„Deutschsein und Schwarzsein schließt sich für viele immer noch aus“

Die Stuttgarterin Yeama Bangali ist studierte Literaturwissenschaftlerin. Sie findet, dass Schwarze Wissenstraditionen in Deutschland kaum vermittelt werden. Warum das ein echtes Problem ist und sie das Gefühl hat, wir brauchen ein kollektives europäisches Gedächtnis, erzählt sie uns im Interview.

Stuttgart – Seit dem Mord an George Floyd am 25. Mai reden auch wir in Deutschland über Rassismus. Dass dies schon längst überfällig ist, da sind sich alle einig. Zur ersten Silent Demo in Stuttgart kamen tausende Menschen. Ein schönes Bild und auch ein großer Erfolg für die Veranstalter. Was sich aber wirklich ändern muss, um Deutschland vom strukturellen Rassismus zu befreien, geht tiefer. Viel tiefer.

Schwarze Wissenstraditionen weitergeben

Die Stuttgarterin Yeama Bangali hat genau diese Tiefe in ihrem Text „Schwarze Wissenstraditionen: Die Leerstelle, die keine ist“ beschrieben, den sie am sechsten Juni, kurz vor der ersten Silent Demo am Schlossplatz, veröffentlichte. Yeama ist in Fellbach aufgewachsen, heute lebt sie in Bad Cannstatt. Bevor sie in der externen Kommunikation beim Fraunhofer-Institut anfing, arbeitete sie als Journalistin bei der Fellbacher Zeitung und beim SWR. Durch ein Bachelorstudium in Germanistik und ein Masterstudium in Literaturwissenschaften kam die heute 27-Jährige in Kontakt mit afrodeutscher Literatur und bemerkte, wie wenig wir in Deutschland eigentlich über die Geschichte von Black People of Colour lernen. Wir haben uns mit ihr zum Interview getroffen, um genau über diese Leerstelle und strukturellen Rassismus zu sprechen.

Dein Text „Schwarze Wissenstraditionen: Die Leerstelle, die keine ist“ entstand auf Basis deiner Masterarbeit. Kannst du genauer beschreiben, welches Thema diese hatte?

Im Studium habe ich eine Autorin entdeckt, ihr Name ist May Ayim, deren Werke konsequent in die Schublade interkulturelle Literatur gesteckt werden. Sie ist eine Schwarze deutsche Frau, die im Alter von zwei Jahren von der Familie Opitz adoptiert wurde. Ihre Muttersprache war Deutsch und sie kannte nie etwas anderes.
In meiner Masterarbeit war mir wichtig zu zeigen, dass ihre Gedichte genauso wie Goethes analysiert werden müssen. Ich finde, man kann niemanden, der in Deutschland geboren ist, gemeinsam mit Leuten in eine Schublade stecken, die mit 20 Jahren nach Deutschland eingewandert sind. Das spricht Menschen ja nur aufgrund der Hautfarbe ihr Deutschsein ab. Und da sind wir mittendrin im großen Problem des Othering, dass die Rassismusdebatte so sehr prägt.

Wie sehr glaubst du, dass Deutschland vom Othering betroffen ist?

Ich glaube in Deutschland ist das Phänomen des Othering stark ausgeprägt. Mehr, als wir vielleicht denken. Mein Auslandspraktikum habe ich in Glasgow am Goethe Institut gemacht. Dort ist mir das erst so richtig bewusst geworden. Dort war jeder, der mir begegnete so: „Ah du bist aus Deutschland, cool.“ Niemand stellte das in Frage, warum auch? Dann gab es eine Situation, in der ich vor einer deutschen Schulklasse einen Vortrag hielt. Weil ich natürlich keinen schottischen Akzent hatte, fragten mich die Lehrerinnen der deutschen Schulklasse woher ich komme. Als ich dann auf deutsch antwortete und sagte, dass ich auch aus Stuttgart komme, reichte das nicht. So nach dem Motto: Du bist zwar in Deutschland geboren, aber wo kommst du denn wirklich her. Da habe ich manchmal das Gefühl, Deutschsein und Schwarzsein schließt sich kategorisch aus.

Was hast du auf die Nachfrage der Lehrerinnen in der Situation geantwortet?

Ich sage in solchen Situationen dann einfach, dass ich in Stuttgart geboren bin und meine Eltern aus Sierra Leone kommen. Das stimmt ja auch und ist auch ok für mich. Ich kann das ja auch verstehen, dass es Leute interessiert, wo die eigenen Wurzeln liegen. Was mich eben stört ist diese Voreingenommenheit. Dieses ständige Beweisen der eigenen Zugehörigkeit. Ich ertappe mich in manchen Situationen dabei, wie ich unbewusst in so eine dialektale Färbung verfalle. Als ich letztens mein Auto vom TÜV abgeholt habe zum Beispiel. Da spreche ich auf einmal mehr schwäbisch, damit ich eben gerade nicht mit Othering konfrontiert werde.

