Destination Gipfel: Darum liegt Wandern im Trend

Bergsee statt Meer, Käsespätzle statt Pizza, Wanderschuhe statt Flip-Flops: Wandern liegt bei uns Stadtkindern hoch im Kurs. Wir verraten euch, warum.

Stuttgart – Nicht der Wecker läutet auf 1500 Metern Höhe den Tag ein, kein schriller Klingelton des Smartphones reißt einen hoch oben in den Bergen aus dem Schlaf. Stattdessen dringen die Kuhglocken bis unter die Daunen der Bettdecke ans Ohr. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages kitzeln einem den Schlaf aus den Augen, die Bergluft strömt durch die Lungen. Feinstaubalarm und Baustellenlärm? Fehlanzeige. Weil sich die Schlangen vor den Eisdielen im Kessel zu Autobahnen mit zu viel Stau entwickelten, der Marienplatz an ein überlaufenes Ameisennest erinnerte und man sich wegen des Besucherstroms im Schlossgarten beim Joggen fast schon eine Maske überziehen wollte, gaben viele der Großstadt zumindest für eine kleine Auszeit den Laufpass. Corona sei Dank flüchteten wir Großstadtkinder aufs Land und entdeckten dort das Wandern für uns.

Statt zu Sneakern greifen wir coronabedingt zu Wanderschuhen

So schreibt der Deutsche Wanderverband, dass in den kommenden Monaten aufgrund der Coronakrise mit mehr Wanderern zu rechnen sei. Diesen coronabedingte Anstieg an Besuchern in der Natur beobachtete auch Florian Mönich, Geschäftsführer der Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins (DAV). „Es war nicht möglich, in das ferne Ausland zu fliegen, deshalb hat man sich in Deutschland umgeschaut. Dabei hat man gemerkt, dass es schön ist, draußen zu sein“, sagt er.

Auch Andreas entschied sich dieses Jahr gegen einen Urlaub mit Relax-Potential am Meer: „Grundsätzlich liege ich total gerne am Strand und wäre auch gerne nach Andalusien geflogen – wegen Corona entschied ich mich dagegen. Als Corona losging, war mir klar, es gibt deshalb nur zwei Optionen: an Nord- oder Ostsee zu fahren oder in die Berge.“ Wo andere Stadtkinder Urlaub machen, haben wir euch hier aufgeschrieben. Dass er statt zu Sneakern zu Wanderschuhen greift, ist für ihn aber nichts Außergewöhnliches. Der Stuttgarter betreibt nämlich den Blog jungwandern.de. Dort macht er in seinen Artikel Lust auf Berggipfel und Wanderwege, außerdem veranstaltet er Gruppenwanderungen.

 

Digital Detox in luftiger Höhe

Statt Surfen in Spanien oder Party am Ballermann hieß es für uns Stadtkinder im Sommerurlaub: Alb, Alpen und Rössleweg. Doch auf Corona allein lässt sich der Trend, über Stock und Stein zu wandern, nicht zurückführen. Denn beobachten kann man den schon seit geraumer Zeit: Während laut einer Studie des Wanderverbandes aus dem Jahr 2010 noch 56 Prozent der deutschen Bevölkerung als aktive Wanderer bezeichnet werden konnten, so bezeugt eine spätere Wanderstudie einen deutlichen Anstieg. Demnach sind es 2014 schon 69 Prozent. Florian Mönich von der Sektion Schwaben des DAV verzeichnete letztes Jahr einen Mitgliederzuwachs von sieben Prozent – seiner Meinung nach ebenfalls ein Indiz für die steigende Beliebtheit des Hobbys.

 

„Um dem schnellen Trubel des Alltags zu entkommen, geht man in die Berge – Stichwort Digital Detox.“

Florian Mönich, Geschäftsführer Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins

In unserem Alltag prasseln mehr und mehr Informationen auf uns ein. Instagram überflutet unsere Sinne mit Videos und Bildern. Push-Nachrichten unserer Apps informieren uns minütlich über das Weltgeschehen. Im Home-Office arbeiten wir 24/7, selbst im Bett werden abends noch Mails bearbeitet. „Für viele geht es beim Wandern darum, dem Alltag zu entfliehen und nicht mehr erreichbar zu sein – Empfang hat man in den Bergen meist nicht mehr“, begründet Florian Mönich vom DAV das Bedürfnis, sich in die Natur zu flüchten.

 


Der beliebteste Grund, sich auf Wandertour zu begeben, ist aber ein anderer. Spätestens dann, wenn man in den Bergen das Smartphone in die Jackentasche gleiten lässt, den Blick hebt und sich umschaut, erschließt sich dieser: das Erleben der Natur. „Man hat keine zubetonierte Stadt vor Augen, sondern ein schönes Panorama“, sagt Andreas von jungwandern. Dieses Bedürfnis, die Natur in vollen Zügen zu erleben, wird angetrieben von einem erhöhten Umweltbewusstsein, so der Wanderverband in seinem Forschungsbericht.

