Der absolut unvollständige Stadtkind-Jahresrückblick 2018

Bevor wir uns so richtig auf das neue Jahr einlassen, wollen wir noch ein bisschen in Erinnerungen schwelgen: Als wäre es gestern gewesen – es folgt ein unvollständiger und fast unparteiischer Rückblick auf ein ziemlich turbulentes Jahr 2018 im Kessel.

Stuttgart – Was heißt es eigentlich für eine Gesellschaft, wenn selbst ein Zuschauermagnet wie Günther Jauchs sentimental-dramatisches Format „Menschen, Bilder, Emotionen“ einen Quoten-Minusrekord einfährt? Dass die Menschen gar nicht mehr wissen wollen, wie schlimm das Jahr wirklich war? Oder dass niemand mehr Bock auf RTL hat? Leider eher ersteres: „Bauer sucht Frau“ fährt 2018 nämlich immer noch saugute Quoten ein.

2018: X1 und Strafzettel

Doch um es gleich mal zu sagen: Es ist auch 2018 viel Gutes passiert! Man vergisst das nur nach dem ersten Kaffee, wenn all die ausgefallenen S-Bahnen, der X1 (wir sagen übrigens X1 und nicht „Ex One“) im Stau, die unverschämten Mieten, die riesigen Baustellen, die vielen Strafzettel wegen Falschparkens im Westen und der ausgebliebene Lottogewinn vor dem inneren Auge vorüberziehen. Gut, für Letzteres hätte man natürlich überhaupt erst mal spielen müssen, das vergessen die meisten.

Unser täglich Feinstaub

Zunächst also mal das Wichtigste: Eggs Benedict (wir sagen „X Benedict“) sind in der Innenstadt angekommen!!!1!!1 Und trotz Feinstaub sind wir alle noch am Leben. Ich weiß, reichlich unseriös wegen den etwaigen Langzeitschäden und so weiter, aber es geht hier ja nur um 2018. Und das war auch das Jahr, in der die Wagenhallen endlich wieder eröffnet haben. Wir reihen uns deswegen jetzt auch nicht in die lange Reihe der Lästermäuler ein und freuen uns einfach darüber, dass Stuttgart wieder eine kulturelle Spielstätte mehr hat. Ziemlich wichtig, wenn man bedenkt, dass Keller und Gaby‘s Gruft bald wegfallen. Ups, das sind ja nicht gerade good news.

Vom Regen in die Traufe

Ist aber leider oft in Stuttgart so: Auf viele gute Nachrichten folgt mehr oder weniger direkt eine schlechte. Am Österreichischen Platz tut sich endlich was. Ja, aber dafür hat das Fluxus für immer geschlossen! Das Café Gustav ist vom Fleck weg ein wunderbarer Hangout für den Westler geworden. Ja, aber dafür gibt es eine lächerliche Sperrstunde in der Eberhardstraße. Das Hallo Emil feiert den Neckar draußen in Untertürkeim. Ja, aber dafür steht der VfB immer noch kurz vor einem Abstiegsplatz.

Gustav ist neu im Westen. Er mag es gemütlich. (Bild: Tanja Simoncev)

Bester Wein für die Coke

Manchmal kommen gute und schlechte Nachrichten sogar in Personalunion. Wie bei Kraftpaule zum Beispiel, die wir durch ein ziemlich aufregendes Jahr mit vielen Aufs und Abs begleitet haben. Craft Beer war allgemein gefühlt nicht mehr so ein Thema wie noch 2017, Gin dafür immer noch. Warum auch immer. Gut, mittlerweile eher in der Kategorie „bester Gin für Gin and Tonic“, das ist dann ja ein bisschen so, als würde man einen Rotwein küren, der besonders gut zu Cola passt. Andere Trending-Themen gab es im Kessel natürlich auch: Ramen setzt sich nach und nach auch hier durch, von Burgern hat der Stuttgarter aber gefühlt die Schnauze voll. Da lecken sich andere alternativ lieber an einer Tunnelwand satt.

Stuttgart 2018: Nacktheit provoziert irgendwie immer noch! (Bild: Auto Statt Stuttgart)

Mehr starker Alkohol!

Eine Bar zu eröffnen, das geht scheinbar aber immer noch sehr gut. Mit dem Purple Room und der TinTin Bar sind allein in den letzten Monaten zwei neue Konzepte dazugekommen. Schadet ja nicht, solange auf den vorhandenen Flächen nicht noch mehr Shisha-Bars oder Casinos aufmachen. Oder ein weiteres DoQu. Oh, darf man das sagen? Keine Ahnung, ist ja für viele vielleicht auch ein schöner, stimmungsvoller Ort mit… nein, unmöglich, ist es nicht.

Purple Room: Einer der Neuzugänge 2018

Das Ende einer Legende

Cool war 2018 natürlich auch, dass es nicht mal mehr vergünstigte Tickets für den Nahverkehr gab, wenn der Feinstaubalarm durch die Stadt bimmelte. Wieso sollte man es auch attraktiv machen, aufs Auto zu verzichten? Oh, verzichten muss der Süden fortan auch auf seine legendäre Postfiliale in der Böblingerstraße. Eine Google-Bewertung von 1,4, das schafft man nur, wenn man sich wirklich anstrengt. Und wenn man bedenkt, dass die da teilweise einen Mitarbeiter abgestellt hatten, der lieber an der Tür Wache hält, dass niemand mehr reinkommt, anstatt am Schalter zu stehen, ist diese Wertung eigentlich immer noch viel zu gut. Ich hätte ja gern noch ein Human-Abfall-Konzeptalbum über diesen Ort gehört…

Was du Autotune nennst

Besser als die Post haben es generell die Stuttgarter Musikerinnen und Musiker gemacht. Die Nerven, Karies, Kids Of Adelaide, Eau Rouge, Pale Heart, Kaufmann Frust und noch ein paar andere wurden auch überregional gefeiert. Vielleicht kommen sie nicht ganz an Bausa ran, dessen „Was du Liebe nennst“ 120 Millionen Mal gestreamt wurde. Aber dann wiederum benutzen die anderen auch kein Autotune.

Ja, war schon alles relativ wild 2018. Auch wegen Wasen natürlich, dem Flirt-Paradies Nummer eins. Hat natürlich auch eine Platzierung in dieser viral gegangenen Liste über die Sensationsstadt Stuttgart abgestaubt. Na ja, kann man machen, muss man aber nicht. Wichtiger wäre da schon zu erwähnen, dass es dank einiger Jungwinzer endlich mal gescheiten Wein auf dem Weindorf gab. Sage ich. Ach ja, und fast vergessen: Der Sommer war auch gut.

Nie langweilig mit dir, Stuttgart. Obwohl’s manchmal fast schön wäre.

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