte dann annehmen.

Was würdest du sofort erlassen oder ändern, wenn du OB wärst? Ich würde mich für mehr Engagement bei der Kinderbetreuung einsetzen – mal so als Mutter gesprochen.

Was fehlt dieser Stadt am meisten? Strand, Badesee oder Fluss – Wasser eben!

Wäre Stuttgart ein Törtchen, was würdest du dafür verwenden? Ich glaube, es würde ein bodenständiges Törtchen werden. Vielleicht was mit Quitten oder Äpfeln aus der Region, verfeinert mit Walnüssen auf einem Marzipanboden. Nicht zu sahnig, nicht zu fluffig, eher bodenständig eben.

www.tarteundtoertchen.de

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