 

„Das Image des Wanderns hat sich gewandelt. Es geht jetzt jede Altersgruppe in die Berge. Vor allem auch für jüngere Zielgruppen ist es interessant geworden.“

Florian Mönich, Geschäftsführer Sektion Schwaben des Deutschen Alpenvereins

Und die Anbieter stellen sich auf die neu gewonnene Zielgruppe der urbanen Trendsetter ein. Wer beim Schwarzwald ausschließlich an Kurorte für Hochbetagte dachte, liegt falsch. Per Zipline kann man hier mit rasender Geschwindigkeit durch den Wald fliegen. Was ihr dort sonst noch so erleben könnt, das erfahrt ihr hier. Für ein Yoga-Retreat muss man keinen Langstreckenflug mehr hinnehmen, sondern kann sich auch im Bio-Hotel im Allgäu auf den Atem konzentrieren. Und auf den Hütten kommen auch Vegetarier zum Zug. Sogar eine Alpaka-Wanderung in den Stuttgarter Weinbergen ist möglich.

 

 

Influencer-Spots bergen beim Wandern Konfliktpotential

Doch dass vor allem im Zuge von Corona das Wandern an Beliebtheit gewann, hatte auch negative Folgen. Aufgrund des hohen Besucherandrangs wurden in Bad Urach die Parkplätze gesperrt, um Wanderer abzuschrecken. Florian Mönich berichtet von Konflikten zwischen Touristen und Einheimischen in den Voralpen, weil die Besucher zum Beispiel die gesamte Ortschaft zuparkten. Und mit den Wanderern kam auch der Müll, berichtet Blogger Andreas: „Viele lassen den Müll einfach liegen – das sieht aus wie abends im Schlossgarten.“

Und nicht nur das: Auf der Jagd nach den besten Motiven für den Feed auf Instagram machen manche auch keinen Halt vor Vorschriften. So warnt der Nationalpark Berchtesgaden davor, dem Hype nachzukommen, sich auf die Suche nach den Gumpen, auch als Natural Infinty Pools bezeichnet, nachzukommen.

 

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Instagram-Hype am Wasserfall ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Auch wir haben einen Instagram-Kanal gelauncht, einer der Auslöser war die zunehmende Selfie-Sucht in unserem Schutzgebiet. Unsere Postings verbinden wir mit viel Wissenswertem über die einzigartige Nationalpark-Natur. Der Wasserfall am Königssee ist dem Überfall durch Influencer zum Opfer gefallen. Das früher ruhige und abgelegene Naturparadies leidet. Viele Einheimische gehen wegen der Massen gar nicht mehr hin. Die Gumpen werden im Netz getaggt, gepostet, geliked, am besten gleich live. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Die Fotos vom Baden im „Natural Infinity-Pool“ luden Tausende zum Nachahmen ein. Der Run auf den Wasserfall forderte bereits Tote! Und die Natur mitten im Nationalpark wird immer mehr zerstört. Die Ufervegetation ist bereits komplett zertreten, Berge von Müll werden hinterlassen und illegale Lagerfeuer gemacht. Unbelehrbare campieren im Schutzgebiet, hinterlassen sogar ihre Billig-Zelte und Schlafsäcke. Das kann es doch nicht sein! An alle Influencer: Mit Euren teilweise enormen Reichweiten habt Ihr viel Einfluss auf viele Menschen. Seid Euch bewusst, dass ihr durch solche Postings die Natur zerstört. Campieren, Lagerfeuer, Müll, Drohnenflüge - das ist alles im Nationalpark verboten. Warum? Weil Tiere gestört werden und die Pflanzenwelt leidet. Seid verantwortungsvoll mit Euren Mitmenschen und unserer einzigartigen Natur. Löscht Eure Posts und stellt keine neuen ins Netz. Verzichtet auf Wegbeschreibungen. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Mittlerweile werden in der Instagram-Community auch andere Stimmen laut, die rücksichtslose Influencer ermahnen: Verzichtet auf Hashtags! Behaltet die Tipps für Euch! #stopgeotagging #protectnature ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ Und nicht zuletzt: Weniger als 1% der Landesfläche in D sind Nationalparke. Diese Fläche ist winzig. Hier sollten es wir Menschen doch schaffen, uns zurückzunehmen und die Natur die erste Geige spielen lassen. Die Natur dankt es euch. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ @umweltministerium @umweltministerium_bayern @bergerlebnis_berchtesgaden @tourismus.koenigssee @bischofswiesen_tourismus #stopgeotagging #protectnature

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„Die Schwierigkeit war die Unkenntnis darüber, wie man sich in den Bergen verhält: Dass man den Müll mitnimmt und auf den Wegen bleibt“, sagt Mönich vom DAV. Um dem Alltag zu entfliehen, braucht es keine Jagd nach den besten Motiven. Und wer jetzt in Gedanken an eine Auszeit schwelgt, dem haben wir zwei Wandertipps parat. Für die müsst ihr nicht mal ins Auto steigen, geschweige denn den Kessel hinter euch lassen. Erkundet doch einfach Stuttgart auf dem Rößleweg oder dem Blaustrümpflerweg!

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