Die Flucht der Generation #wanderlust

In Zeiten, in denen Fernreisen als Statussymbol gelten, hat sich unsere Autorin gefragt: Wer bist du zuhause, wenn du kein Reisender mehr bist?

Stuttgart – Auf den Brettern meines Bücherregals reiht sich mittlerweile ein Reiseroman neben dem anderen. Traveller-Geschichten statt Fantasybücher, Fernreisen statt fetter Karre vor der Tür. Ich liebe Reisen, doch sind Reiseerlebnisse irgendwie auch die neuen Statussymbole. Stichwort #wanderlust. Und was ist mit denjenigen, die nicht so viel und weit reisen?

#wanderlust: Reisen macht einen nicht automatisch zu einem besseren Menschen

Nach dem Abi Work and Travel in Australien oder als Au-pair nach Kanada. Im Studium Erasmus und später dann Rucksackreisen und Sabbatical. Wir sind die Generation #wanderlust, wobei damit nicht direkt das Wandern, sondern das Bereisen der großen weiten Welt gemeint ist. „Viel zu spät begreifen viele die versäumten Lebensziele: Freuden, Schönheit und Natur, Gesundheit, Reisen und Kultur. Darum, Mensch, sei zeitig weise! Höchste Zeit ist’s! Reise, reise!“, wusste bereits Wilhelm Busch. Die Botschaft scheint mittlerweile angekommen. Was früher ein großer Benz vor der Tür oder die Eigentumswohnung waren, sind heute lange Reisen in ferne Länder. Das Statussymbol Fernreise wird regelmäßig bei WG-Partys, Klassentreffen und Familienfeiern erörtert: Wer war wo? Wo geht es als nächstes hin? Welches Ziel ist exklusiver, ferner, abenteuerlicher?

Aber Reisen ist nicht gleich Reisen und macht einen noch nicht automatisch zu einem besseren Menschen. Stundenlang im Flieger sitzen, im heruntergekommenen Hostelschlafsaal übernachten und „diesen einen Tempel von Instagram“ anschauen, heißt noch nicht, dass man weltoffener und abenteuerlicher ist, als der Zuhausegebliebene. Wer so denkt, hat ziemlich wenig vom Reisen verstanden. Reisen ist ein Privileg und kann unsere Gesellschaft zu einer besseren machen. Auf Reisen haben wir die Chance, uns weiterzubilden und unsere komplexe und schnell verändernde Welt zu verstehen. Wer einmal in Ländern wie Israel oder Iran war, weiß, dass diese auch andere Facetten besitzen, als die Tagesschau berichtet. Doch ob die Reise „nur“ auf kulturellen Pfaden Europas stattfindet (mit dem Zug wäre das im Übrigen die klimafreundlichere Variante) oder jemand ans andere Ende der Welt fliegt, sagt noch nichts über die Qualität der Reise aus. Reisen kann Vorurteile abbauen – aber das kann nicht nur das Reisen und muss es per se auch nicht.

Gerne Heimkehren

Ein Zitat aus meiner aktuellen Reiselektüre lautet: „Anstatt zu überlegen, wann du deinen nächsten Urlaub machst, solltest du vielleicht lieber dein Leben so gestalten, dass du nicht davor fliehen musst.“ Gesagt haben soll das ein Herr Namens Seth Godin. Die Hauptfigur meines Reisebuches sah sich durch dieses Zitat dazu animiert, eine mehrmonatige Weltreise mit der gesamten Familie zu unternehmen. Mich regten die Worte ebenfalls zum Nachdenken an.

Ähnlich vielfältig wie die Reiseziele sind die Gründe, eine Reise anzutreten. Manch einer meiner Generation hat Angst, nicht zu wissen, wie er sein Leben führen soll oder falsche Richtungen einzuschlagen. Auf Reisen sucht man oft das, was eigentlich nur zuhause zu finden ist: Das Leben, das man in Zukunft führen will. Doch wer Reisen als Flucht sieht, kommt nie gerne an den Ort zurück, vor dem er zuvor geflohen ist. Und so wartet der Heimkehrer nur auf die nächste Gelegenheit, um von seinem langweiligen Alltag, dem stressigen Job oder der grauen Großstadt erneut fliehen zu können. Das ist schade und lässt den Reisenden in seiner Heimat als einen unruhigen und unzufriedenen Geist zurück.

Anstatt zu fliehen, sollten wir unseren Alltag so gestalten, dass wir nicht fliehen müssen und so unsere Reisen besser nutzen können. Nämlich, um mal wieder das Meer zu sehen, um in fremde Kulturen einzutauchen aber auch um Dankbarkeit zu erfahren  – und natürlich vor allem, um nach einer gewissen Zeit wieder gerne heimzukehren.

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