Der erste Termin bei meiner neuen Therapeutin

In der neuen Kolumne #letstalkaboutmentalhealth schreibt unsere Autorin über psychische Gesundheit und Krankheit, den Alltag damit sowie all die kleinen und großen Hürden im Leben. Dieses Mal findet der langersehnte Termin mit der Therapeutin statt und unsere Autorin ist irgendwie erleichtet.

Bremerhaven/Stuttgart – Es ist Dienstagmorgen und ich steige die Treppen hoch. Die Wände sind helllila und vor der Tür stehen zwei Stühle und ein Tisch mit Prospekten. Ich ziehe meine Jacke aus und die Therapeutin öffnet die Tür. Während ich einen Bogen ausfülle, warte ich noch fünf Minuten bis die Tür erneut aufgeht. Ich werde hereingebeten, lege meine Jacke ab und atme aus.

Ich fühle mich unbequem

Ein kurzer Smalltalk über die verstrichenen Termine und dann erzähle ich, warum ich eigentlich da bin. Der Schritt eine Therapie zu machen ist für die meisten Menschen schwerer, als zu einem Hausarzt zu gehen. Ich habe das schon hinter mir und bin auf therapeutische Behandlung angewiesen wie ein Diabetiker auf das Insulin. Ich weiß das, meine Ärzte wissen das. Trotzdem ist es keine lebensbedrohliche Situation und das Einzige, was ich machen kann, ist warten auf Behandlungsplätze, Erstgespräche und Kompatibilität suchen.

Die Psychotherapeutin fragt mich, ob ich Suizidgedanken habe, ich verneine. Sie fragt, ob ich Angst vor anderen Menschen habe, ich verneine. Als ich ihr erzähle, dass ich vor zwei Wochen eine schwere depressive Episode hatte, nickt sie und notiert etwas auf ihrem Klemmbrett. Wir reden darüber, ob ich Prüfungsangst habe. Ich verneine. Im Laufe des Gesprächs gibt es den Aha-Effekt und sie verbindet meine Depression mit einem Ereignis. Ich fange an zu weinen.

Die Stunde vergeht, ich fühle mich wohl

Eigentlich ist das nicht meine Art. Neue Therapeuten teste ich auf Herz und Nieren. Ich präsentiere mich von meiner liebevollsten Seite und erzähle nur, was mir angebracht erscheint und was ich zeigen will. Ich weiß, dass das ein Schutzmechanismus ist und auch eher kontraproduktiv, aber es fällt mir nicht leicht direkt in die Tiefe zu gehen.

Die Therapeutin ist einfühlsam. Wir kommen schnell auf einen gemeinsamen Nenner und ich kann sogar darüber hinwegsehen, dass sie ein bisschen zu sehr spiegelt*. Am Ende der Stunde fühle ich mich erleichtert. Über ein halbes Jahr hatte ich keine therapeutische Betreuung und habe vergessen, wie hilflos ich mich eigentlich fühle. Wir finden heraus, dass ich eine Traumatherapie in Betracht ziehe. Sie setzt sich an den Computer und druckt mir eine Adressliste aus.

Als ich in den kühlen Wind trete, schaue ich auf die Uhr. Es ist Dienstagmittag und ich werde morgen anfangen die Liste abzutelefonieren.

* In der Therapie kann ein Therapeut dem Patientenen das eigene Verhalten spiegeln, indem er dessen Sichtweisen in eigenen Worten wiedergibt. Dies erfordert hohes Einfühlungsvermögen und zeigt dem Gesprächspartner Gefühle, Inhalte und Bedürfnisse verstanden zu haben. Der Grad zu einer mechanischen Gesprächsführung ist jedoch schmal, weswegen diese Methode Fingerspitzengefühl voraussetzt.

(Titelbild: Unsplash/Rawpixel)

Über die Autorin

Mit ganz viel Ehrlichkeit, Feingefühl und Liebe für die Sache schreibt unsere Autorin über das Leben mit psychischen Krankheiten. Warum das nicht immer einfach ist und gegen welche Vorurteile sie ankämpft erzählt sie in der Kolumne #letstalkaboutmentalhealth.

Anmerkung der Redaktion: Wenn du selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leidest oder jemanden kennst, der daran leidet, kannst du dir bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Du erreichst diese telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

Informationen und Hilfe bei Depressionen:
https://www.deutsche-depressionshilfe.de

Nummer gegen Kummer für Kinder und Jugendliche: 0800/116 111 Mo. bis Sa. 14-20 Uhr, anonym & kostenlos!

In Stuttgart bietet der Arbeitskreis Leben suizidgefährdeten Menschen, Menschen in Lebenskrisen, Angehörigen, sowie Hinterbliebenen nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen Unterstützung an. Telefon  0711/600 620, hier geht es zur Internetseite >>>

Kassenärztliche Therapeuten in Deutschland:
http://www.kbv.de/html/arztsuche.php

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