Der Trottwar-Verkäufer vom Rotebühlplatz

Er ist einer der bekanntesten Verkäufer Stuttgarts. Vojtech Kökény steht jeden Tag am Rotebühlplatz und verkauft die Straßenzeitung Trott-war. Wer steckt hinter dem fröhlichen Lachen? Stadtkind hat sich mit ihm unterhalten.

Stuttgart – Es ist heiß in Stuttgart. Kreuz und quer wuseln die Menschen durch die Unterführung am Rotebühlplatz. Sie laufen alleine oder in Gruppen, im leisen Gespräch oder in Gedanken, aber alle den Blick fest auf den Boden gerichtet. Keiner hat Zeit, jeder ist spät dran, alle schwitzen. In der Monotonie von Füßegetrappel, Koffergeruckel und Rolltreppen-Geratter würde sich der Stuttgarter wunderbar wohl und anonym fühlen, wenn es nicht Vojtech Kökény gäbe.

350 Euro für die Schule der Tochter

„Bella, bella…Hallo, amigo!“, hört man ihn schon von Weitem rufen. Im tomatenroten Leibchen tut der 42-Jährige mitten in der gefüllten Passage das, was er verdammt gut kann: Straßenzeitungen verkaufen. Vojtech ist die Art Verkäufer, die man sich im Möbelhaus wünscht. Er reißt die Menschen auf wunderbar charmante Art aus ihrem Trott. Pfeifend, singend, sprücheklopfend zwingt er die Leute geradezu, aufzusehen, ihn anzusehen, ihm ein Lächeln zu schenken.

Wer ist der Mensch hinter dem gut gelaunten Verkäufer? Vojtech Kökény kommt aus der Slowakei. Seine ganze Familie lebt in der Heimat. Zu Hause muss er seine Frau und seine beiden Töchter, 12 und 15 Jahre alt, ernähren. Die ältere geht jetzt auf eine neue Schule. „Die kostet 350 Euro im Monat“, seufzt Vojtech. Aber das ist es ihm wert: „Gute Schule, viel lernen!“

„Schreiben sie: Alles gut.“

Im Zwei- bis Drei-Wochentakt fährt der Familienvater nach Hause in die Slowakei und bleibt zwei Wochen. Dann wieder drei Wochen nach Deutschland, zum Geld verdienen. „In Slowakei gibt es keine Arbeit. Gibt einfach nichts. Deswegen komme ich hierher.“ Insgesamt arbeiten momentan 133 Verkäufer aktiv bei Trott-war. Rund 70 davon sind Slowaken, so Thomas Schuler, der Verkäufersprecher bei Trottwar.

Vojtech Kökény ist seit vier Jahren dabei. Drei davon steht er nun schon am Rotebühlplatz. Vojtech ist immer da: Montag bis Freitag, von morgens um 7 Uhr bis abends um 17 oder 18 Uhr. Samstags steht er zusätzlich in der Königstraße.

Die Straßenzeitung kostet 2,20 Euro, die Hälfte davon geht direkt an ihn, die andere Hälfte ist eine Spende für Trott-war. An einem Tag verkauft der Slowake zwischen 20 und 30 Zeitungen. Was kommt da am Ende des Monats zusammen? „Mit Trinkgeld sind es ungefähr 600 oder 700 Euro.“ Reicht das? Vojtech lacht unsicher. Er zählt auf, was er alles bezahlen muss. Sagt dann: „Ist okay, okay. Schreiben sie: Alles gut.“ Im Vergleich gehört er in der Slowakei mit diesem Einkommen sogar zu den Besserverdienern, so Verkäufersprecher Schuler.

Leben auf der Straße

Trott-war ermöglicht den Verkäufern außerdem Zugang zu einer kostenlosen Kleiderkammer. Vojtech zeigt auf sein T-Shirt, seine Jeans, seine Schuhe: „Alles Trottwar. Sehr viel Hilfe.“ Eine Wohnung hat der Zeitungsverkäufer in Stuttgart nicht. Viel zu teuer. Er darf in der Wohnung seines Kumpels am Neckartor schlafen. Das Glück hat nicht jeder: „Viele von meinen Kollegen schlafen unter der Brücke. Das ist nicht gut.“

Verkäufersprecher Schuler bestätigt die schwierige Wohnungslage. Man sei zwar immer bemüht, Wohnungen zu finden, aber der Markt sei gerade einfach katastrophal. Viele schlafen unter freiem Himmel oder in Autos – sehr kritisch, denn momentan ist zwar Hochsommer, aber der nächste Winter kommt gewiss: „Trott-war hat keine Lust auf erfrorene Verkäufer“, sagt Schuler trocken. Auch Vojtechs slowakischer Freund schläft in seinem Auto im Autopark. Mit diesem Auto pendeln die beiden von Stuttgart in die Slowakei und zurück.

Viele grüßen ihn

Viel Deutsch kann der Verkäufer nicht, was das Interview schwierig macht. Doch wenn der 42-Jährige etwas nicht versteht, fängt er im Zweifel einfach an zu lachen und sagt: „Ist normal, alles gut!“ Seine offene Art hat ihn bekannt gemacht. Alle paar Minuten kommen Menschen auf ihn zu, er begrüßt sie mit Vornamen und führt kurze Gespräche. Viele kommen jeden Tag hier vorbei. In den drei Jahren hat Vojtech Kinder aufwachsen sehen: „Die kommen immer und plötzlich wupp, so groß“, sagt er und hebt die Hand auf Höhe seines Kinns.

„Meine Arbeit ist mein Hobby“

Vojtech dreht sich kurz zur Rolltreppe und genießt die kühlere Brise, die von der S-Bahn nach oben weht. Sein rotes Leibchen flattert im Wind und lässt ihn ein bisschen aussehen wie Superman. Dann ruft er wieder: „Amigo, hallo-ho, stoppi, einen Moment…okay, nicht, schönen Tag, tschüss!“ Doch fast alle laufen an dem Verkäufer vorbei. „Keine Zeit, schnell, schnell, jaja…“, sagt er. „Die Menschen haben immer keine Zeit. Arbeit, Schule…aber ist normal!“ Vojtech macht trotzdem weiter.

„Viele fragen mich, woher die Energie und gute Laune kommt“, erzählt er. Eine Antwort hat er aber selbst nicht. Im Grunde ist es aber ganz einfach: „Nicht gut gelaunt sein heißt keine Zeitung verkaufen. Es ist alles Kommunikation.“ Wenn er müde ist, fängt er einfach an zu tanzen. „Dann geht’s wieder. Und Kaffee!“ Nach einem Arbeitstag ist Vojtech aber auch fertig. Er will dann nur noch essen, duschen und schlafen. Hobbys? „Meine Arbeit ist mein Hobby.“ Vojtech strahlt wieder. Eine junge Frau rennt zur S-Bahn. „Langsam bella, langsam. Nicht fallen. Ganz kurz, hier, neue Ausgabe?“ Doch die Frau ist schon auf der Rolltreppe verschwunden.