Also bewirkt das Fehlen Schwarzer Wissenstraditionen, dass Othering überhaupt existiert. Weil Schwarzen Menschen immer in einer seltsamen Außenperspektive gesehen werden?

Wenn ich an einen typischen Lehrplan denke, dann wird über Afrika als Kontinent kaum etwas gelehrt. Dabei ist er einer der diversesten Kontinente. Und selbst das, was gelehrt wird geschieht immer aus der Perspektive der Europäer heraus. Das British Empire und die Kolonialzeit Deutschlands sind zwar Teil des Curriculums, trotzdem werden Afrikaner in diesen Geschichten immer als Objekt dargestellt. Klar, kann man nicht alles lehren, aber man kann sehr wohl Geschichten aus mehreren Perspektiven erzählen. Im achtzehnten Jahrhundert hat in Halle zum Beispiel der erste Schwarze, Anton Wilhelm Amo, in Rechtswissenschaft promoviert. Schwarze Wissenstraditionen können ja auch positive Geschichten sein. Und die müssen an deutschen Schulen umso mehr weitergegeben werden!

Schon im 18. Jahrhundert begann die Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland. Gesprochen wird über die jedoch viel zu selten. | Foto: Yeama Bangali

Warum klammern wir Schwarze Menschen so sehr aus unserem deutschen Selbstverständnis aus?

Ich glaube das liegt viel daran, wie sie auch von den Medien porträtiert werden. Es gibt so viele afrikanische Kulturen, diverse Geschichten und trotzdem wird ein so einseitiges, oft negatives Bild gezeichnet. Auch in der Berichterstattung zu Flüchtlingen sieht man oft Schwarze Menschen. Wenn man die Statistik anschaut, dann flüchten nach Deutschland aber gar nicht hauptsächlich Schwarze, sondern alle möglichen Ethnizitäten. Und so trägt auch dieses verzerrte Bild zu einem negativen Narrativ bei. Schwarze Menschen sind auch keine homogene Gruppe, sondern Individuen mit unterschiedlichen biografischen Hintergründen und Geschichten. Deutschland ist schon so lange ein Einwanderungsland, ich verstehe nicht, warum das in all seinen Facetten nicht besser dargestellt wird.

Europäer waren es, die in Nordamerika die Gebiete der Native Americans kolonialisiert haben. Sie kolonialisierten den Großteil von Afrika und versklavten mehr als 15 Millionen Menschen.
Findest du, dass Europa auch eine Art kollektives Gedächtnis braucht, so wie es für die NS-Zeit bei uns Deutschen existiert?

Ja, ich finde schon, dass wir eine Art kollektives europäisches Gedächtnis brauchen. Wir tun immer so, als hätten wir uns den ganzen Wohlstand selbst erarbeitet. Aber der wurde auf dem Rücken von anderen Kontinenten ausgetragen. Viele Forscher gehen ja davon aus, dass der afrikanische Kontinent in dem Zustand ist, in dem er ist, weil er immer noch an den Folgen der Sklaverei leidet. Wenn wir in Deutschland von Wirtschaftsflüchtlingen reden, dann nehmen wir uns immer sehr raus. Als ob wir mit der Wirtschaft eines anderen Landes oder den Konflikten nichts zu tun haben. Wir sind ja als Industrienation, als Teil von Europa, Teil dieses Systems, wir müssen uns da auch der Verantwortung stellen.

In deinem Text stellst du Literatur, Hörbucher und Co. vor, die Schwarze Wissenstraditionen weitergeben und Rassismus thematisieren. Was sind hier deine absoluten Must-Reads?

Also Exit Racism von Tupoka Ogette finde ich schon sehr gut, weil sie einfach einen neutral-positiven Raum schafft, in dem man über Rassimus reden kann. Ein weiteres Buch, das ich gut finde ist „Farbe bekennen“ von Katharina Oguntoye, May Opitz und Dagmar Schultz. Das ist das Buch, dass die Schwarze Frauenbewegung in Deutschland angestoßen hat. Da sind auch Interviews mit Leuten drin, die während des Nationalsozialismus lebten, was wiederrum zeigt, wie lang Schwarzsein in Deutschland eigentlich schon normal sein sollte. Alice Hasters Buch „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ fasst aber noch einmal total gut zusammen, um was es eigentlich geht und knüpft an vorherige Werke zu diesem Thema an. Das ist auch ein sehr, sehr gutes Buch.

Danke dir Yeama, für diese Einschätzung und das Gespräch.

 

Titelbild: Josiane H.

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